Deutsche Geschichte(n)

Im Film „Vaterland“ spielt Hanns Zischler (links) den Schriftsteller Thomas Mann, Sandra Hüller spielt Erika Mann. Foto: Agata Grzybowska, Neue Visionen

Film im FoolsKINO

Er wird bereits als Kandidat für den Oscar gehandelt, den wohl berühmtesten Filmpreis der Welt: „Vaterland“ erzählt von der Reise, die Thomas Mann und seine Tochter Erika nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch Deutschland gemacht haben. Dabei verbindet der Film gleich zwei deutsche Geschichten miteinander.

An einer Stelle sagt Erika Mann, gespielt von Sandra Hüller: „Ich will nach Hause, Papa“, fast schon fleht sie ihren Vater Thomas Mann (Hanns Zischler) an. Der lacht nur kurz auf und antwortet: „Wo ist das?“. In diesem Dialog ist der Kern des Films von Regisseur Paweł Pawlikowski angelegt: Es geht um Heimatlosigkeit und das gleich in mehrfacher Weise.

Von Frankfurt nach Weimar

Denn zum einen begleitet der Spielfilm Vater und Tochter Mann auf ihrer Reise durch Deutschland. Von Frankfurt nach Weimar geht der Roadtrip und damit von der amerikanischen in die sowjetische Besatzungszone – Thomas Mann zwischen den Fronten, überall will man den berühmten Schriftsteller für sich vereinnahmen. So trifft er auf ganz verschiedene Gruppen, Generäle, Wagner-Liebhaber, ganz „normale“ Menschen. Man bewundert den großen Thomas Mann, manchmal beschimpft man ihn auch. Die Manns reisen also durch Deutschland, das Land, aus dem der berühmte Schriftsteller einst geflohen war. Paweł Pawlikowski macht in dem 82-minutügen Spielfilm die ganze Zerrissenheit greifbar, die nach dem Krieg bei Menschen wie Thomas Mann vorherrschte. Heimat, wo ist das?


Vater und Tocher haben im Film mit mehreren Heimatlosigkeiten zu kämpfen. Foto: Agata Grzybowska, Neue Visionen

Familie und Heimat

Das Gespann aus Vater und Tochter muss indes nicht nur mit der physischen Heimatlosigkeit umgehen. Auch der Suizid von Erikas Bruder Klaus belastet die beiden und ihre Beziehung. „Die Tochter konfrontiert den Vater mit familiärer Schuld und gesellschaftlichem Schrecken und verzweifelt authentisch in ihrem eigenen Schmerz um den geliebten Bruder“, so heißt es im Begleitmaterial zum Film. So wird auch Familie letztlich zur verlorenen Heimat, wie der Film stilistisch eindrücklich erzählt.


Thomas Mann hat 1949 tatsächlich Deutschland bereist. Allerdings wurde er nicht von seiner Tochter, sondern von seiner Frau begleitet. Foto: Agata Grzybowska, Neue Visionen

Historische Realität

Interessant dabei ist, dass der Film an dieser Stelle leichte Modifizierungen im Vergleich zur historischen Realität vornimmt – was ihm als Spielfilm durchaus erlaubt ist. Thomas Mann ist 1949 tatsächlich durch Deutschland gereist. Der Suizid seines Sohnes fand indes nicht während, sondern vor der Reise statt. Und begleitet wurde der Autor nicht durch seine Tochter – die weigerte sich damals noch, Deutschland zu betreten -, sondern durch seine Frau. Doch genau diese Mischung aus historischem Material und dem freien Umgang damit zeichnet das Ansinnen von Regisseur Paweł Pawlikowski aus. Geschichte kann möglicherweise eben nicht einfach nacherzählt werden. Vielmehr gilt es, das, was an der Geschichte wertvoll ist, in Geschichten zu erzählen. Der hochkarätig besetzte Film „Vaterland“ tut dies. Zu sehen ab heute im FoolsKINO in Holzkirchen.

Am heutigen Donnerstag kommt „Vaterland“ in die Kinos. Im Holzkirchner FoolsKINO läuft er um 20.30 Uhr. Tickets gibt es online oder an der Kinokasse.

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