
Von der Raupe zur Geigerin
Die Raupe Vivaldi und der Maulwurf. Foto: Petra Kurbjuhn
Ballettabend in Miesbach
Ein Feuerwerk an Ideen, Musik, Tanz und ganz viel Begeisterung aller Mitwirkenden auf der Bühne – das war die Premiere von „Die Raupe Vivaldi“ von der Ballettschule Holzkirchen unter der Leitung von Isabella Winkler im Festsaal des Waitzinger Kellers. Hinter dem Feuerwerk aber verbirgt sich eine poetische Geschichte.
Diese ist von Selina Benda nach einer Idee von Isabella Winkler im Programmheft nachzulesen. Es geht um die kleine Raupe Vivaldi, die anders als alle anderen Raupen ist und dadurch ausgeschlossen, traurig und einsam. Der große Maulwurf aber nimmt sie an der Hand und sie fühlt sich geborgen, entwickelt sich, wird größer und findet letztlich in den Klängen der Geige ihre Erfüllung.

Isabella Winkler. Foto: Petra Kurbjuhn
Diese wunderschöne Geschichte hat Isabella Winkler mit ihren Mitchoreografinnen Rahel Zelenkowits, Melina Nienhaus und Eleonore Donkova zu kurzen, musikalisch stimmigen Tänzen ihrer etwa 400 Schülerinnen und Schüler umgesetzt.

Die Schneeflocken. Foto: Petra Kurbjuhn
Die begeisternde Vorstellung umfasst die berühmten „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi, in denen das Publikum die Entwicklung der kleinen Raupe zur großen Geigerin miterleben darf. Sie startet mit dem Winter und zauberhaften Schneeflöckchen der Kleinsten. Mit welcher Ernsthaftigkeit und Konzentration sie bei der Sache sind, einfach herzerwärmend. Manche lächeln ganz professionell ins Publikum, andere schauen nach ihren Mittänzerinnen, ob sie wohl alles richtig machen.

Klassisch mit Perücken. Foto: Petra Kurbjuhn
Neben der Vivaldischen Musik erklingt in den kurzen Sequenzen immer wieder moderne Musik, Chansons ebenso wie Lieder mit berührendem Inhalt oder auch Metal. „Es ist Musik, die mich berührt“, sagt Isabella Winkler.
Und passend zur Musik ist die aufwendige ständig wechselnde Garderobe der zumeist weiblichen Tänzerinnen entworfen. Immer wieder sind es die Tiere, die mit der kleinen Raupe unterwegs sind, die Raupen, die Schmetterlinge, die Bienen.

Modern Dance vor dem Schwarm. Foto: Petra Kurbjuhn
Ganz entzückend sind die großen Blumentöpfe, die hereingetragen und von Tänzerinnen mit Schürze gewässert werden und aus denen Blumen herauswachsen. Wo sie nur immer wieder die Ideen hernimmt, fragt sich so mancher im Publikum und lässt sich staunend mit auf die Reise nehmen.
Da kommen der Tausendfüßler und die Schlange und ständig wuseln die schwarzen Ameisen durch die Gegend, die Ordnung und Sauberkeit herstellen.
Hohes Maß an Können
Aber nicht nur der Wechsel an Musik, Kostümen und Figuren fesselt, sondern die tänzerische Gestaltung der Sequenzen. Da ist alles dabei. Die kleinen bewegen sich altersgemäß ganz reizend, die etwas Größeren überraschen schon mit Spagat, Handstand, Hebefiguren, Rad schlagen oder Brücke und die Teenager sind mit Spitzentanz oder Modern Dance dabei. Sie zeigen in Haltung, Ausdruck und Bewegung schon ein hohes Maß an Können, das professionell wirkt.
Ganz besonders berührend ist, dass Isabella Winkler ihre Protagonisten nicht auf Idealfigur und Jugend begrenzt, auch eine grauhaarige Tänzerin ist am Start, ein pummeliges Mädchen und ein Junge mit Downsyndrom, dem man seine Freude, auf der Bühne stehen und sich darstellen zu dürfen, ansieht. Inklusion in Reinkultur.

Die Tafel. Foto: Petra Kurbjuhn
Die Umbauten der Bühne, etwa wenn die große Tafel mit Geschirr weggeräumt werden muss, wird in die Vorführung tänzerisch mit eingebaut, da entstehen keine Lücken, es geht Schlag auf Schlag, einmal auf der ganzen Bühne, dann auf der Vorbühne, dazu kommen Einblendungen auf der Leinwand, so der Vogelschwarm, der Gemeinsamkeit symbolisiert.

Paul Heinrich. Foto: Petra Kurbjuhn
Einen tänzerischen Glanzpunkt setzt Paul Heinrich, der eigens von seinem Studium an der Folkwang Universität in Essen nach Miesbach gekommen ist, mit seinen selbst choreografierten Solostücken.
Und eine musikalische Überraschung servieren in der Pause Leonhard und Johannes Bencic, die mit Florian Burgmayr Musik aus der Feuerwerksmusik und „Norwegian Wood“ darbieten und das Publikum im Foyer begeistern. Später werden sie auch auf der Bühne voller Ernsthaftigkeit und Können ihren Part absolvieren.

Johannes und Leonhard Bencic mit Florian Burgmayr. Foto: Petra Kurbjuhn
Immer wieder hat Isabella Winkler ihre Protagonisten mit Accessoires versehen. Es sind weiße und gelbe Handschuhe, es sind jonglierende Tabletts und es sind Bänder, die den Frühling darstellen. Es sind Schellen und Geigenbögen, Flügel und Fächer, ein buntes Kaleidoskop von Musik und Tanz.
Den erzählerischen Bogen schlägt die Raupe Vivaldi, am Rande klein und einsam sitzend, vom Maulwurf umhegt, langsam wachsend und am Ende, versorgt mit Buch und Stift, komponierend und lächelnd. Sie hat ihren Weg gefunden, spielt Geige und nun kann abschließend der Herbst mit bunten Blättern kommen.

Die Schmetterlinge. Foto: Petra Kurbjuhn
Die Schmetterlinge mit Riesenflügeln und Lichtern tanzen mit der Raupe Vivaldi und dem Maulwurf und setzen zum furiosen Finale an.

Beim Schlussappaus. Foto: Petra Kurbjuhn
„Sie haben den Weg der Raupe Vivaldi über ein Jahr lang miterleben dürfen, ich durfte meine Schülerinnen und Schüler über Jahre begleiten“, sagte Isabella Winkler am Ende. „Mit Mut, Energie und Herzblut haben sie diese Aufführung mitgestaltet, dafür danke ich.“
Bei der Premierenfeier gestand sie, dass die Generalprobe ein Fiasko gewesen sei. Bloß gut, denn das erwies sich als das gute Omen für die Premiere, besser hätte es nicht laufen können. Tosender Applaus belohnte alle Mitwirkenden auf und hinter Bühne für einen grandiosen Abend.