
Das Bild unter dem Bild
Die bekannte Villa Grävenitz als Pop-up-Galerie. Foto: KS
Pop-up-Ausstellung in Kreuth
Eine Pop-up-Ausstellung mit farbintensiven, abstrakten Bildern von Dunja Dautzenberg verwandelte eine derzeit leerstehende Wohnung für ein Wochenende in eine gut besuchte Galerie. Wundern dürfte sich das betagte Haus darüber kaum – schließlich blickt die Villa Grävenitz auf hundert Jahre voller Überraschungen zurück.
Gemalt hat Dunja Dautzenberg beinahe schon immer, doch besonders viel Zeit hat die Ergotherapeutin ihren Gemälden in den letzten drei Jahren gewidmet. Prägten ihre jungen Jahre Michael Rutkowsky (verst. 2021), Künstler und Beuys-Schüler, so fand die in Köln geborene Malerin im Tegernseer Tal mit Jürgen Welker einen neuen Lehrer.

Dunja Dautzenberg bei der Ausstellungseröffnung. Foto: KS
Seit zwanzig Jahren wohnt Dunja Dautzenberg bereits in Kreuth. Die meisten der in der Villa Grävenitz gezeigten Bilder entstanden im Atelier des bekannten Malers Jürgen Welker in der Rosenstraße in Tegernsee. „Jürgen Welker gibt mir den Raum, den ich brauche, und motiviert mich“, sagt Dautzenberg. „Eine Rückmeldung von ihm zu meinen Bildern ist, dass sie dadurch beeindrucken, dass sie nicht gefallen wollen.“
„Ich entscheide, wann es fertig ist“
Für Dunja Dautzenberg ist es entscheidend, selbst den Moment zu erspüren, an dem ein Bild fertig ist. Nicht selten sei ein Bild genau an dem Punkt unter dem Wasserhahn gelandet, an dem andere es bereits als gelungen empfunden hätten. Nur ein Restbestand bleibt dann in der Endfassung erhalten – als „Bild unter dem Bild“, eine verborgene Schicht im fertigen Gemälde.

Bild ohne Titel. Foto: KS
Kein Titel, keine Signatur am Bild
Aus diesem Zugang entstehen farbintensive, vielschichtige Werke, die meisten mit Acryl- und Acryl-Airbrushfarben gemalt, manche auch mit Ölfarben. Namen bekommen die Bilder keine. Dautzenberg malt für sich und beschreibt den Prozess als ein Fließen, in dem das eigene Wollen nicht im Vordergrund steht. Die Interpretation überlässt sie ganz dem Betrachter: Kein Titel schränkt die Phantasie ein, keine Vorgabe bestimmt, wie ein Bild zu hängen hat. Signiert sind die Werke deshalb auf der Rückseite – damit sie daheim auch auf dem Kopf stehend gefallen können.

Farbintensive Bilder. Foto: KS
Ein Haus mit Geschichte
Über ihre neue Rolle als Galerie dürfte sich die Villa Grävenitz kaum gewundert haben. Erbaut wurde sie 1907/08: Alexandrine „Sascha“ Gräfin von Schlippenbach beauftragte mit Gabriel von Seidl einen der bedeutendsten Architekten des Historismus und legte damit den Grundstein für die wechselvolle Geschichte des Hauses. Ein spektakulärer Fund in einem Wiener Antiquariat brachte später das originale Gästebuch der Villa aus den Jahren 1908 bis 1938 ans Licht – es dokumentiert Besuche hochrangiger Persönlichkeiten aus Adel, Politik, Wirtschaft und Kunst. Später beherbergte das Gebäude auch eine Seniorenresidenz und bis heute Wohnungen für „ganz normale Menschen“. Warum also nicht auch moderne Kunst?

Kunst auf der Fensterbank. Foto: KS
Die Atmosphäre der Pop-up-Ausstellung war von Leichtigkeit geprägt: kleinere Bilder auf den breiten Fensterbänken der hohen Holzfenster, größere Gemälde locker verteilt in den großzügigen Räumen, dazwischen interessierte Besucher mit Sektgläsern und vielen Fragen. Dunja Dautzenberg erklärte ihre Techniken – von Schüttung über Verlauf und Mischtechnik bis zum Einsatz von Druck – und überließ die Gäste anschließend wieder ganz ihrer eigenen Interpretation. Die Villa Grävenitz, mit offenen Fenstern und Türen im Sonnenlicht, schien das Fest zu genießen.
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