
Kunst über Musik im Artegio Museum in Yufuin, Japan
Neben dem Flügel und der gläsernen Notenblätter-Installation setzt die pinkfarbene Geigen-Skulptur einen farbigen Akzent. Foto: Helen von der Höden
Reisebericht aus Japan
Ein Betonwürfel, versteckt im Wald, eine Installation aus dreidimensionalen Notenblättern und eine Stille, die von der künstlerischen Auseinandersetzung mit Musik erfüllt ist. Das Artegio Museum im japanischen Yufuin ist kein gewöhnliches Museum, sondern ein kleines Geheimnis, das entdeckt werden will.
Das Guggenheim und das MoMA sind den meisten Menschen ein Begriff. Doch die spannendsten Museen sind oft die kleinen und unscheinbaren, über die man nur zufällig stolpert. Genau diese Diamanten stellen wir in unserer Serie „Museen der Welt“ vor: außergewöhnliche Orte aus aller Welt, die neugierig machen und von denen man nur wenig liest. Den Auftakt macht ein stiller und zugleich exquisiter Vertreter, das Artegio Museum im japanischen Yufuin.
Überraschung in der Onsen-Stadt
Ich habe im April 2026 Kyushu bereist. Die südlichste Hauptinsel Japans liegt abseits der üblichen Touristenrouten und bietet wunderschöne Natur, Kultur und vor allem auch Thermalquellen. Yufuin liegt im nördlichen Teil Kyushus und ist einer jener Orte, die für ihre heißen Quellen bekannt sind. Den ganzen Tag steigen Rauchsäulen über der Stadt auf. Was auf den ersten Blick wie Qualm aus Industrieschornsteinen oder Feuer wirkt, ist kochend heißer Dampf aus natürlichen heißen Quellen. Die Japaner nennen ihre heißen Quellen „Onsen“ (übersetzt heißt das wortwörtlich „warme Quelle“).

Der Kinrinko-See mit Mount Yufu und einer Dampfsäule im Hintergrund. Foto: Helen von der Höden
Der Besuch in einem Onsen ist mehr als eine Sauna: Er ist eine feste soziale Größe in der japanischen Kultur, und die Badekultur ist ein eigener Tourismuszweig. Im Wasser der heißen Quellen findet sich eine Fülle von Mineralien, von Natrium bis hin zu Kalzium und Chlorid. Yufuin besitzt ca. 800 Thermalquellen und ist in Japan sehr bekannt für das klare, weiche Thermalwasser: Es ist türkisblau, alkalisch, hautschonend und soll bei Gelenkschmerzen sowie Erschöpfung helfen.
Der überschaubare Ort lässt sich gut zu Fuß erkunden: Vom Bahnhof, wo ein Fußbad zum Start einlädt, führt die belebte Hauptstraße Yunotsubo Kaido mit Cafés, Kunsthandwerk und kleinen Läden hinunter zum Kinrinko-See.

Dampf aus einer heißen Quelle. Foto: Helen von der Höden
Dass es in diesem kleinen Ort inmitten unberührter Natur ein hochkarätiges Museum mit dem Schwerpunkt Musik gibt, hatte ich nicht erwartet.
Musik und Kunst – Augen und Ohren
Das Artegio Museum gehört zum Gelände des berühmten Luxus-Ryokans Sanso Murata, ist aber für alle Besuchenden zugänglich. Schon die Architektur des Museums ist ein Statement. Von außen wirkt der Betonwürfel schlicht, fast verschlossen. Doch kaum betritt man das Gebäude, verändert sich dieser Eindruck. Eine lange, schmale Rampe zieht mich förmlich in das Museum hinein, an ihren Wänden die Silhouette einer Figur, die Trompete spielt. Sie kündigt bereits das Thema an, das die Ausstellung durchzieht: die Beziehung zwischen Musik und Kunst.
Die Räume sind minimalistisch und architektonisch bis ins Detail durchdacht: Sichtlinien brechen ab, Perspektiven spielen mit der Wahrnehmung. Das Museum wirkt klein, doch beim Durchstreifen eröffnen sich immer mehr Exponate und es stellt sich bei mir eine leise Freude ein, als entdeckte ich einen unerwarteten Schatz.

