
Venedig im September
Blick vom Vaporetto aus auf die Insel San Giorgio bei Venedig, dem Areal der Ausstellung Homo Faber. Foto: Kerstin Brandes
Biennale und Homo Faber: Ein Reisebericht
Venedig ist nicht jedermanns Sache, da touristisch überlaufen, kulturell überfrachtet, oftmals zu nah am Kitsch und mitunter mühselig zu erkunden, aufgrund der unzähligen Brücken über die – zugegeben – pittoresken Kanäle. Und trotzdem ist Venedig im Moment eine Reise wert: Zu der „Biennale di Venezia“ und der Ausstellung „Homo Faber“, die sich im September glücklicherweise überschneiden.
Die Biennale steht dieses Jahr unter dem Motto „In Minor Keys“. Die Kuratorin Koyo Kouoh, die noch während der Vorbereitungsphase verstorben ist, wollte ihrer Zustandsbeschreibung der Gegenwart – „the anxious cacophony of the present chaos“ – eine Ruhe, eine Aufmerksamkeit und eine Innerlichkeit entgegensetzen. Ihr Team hat diese Vision in ihrem Sinne realisiert.

Grass Babies, Moon Babies im japanischen Pavillon. Foto: Kerstin Brandes
In vielen Beiträgen der Künstler spiegeln sich die Krisen der Welt wider und werden diese Missstände auf subtile Art aufgezeigt. Es gibt jedoch auch jede Menge Überbordendes, Bizarres und Phantastisches zu sehen. Neben dem spektakulären österreichischen Pavillon bindet der japanische seine Besucher ebenso in ungewöhnliche Aktionen ein. Ist es bei den Österreichern der Toilettengang, so ist es bei den Japanern das Wickeln von Babypuppen und gemeinsames Singen. Erst befremdlich, aber bei genauerer Betrachtung dann doch mit realem Bezug.

„The Map“ von Alice Mahler und Rachel Fallon. Foto: Kerstin Brandes
Manches mutet wie Kunstgewerbe an und ist folkloristisch gefärbt. Dabei ist der Herstellungsprozess häufig sichtbar, trägt demnach die ganz eigene Handschrift des Künstlers und wirkt nahbar. Viele der ausstellenden Künstler beschäftigen sich mit ihrer Herkunft, der Geschichte ihrer Heimat und deren Fragilität. Oftmals wirken die Umsetzungen spielerisch und leicht. Etliche von ihnen offenbaren hingegen im Nachgang eine überraschende Tiefe und hallen lange wider.

„Permanent Address“ von Sumakshi Singh im indischen Pavillon. Foto: Kerstin Brandes
The Ear is The Eye of The Soul
Einer der bemerkenswertesten Beiträge zur Biennale 2026 befindet sich weder in den Giardini noch im Arsenale, sondern im Giardino Mistico. Es ist der Pavillon des Vatikanstaates. Angrenzend an das ruhelose Bahnhofsareal eröffnet der 500 Jahre alte Klostergarten der Carmelitani Scalzi, der barfüßigen Karmeliten, eine andere Welt. Kuratiert von Hans Ulrich Obrist und Ben Vickers setzt der Spaziergang, vorbei an Weinstöcken, Kräutern und Bäumen, das Motto der Biennale geradezu perfekt um: Entschleunigung, Kontemplation und Wahrnehmung von Zwischentönen.

