Ansichtssache: Agnes Wieser und alle teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler

Ein Kunst-Wumms erschüttert (nicht nur) den Heuboden

Die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler, in der Mitte hinten Agnes Wieser (gepunktet). Foto: Ines Wagner

Ausstellung in der Gemeinde Weyarn

Am Rande des Landkreises löst eine Ausstellung ein mittleres Beben aus: Mit ungeheurem Mut, Fantasie, Visionen, Kreativität und Durchhaltevermögen hat sich eine kleine Gruppe um Künstlerin Agnes Wieser ein Jahr lang daran gemacht, einen Heustadl in ein immersives, begehbares Kunstwerk zu verwandeln.

Geben Sie es ruhig zu: Sie waren noch nie in Kleinhöhenkirchen! Das macht nichts – denn das wird sich nun vermutlich ändern. Seit Samstag schaut die Kulturszene auf den „Kühzagl“, die hinterste Spitze des Kuhschwanzes von Weyarn: auf die letzte kleine Gemeinde vor der Landkreisgrenze und genauer gesagt auf deren Ortsmitte, wo der riesige Heuboden der Familie Wieser steht. Nach Eintritt der Eltern in den Ruhestand hat er sich nun in einen Kunststadl verwandelt. Natürlich nicht mit Simsalabim und auf die Schnelle: Die Tochter des Hofes, Künstlerin Agnes Wieser, hat mit ihren visionären und unerschrockenen Mitstreitern ein ganzes Jahr investiert, um aus dem ehemaligen Heuboden dieses begehbare Gesamtkunstwerk zu schaffen.

Agnes Wieser erläutert, wie "Ansichtssache" entstand
Agnes Wieser erläutert die Entstehungsgeschichte von „Ansichtssache“. Foto: Ines Wagner

Gelungenes Mammutprojekt

Mit mehr als 200 Besuchern bei der Vernissage hatten sie vielleicht selbst nicht gerechnet. Der rege Zuspruch zeigte jedoch deutlich, dass sich der Aufwand gelohnt hatte. Und auch der große Plumps der Anspannung war deutlich zu hören, der vom jungen Organisationsteam abfiel. An Agnes Wiesers Seite standen bei der Vernissage Felix Walter alias Chief Motley und Sandro Thomas alias Antik, die sich von der Idee von Anfang an mitreißen ließen und sie unterstützten. Dazu kamen Laudator Hans-Joachim Bliss sowie die Sängerin und Musikerin Julia Finis, die die Vernissage musikalisch begleitete. Voll des Lobes war auch Weyarns Bürgermeister Simon Pause angesichts des gelungenen Mammutprojektes im fernsten Zipfel seiner weitverzweigten Gemeinde. Die Besuchenden durchlaufen einen dunklen „Geburtskanal“, bevor sie von Wunderkammer zu Wunderkammer vordringen. Die Vielfalt der Arbeiten ist enorm: Jeder der Kunstschaffenden hat seine Bereiche individuell gestaltet und damit einen Teil zum Gesamterlebnis beigetragen, das alle Sinne anspricht.

das analog drehbare Foto-Reel von Christian Neumeister
Das ganz analog drehbare Foto-Reel von Christian Neumeister. Foto: Ines Wagner

Vielfalt im Heuboden

So hat beispielsweise der Fotograf Christian Neumeister eine aufwändige interaktive Installation in einem ehemaligen Betonsilo geschaffen, um seine bemerkenswerten Bilder zu präsentieren. Kuhmistmaler Werner Härtl lädt mit seinen „Beschissenen Aussichten“ in Kuhmist auf die Alm ein – Trittsicherheit und alpine Erfahrung vorausgesetzt – und knüpft damit zugleich an die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes an. Bei Jack Griesbeck landet man zwischen Heurollen in einem Heißluftballon, schreitet über ein in den Boden eingelassenes „goldenes Lamm“ von Werner Härtl, passiert danach Malerei und Fotografie, die begehbare Spiegelwelt „Apate“ von Antonia Leitner und gelangt in den großen Tennenraum, wo zwischen weiteren Bildern und Installationen Barbara Bertrams „Tatzlwurm“ faucht – um nur einige Beispiele zu nennen.

