
„Lori“ – ein DDR-Familien- und Gesellschaftsroman
Lori, Roman von Anousch Mueller. Foto: Hannah Miska
Neuerscheinung auf dem Buchmarkt
„Ganz leicht wird es nicht sein für Sie, den zweiten Roman zu schreiben. Lassen Sie sich Zeit!“, richtete sich Prof. Dr. Hans-Martin Gauger in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Jürgen Ponto-Preises an Anousch Mueller. Das war im Dezember 2013.
An diese Worte des renommierten Sprachwissenschaftlers hat sich Anousch Mueller gehalten. Erst dreizehn Jahre später jedenfalls veröffentlicht sie nun ihren zweiten Roman. Ob es ihr leicht gefallen ist, ihn zu schreiben, wissen wir nicht – dass ihr erneut ein großer Wurf gelungen ist, das schon.
Thüringen: Leben auf dem Bahnhof
Lori, so heißt der Roman, ist ein schmaler Band von nur 205 Seiten. Er ist leichtfüßig erzählt und zugleich von einer ungeheuren Dichte. Die Geschichte beginnt in den 90iger Jahren mit einem kleinen Unfall der Ich-Erzählerin Leni, die sich bei einem Sturz Schulter, Arm und Rippen bricht. Das gibt ihr Zeit, von sich, ihren fünf Geschwistern und von Mama und Papa zu erzählen. Die Familie lebt, abseits von einem kleinen thüringischen Dorf, in einem alten Bahnhofsgebäude an einem längst stillgelegten Bahnhof, in dem zuvor „Asoziale, Räuber, Schläger, Politische“ gewohnt haben. Oder „Leute, die wie meine Eltern in Verdacht graten waren….jeder im Dorf wusste: Wer auf den Bahnhof zog, hatte etwas auf dem Kerbholz.“

Anousch Mueller. Foto: Marlen Mueller
Irgendetwas stimmt nicht, einstweilen erfährt man jedoch das Bild einer turbulenten, fröhlichen, intakten Familie. Die Mutter ist zwar gedanklich oft zurückgezogen und liest in jeder freien Minute, dafür ist der Vater umso warmherziger und mit seiner offenen, hilfreichen Art auch beliebt im Dorf. Er ist Sanitäter, früher hat er mal Häuser gebaut – ganz weit weg in einem anderen Land, bunte Häuser hat er da gebaut und immerzu an seine Kinder gedacht. „Papa wünschte sich, dass wir fröhlich sind, denn wenn man fröhlich ist, vergeht die Zeit schneller, und dann wären wir alle ganz bald wieder zusammen.“
Das Schweigen
Es ist ein Mosaik von Andeutungen und offenbar gibt es viele Dinge, über die nicht offen gesprochen wird in der Familie. So vor allem auch über Lori, die – das erfährt der Leser auf Seite 24 – “auf dem Grund der Ostsee ruht“. Warum, erfährt der Leser erst viel später – es gibt noch viele dieser Cliffhänger im Buch.
Leni, die wir durch ihre Pubertät und Jugend bis ins Erwachsenenalter hinein begleiten, spürt die irritierenden Leerstellen in der Familie und bringt die bestürzenden Ereignisse der Vergangenheit nach und nach ans Licht. Jugendfreund Lutz, Punk, Gedichte-Schreiber und Psychiater, ist dabei ein ständiger Begleiter, die Langzeit-Freundschaft wärmt und ist anrührend erzählt. Dennoch: Auch hier gibt es einen seelischen Bruch, der uns zum Schluss (mit einem von Lutz‘ Gedichten) ratlos zurücklässt. Anousch Mueller ist keine fürs Happy End.
Repression, Verrat und Verdrängung
Anousch Mueller, geboren und aufgewachsen in Erfurt, arbeitet mit geschickten Rückblenden, die das Leben der Eltern Katharina und Robert ausleuchten und bis in die 70iger Jahre der DDR zurückreichen. Dabei zeichnet sie ein ausgezeichnetes geschichtliches Sittenbild der Arbeiter- und Bauernrepublik mit all seinen gesellschaftlichen und psychischen Verwerfungen – mehr darf an dieser Stelle, um nicht zu spoilern, nicht verraten werden. Die traumatischen Erlebnisse in einem repressiven Staat – verbunden mit den Themen Verlust, Verrat, Angst, Verdrängung und Schweigen – sowie deren Folgen bis in die nächste Generation hinein sind Gegenstand des Buches: eindringlich, hochspannend und mit einem untrüglichen Gespür für seelische Zwischentöne erzählt.
Ein klug komponierter, preisverdächtiger DDR-Roman.
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