Giardino Mistico. Foto: Kerstin Brandes
Über Kopfhörer werden beim Betreten der verschiedenen Bereichen des Gartens automatisch Musikwerke und Lyrik gestartet. So gehen die Gesänge der Benediktinernonnen aus der Abtei der Hl. Hildegard in Eibingen in Klänge von Jim Jarmusch und Kazu Makino über. Nach der Rast auf einer Bank mit Ausblick auf das Wasser zu Tönen vom Soundwalk Collective ist in einer kleinen Kapelle Patti Smith zu hören. Ein paar Schritte weiter überrascht FKA twigs. Das Ganze ist eine genre- und generationenübergreifende Mischung aus 22 akustischen Positionen, die wie eine Audio-Meditation anmuten.
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Homo Faber 2026
Bereits zum vierten Mal findet auf der Insel San Giorgio Maggiore die Homo Faber Biennale statt. Die Ausstellung zeigt 700 Objekte von 500 Handwerkern aus mehr als 70 Ländern. Vom Markusplatz aus startend, gelangt man schnell mit einem Vaporetto zu dem kleinen Eiland in der Lagune, auf dem sich lediglich die Kirche und die Klosteranlage befinden. Die Ursprünge der Benediktiner-Abtei gehen bis ins 10. Jahrhundert zurück und werden seit den 1950er Jahren als Kultur- und Forschungszentrum der Fondazione Giorgio Cini genutzt.

Blick in den Klostergarten mit „A Great Turning“. Foto: Kerstin Brandes
Die Ausstellung unter dem Motto „An Island of Light“ ist in elf Stationen auf ganze Gebäude, einzelne Räume und Kreuzgänge verteilt, die jeweils Objekte zu einem speziellen Thema präsentieren. Zudem werden Workshops für Kintsugi, der japanischen Technik des Reparierens von Porzellan, und für Hanko, der Kunst des Schnitzens von Holzstempeln, angeboten. In einem der Ausstellungsräume sind Werktische eingerichtet und man kann Handwerkern bei der Anfertigung der Kleinode über die Schulter schauen. Nicht nur diese Schaffenden geben gerne und profund Auskunft über den Herstellungsprozess, sondern auch die unzähligen Ansprech- und Aufsichtspersonen auf dem Areal.

„A Rainbow of Forms“. Foto: Kerstin Brandes
Grenzüberschreitungen
Beim Betreten der Ausstellung wird deutlich, dass sich hier eine andere Welt zeigt: Entschleunigt, leise, das kleinste Detail wertschätzend, unglaublich achtsam, mit einem liebevollen Blick auf Dinge und auch etwas verträumt. Kunsthandwerk, das nicht selten die Grenze zur Kunst überschreitet, wird hier perfekt in Szene gesetzt. Die Räumlichkeiten, die Präsentation und die einzelnen Objekte verschmelzen zu einem ästhetischen Gesamtbild. Eine schier unendliche Vielfalt an Materialien und Fertigungstechniken ergeben eine breite Palette von Arbeiten aus beispielsweise Keramik, Holz, Papier, Glas, Stein, Bambus und Metall. Einzelne Handwerker stellen genauso aus wie große, renommierte Betriebe. Allen ist jedoch eines gemein: Der Anspruch an höchste Präzision und Perfektion.

Objekte unter dem Motto „A Feast of Light“. Foto: Kerstin Brandes
A Full Moon Rising
Im Art-Deco Schwimmbad, das allein durch sein Design schon sehenswert ist, sind bauchige Vasen wesentlicher Bestandteil einer ganz eigenen, sehr ästhetischen Installation. Eindrucksvoll entsteht langsam ein Vollmond im Becken, indem sich ein Halbkreis aus dem Wasser emporhebt. In ihm sind Vasen platziert, deren Form sich an traditionelle koreanische Gefäße lehnt und die aufgrund ihrer Optik als ‚Mondkrug‘ bezeichnet und zum Transport von Wasser genutzt werden. Die Vasen am Beckenrand nehmen wiederum diese Tradition mit ihrer Oberflächen- und Farbgestaltung auf.

„A Full Moon Rising“. Foto: Kerstin Brandes
Die Homo Faber erscheint wie eine kleine Oase, eine heile Welt, etwas entrückt. Dies wird umso deutlicher, sobald man den Rückweg auf dem Boot in die Hektik der Lagunenstadt antritt. Weitere Themengebiete der Ausstellung sind „A Language of Hands“, „An Alphabet of Objects“, „A Library of Lungs“, „A Rooted Ascent“, „An Infinite Birdsong“, „A Luminous Arc“ und „Twenty Silent Songs“. Auf dem Areal laden zudem lauschige Plätze mit Sitzgruppen und diverse Restaurationen zum Verweilen ein.