Kuhmistmaler Werner Härtl
Kuhmistmaler Werner Härtl lädt auf die Alm ein – sein Kuhmist-Gipfelpanorama anzuschauen. Foto: Ines Wagner

Erfahrungsraum

„Es war von Anfang an unser Traum, andere Künstlerinnen und Künstler einzuladen, die sich einbringen, damit es ein echtes Gemeinschaftsprojekt wird“, erläuterte Agnes Wieser. „Im Sinne von: Hier kann man sich austoben.“ Anders als in etablierten Ausstellungsräumen, wo kaum ein Nagel in die Wand geschlagen werden darf, wurde in der Scheune der Raum selbst zum Teil der Erfahrung. Beton- und Holzsilos wurden durchbrochen, Beleuchtung in schwindelerregender Höhe montiert, einzelne Kunstkammern, Durchgänge und Durchbrüche geschaffen – ohne den Charme des ehrwürdigen Stadels zu verlieren. Die Initiatoren bedankten sich bei allen Unterstützern, die diese Ausstellung möglich gemacht haben, mit jeweils einem gemeinsam erschaffenen Miniatur-Kunstwerk: der ben7 consulting, Hoppebräu, LiveTec, der LAG Landkreisentwicklung, KulturVision und schließlich der Familie Wieser.

Was glaubst du zu wissen?

„Ansichtssache“ ist ein multidimensionales, immersives Kunsterlebnis: eine Reise durch Raum, Licht und Emotion, die auch Haptik und Geruchssinn nicht ausspart. Ausgangspunkt des Ausstellungsthemas ist die Frage: Was glaubst du zu wissen – und wie sicher bist du dir dabei? Die Ausstellung liefert keine Antworten, sondern immer neue Anregungen: die eigene Wahrnehmung zu schulen, zu prüfen, munter über den Haufen zu werfen und neue Ansichtsweisen auszuprobieren.

Ansichtssache ist ein begehbares Kunstwerk
„Ansichtssache“ ist ein begehbares Kunstwerk: analog, digital, multisensuell – und eben Ansichtssache, denn nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Foto: Ines Wagner

Umfangreiches Rahmenprogramm

Warum klein, wenn es auch groß geht, mögen sich Agnes Wieser und ihre Mitstreiter gefragt haben. Denn wenn man schon knapp ein Jahr lang eine derart aufwändige Ausstellung plant und organisiert, dann soll sie auch eine Weile zu sehen sein – und möglichst von vielen Menschen. Doch wie lockt man die Menschen nach Kleinhöhenkirchen? Indem man ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm gleich noch dazu bietet. Neun Abendtermine bereichern die Ausstellung.

Blick in den Hauptraum, wo auch die Veranstaltungen stattfinden
Blick in den Hauptraum, wo auch die Veranstaltungen stattfinden, vorn: Bildhauer Christian Pöllners „MITTAGEISEN take two, for dinner“. Foto: Ines Wagner

Das Programm reicht von der Lesung mit Schreibsand am 18. September und Kabarett mit Theresia Benda am 19. September über interaktive Vorträge von Felix Walter am 25. September und 2. Oktober bis hin zu Live-Musik mit dem Hahn Schorsch am 26. September und Michael Mayer am 3. Oktober. Dazu kommen eine Reportage mit Jack Griesbeck am 27. September sowie ein Storytelling-Format zum Mitmachen mit Anja Gild am 1. Oktober. Den Abschluss bildet die Finissage am 4. Oktober.

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Die Ausstellung „Ansichtssache“ ist noch bis Sonntag, 4. Oktober, in Kleinhöhenkirchen, Gruber Straße 4, zu sehen: donnerstags, freitags und samstags jeweils von 16.00 Uhr bis 19.00 Uhr, sonntags von 13.00 Uhr bis 16.00 Uhr. Der Eintritt ist frei, die Organisatoren freuen sich über Spenden zur Refinanzierung. Die Kunstschaffenden: Barbara Bertram (Malerei, Installation), Bernd Engelhardt (Malerei), Jack Griesbeck (Fotografie), Werner Härtl (Malerei, Kuhmist-Kunst), Jakob Hinterstocker alias Äzthetik und Antonia Leitner (Bildhauerei), Christian Neumeister (Fotografie), Christian Pöllner (Bildhauerei), Sandro Thomas alias Antik (Malerei, Street-Art), Alexander Walter (Malerei), Gerd-Hubertus Weidenbrücher-Britze (Malerei, KI-Kunst), Felix Walter alias Chief Motley (Raumkunst) und Agnes Wieser (Malerei).

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