
Fraueninsel im Regen
Klostergarten der Benediktinerinnen. Foto: iw
Ausflugstipp
Das Kloster, die Künstlerkolonie und vier vergessene Dichterinnen von Frauenchiemsee – ein Ausflug auf die Fraueninsel. Im Gepäck: „Die Fraueninsel. Auf den Spuren der vergessenen Dichterinnen von Frauenchiemsee“, der „Kleine Inselführer“ und ein großer Regenschirm.
Kein gleißendes Blau, keine Scharen von Ausflüglern auf dem schmalen Steg – an diesem Tag zieht der Regen tief über den Chiemsee. Und gerade das macht die Fraueninsel zu einem Ort, an dem Geschichte und Literatur besonders leise von sich erzählen: das Kloster Frauenwörth, ein knapp zwei Kilometer langer Rundweg und die Spur von vier Schriftstellerinnen, die um 1900 auf der Insel lebten und arbeiteten, heute aber fast vergessen sind.
Von Gstadt aus legt das Schiff ab und bald ist das Ufer nur noch ein grauer Strich. Regentropfen laufen in feinen Bahnen über die Fensterscheiben. Vorne im Dunst taucht die Insel auf: zuerst nur ein Schattenriss, dann deutlich der Campanile von Frauenwörth. Wer die Fraueninsel bei Sonnenschein kennt, mit ihren Ständen voller Fisch-Semmeln und den Reihen wartender Tagesgäste, erlebt an einem solchen Tag ein anderes Eiland. Ruhiger und echter – ein Ort, auf den man sich mit Muse einlassen kann.
Ein Dorf ohne Autos
Mit ihren gut 13 Hektar ist die Fraueninsel überschaubar – der Rundweg ist sogar im Schlenderschritt in einer knappen Stunde zu schaffen. Rund 250 Menschen leben dort das ganze Jahr über, ohne Auto, ohne Straßenlärm, mit dem Schiff als einziger Verbindung zum Festland.

Blick durchs Gitter aufs Gästehaus im Klosterhof. Foto: iw
Gleich hinter dem Dampfersteg beginnt die Mauer der Abtei Frauenwörth, die auf eine Gründung im 8. Jahrhundert zurückgeht und bis heute von Benediktinerinnen bewohnt wird. Besichtigen lässt sich das Klosterinnere nicht. Aber gerade diese Abgeschlossenheit gibt dem Rundgang seinen eigenen Rhythmus: Man geht außen entlang, hört nichts als den Regen, und stellt sich vor, wie hier seit der Gründung Menschen in stiller Kontemplation am Ufer entlangwandelten.
Vor dem Münster öffnet sich der Weg wieder. Der wuchtige Campanile mit seinem geschweiften Zwiebelhelm, eines der bekanntesten Wahrzeichen des Chiemsees, überragt Kirche und Friedhof. Im Innern der Kirche liegt das Grab der seligen Irmingard, der Klosterpatronin. Auf dem Friedhof ringsum stehen Namen von Ärzten, Professoren, Malern, Schriftstellern – Zeugen jener zweiten Geschichte, die auf der Insel neben der geistlichen entstand.

Blick ins Münster auf den Altar mit dem Bildnis der Irmengard. Foto: iw
Ab dem frühen 19. Jahrhundert wurde Frauenchiemsee zu einem der produktivsten Künstlertreffpunkte Bayerns. Rund um das Gasthaus versammelten sich Maler und Schriftsteller, angezogen vom besonderen Licht über dem See und von der Abgeschiedenheit der Insel. Diese Geschichte der Künstlerkolonie ist gemeinhin bekannt, ihre Bilder hängen in Museen und ihre Namen stehen in Reiseführern. Von Maximilian Haushofer, dem Begründer der Künstlerkolonie bis hin zu berühmten Gästen wie Christian Morgenstern. Auch die Heimatdichter Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer nutzten die Insel zeitweise als Refugium.
Die Künstlerkolonie und ihre vergessene Hälfte
Weniger bekannt ist, dass auch Frauen zu dieser Kolonie gehörten – und zwar nicht als Randfiguren, sondern als eigenständige, zu ihrer Zeit durchaus bekannte Autorinnen. Die Münchner Literaturwissenschaftlerin Ingvild Richardsen hat vier von ihnen 2017 in ihrem Buch „Die Fraueninsel. Auf den Spuren der vergessenen Dichterinnen von Frauenchiemsee“ wieder sichtbar gemacht: Emma Haushofer-Merk, die in ihren Chiemseenovellen den Zauber der Insel einfing und die Landschaft nicht bloß als Kulisse benutzte, sondern als Spiegel innerer Zustände; Carry Brachvogel, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, die der Insel in journalistischen Essays ein feinsinniges Denkmal setzte und 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde; Marie Haushofer, die die besondere Atmosphäre der Insel in Aquarellen und poetischen Versen festhielt; und Eva Gräfin von Baudissin, die mit ihren Texten sogar englische Touristen an den Chiemsee lockte.