Die lang gezogene Ausstellungshalle mit Blick auf die Bibliotheksebene im Hintergrund. Foto: Helen von der Höden
Die Poesie der Noten
Das Herzstück des Museums ist die Installation „Echoes“ von Yutaka Kimura, die es schafft, Musik sichtbar zu machen. Das Werk kombiniert die visuelle Struktur von Notenblättern mit modernem lichtdurchlässigem Material. Die Partitur von Mozarts Sinfonie Nr. 40 in g-Moll wurde auf sich überlagernden Plexiglas- und Lexanplatten gedruckt. Es sind Noten, die gelesen oder auch nur betrachtet werden können, die sich überlagern und immer neu verzerren. Je nach Blickwinkel und Sonneneinfall durch die großen Fensterflächen bricht sich das Licht neu. Die Noten sind nicht nur Werkzeug, sondern eine Augenweide und machen die Musik physisch im Raum greifbar.
Neben zeitgenössischen Arbeiten zeigt das Haus Werke von Künstlern wie John Cage und Man Ray, die selbst an der Grenze zwischen Musik und Bild gearbeitet und die Trennung von Sehen und Hören infrage gestellt haben. Andy Warhols Pop-Art-Porträt von Ludwig van Beethoven, überlagert mit Notenlinien und Farbflächen, verbindet Klassik und Moderne. Dekonstruierte Geigen in leuchtendem Yves-Klein-Blau und Pink stehen in Vitrinen wie Skulpturen.

Die Installation „Echoes“ von Yutaka Kimura, durchflutet von Tageslicht. Foto: Helen von der Höden
Kann Musik auch nur gesehen werden?
Das Besondere am Artegio ist eine bewusst gestaltete, fast meditative Ruhe. Paradox, dass ein Museum, das sich mit Musik beschäftigt, so lautlos sein kann: Es spielt keine Musik, die Besuchenden sprechen nicht, und auch von außen dringt kein Geräusch ins Innere. In dieser Stille schärfen sich die Sinne: Ich achte auf das Licht, auf die Textur der Betonwände, auf die Schatten, die durch die Fenster fallen, und betrachte intensiv die Kunstwerke.

Werke von Cy Twombly säumen den Gang. Foto: Helen von der Höden
Verstärkt wird dieser Eindruck durch die räumliche Gestaltung. Die gemütlichen Sofas in der angeschlossenen Bibliothek laden zum Verweilen ein, nicht zum schnellen Durchwandern. Mit über 1.000 Bänden, überwiegend zu Musik und bildender Kunst, kann man noch tiefer eintauchen, lesen, nachdenken, Partituren studieren oder einfach träumen. Während die Onsen-Kultur Yufuins den Körper nährt, nährt das Artegio den Geist.

Die museumseigene Bibliothek mit über 1.000 Bänden zu Musik und bildender Kunst. Foto: Helen von der Höden
Mehr als ein Museum
Neben dem Museum gibt es ein elegantes Café, das Théo, mit Blick auf den Wald, den wechselnden Himmel und die vielfältige Natur. Hier lässt sich die Ruhe des Museums bei Kaffee, feinen Pralinen und lokalen Kleinigkeiten ausklingen.

Kaffee und kunstvolle Süßigkeiten im Café Théo. Foto: Helen von der Höden
Die benachbarte Schokoladenmanufaktur Théomurata bietet handgemachte Schokolade und stilvolle Mitbringsel.

Kunstvolle Kerzenobjekte im Souvenirshop in der Manufaktur Théomurata. Foto: Helen von der Höden
Musik wird greifbar
Was das Artegio besonders macht, ist die einfache, tiefe Idee, dass Musik nicht nur gehört, sondern auch gesehen, gefühlt und im Raum erlebt werden kann. Das Museum lädt ein, die Erwartung an Musik zu hinterfragen und auch ihre visuelle Schönheit wahrzunehmen.

Die umliegende Natur mit Ahorn und Bachlauf lädt zum Innehalten ein. Foto: Helen von der Höden
Das Artegio ist weder groß noch spektakulär, und trotzdem ist es mir stark im Gedächtnis geblieben und hat mich bewegt. Es ist einer jener versteckten Orte, die es braucht: kein Museum unter vielen, sondern ein Raum für Stille und Kontemplation. Wer nach Yufuin kommt, um zu entspannen, findet in der Onsen-Kultur genau das. Wer auch seinen Geist anregen möchte, dem lege ich den Besuch dieses Kleinods ganz besonders ans Herz.
Lesetipp: Verkaufsmaschine des ewigen Lächelns
Öffnungszeiten: 10:00–16:30 Uhr (Mittwoch geschlossen)
Eintritt: 600 Yen (Erwachsene) / kostenlos für Gäste des Sanso Murata Ryokan
Webseite: sansou-murata.com/facilities/artegio
Beste Besuchszeit: Frühling (Kirschblüten) und Herbst (Herbstfärbung), besonders schön ist der Mai, wenn die Natur in voller Blüte steht und die Luft klar ist.