Die Fraueninsel – Buchcover Volk Verlag Foto: iw
Ingvild Richardsen beschränkt sich in ihrem Buch nicht auf biografische Skizzen. Sie lässt die vier Frauen selbst zu Wort kommen – mit Novellen, Essays, Zeitungsartikeln, Gedichten, Aquarellen –, ergänzt um historische Hintergründe zu ihrer Zeit und zur Kultur der Insel. Wer mit diesem Wissen über die Fraueninsel geht, sieht sie anders: nicht nur als Kloster- und Künstlerdorf, sondern als einen Ort, an dem Frauen um 1900 selbstbewusst schrieben, malten und für ihre Rechte eintraten – und dabei fast in Vergessenheit gerieten.
Ein Rundgang, der zum Lesen führt
An der Torhalle, einem der ältesten erhaltenen Gebäude der Insel, wird die Vergangenheit noch einmal greifbar: schmale Gassen, Fischerhäuser mit Krautgärten, Wäscheleinen zwischen den Fensterläden. Wenig später öffnet sich der Blick wieder zum See – bei Regen fast in Schwarzweiß, Wasser und Himmel sind kaum zu unterscheiden. Vielleicht erklärt gerade dieses Reduzierte, warum Malerinnen wie Marie Haushofer und Schriftstellerinnen wie Emma Haushofer-Merk hierherkamen: nicht wegen spektakulärer Motive, sondern wegen der Stille, die zum genauen Hinsehen zwingt. Wäre es nicht so nass überall, lüden Bänke dazu ein, sich auf ihnen niederzulassen und etwa in die Lektüre von Carry Brachvogels „Drei bayerische Kleinodien“ einzutauchen. So aber ist der Literaturgenuss nur aufgeschoben – auf das trockene Sofa zuhause.
Zurück im Regen
Am Ende führt der Weg wieder zum Dampfersteg, vorbei am Campanile und dem sogenannten Frauengang an der Klostermauer, hinter der das Leben der Benediktinerinnen unbeeindruckt vom Wetter weitergeht. Deren öffentliches Seminarprogramm ist übrigens beeindruckend und umfangreich: Das Kloster betreibt seit 1838, unterbrochen von der Zeit als Mädchenrealschule bis 1995, einen ausgesprochen aktiven Erwachsenenbildungsbetrieb mit etwa 600 Seminaren pro Jahr. Das Angebot reicht von Einkehr, Besinnung und Meditation bis zu Bildender Kunst, Musik und Tanz. Es lohnt sich also unbedingt, wiederzukommen, beim nächsten Mal vielleicht sogar hinter die Klostermauern zu schauen.
Noch ein Stück Kuchen und einen dampfenden Kaffee unter den tropfenden Schirmen im Garten des Inselwirts, dann geht’s zurück auf das Schiff. Auf der Rückfahrt löst sich die Insel im Regen auf. Zum Gepäck aus zwei Büchern und einem Regenschirm gesellt sich der Eindruck eines Ortes, der an einem grauen Tag nichts beweisen muss und gerade deshalb lange nachwirkt.
Weiterlesen: „Evas Töchter – Münchner Schriftstellerinnen und die moderne Frauenbewegung 1894 – 1933“ von Ingvild Richardsen