
Im Fußballfieber
Im Fußballfieber: Anpfiff auf heimischem Rasen. Foto: Hannah Miska
Wie es einem ergeht, der die Fußball-WM im deutschen Fernsehen sehen möchte. Eine Glosse
Ich gehöre nicht zu den Meckerern im Land. Wirklich nicht. Aber die Koalition, der Iran-Krieg, die AfD und der Hitzesommer sind schon eine Zumutung. Nun hat uns Sascha Zverev auch noch um den Wimbledon-Sieg auf dem englischen Rasen gebracht, den wir nach 35 Jahren ohne den Titel wirklich verdient hätten. Dabei haben wir das Ausscheiden der deutschen Mannschaft in der Fußballweltmeisterschaft noch nicht mal halbwegs verdaut.
Deutschland oder England?
Glauben Sie mir: Auch mir hat das WM-Ende für das deutsche Team wehgetan. Aber – ich sage das ohne jede Schadenfreude – ich bin etwas besser dran als Sie: Mein Mann ist Engländer. Das hat nicht immer nur Vorteile, aber wenn es um den Sport geht, schon. Wir haben gleich zwei Mannschaften, die uns emotional nahe stehen: die deutsche und die englische. Wenn die eine ausscheidet, sind wir immer noch im Rennen. Das funktioniert zwar nicht in allen Sportarten (die Deutschen spielen weder Rugby noch Cricket und die Engländer kein Handball), ist aber perfekt, wenn es um den Fußball geht. Wir hätten uns sogar ein WM-Finale zwischen England und Deutschland gewünscht (Wer ist dir dann näher?, fragte bereits eine Freundin), aber Sie wissen schon: Der „langsame Spielvortrag“ der deutschen Spieler (Zitat Nagelsmann) ist schuld daran, dass das nicht klappt. Nun setzen wir also alles auf die „Three Lions“, neben den Schotten die älteste Fußballmannschaft der Welt.
Frühsport
In der Nacht vom letzten Sonntag auf Montag, nachts um 2.00 Uhr, fand das Achtelfinale zwischen England und Mexiko statt. Wir stellten uns den Wecker für kurz vor zwei, standen auf, stellten den Fernseher an – und fanden partout keinen Sender, der das Spiel überträgt. Wir fanden das ein bisschen gemein vom deutschen Fernsehen, korrigierten unsere Meinung aber sofort, als wir entdeckten, dass Magenta TV (Telekom) das Spiel überträgt. Wir haben kein Magenta TV, also befragte ich das Netz, wie ich es bekommen könnte. „Lass Dir Zeit“, sagte mein normalerweise sehr ungeduldiger Mann, „das Spiel ist um eine halbe Stunde verschoben“.
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Vergebliche Mühen
Ich entspannte mich also. Ich bin kein IT Freak, aber die Sache war simpel: Magenta online kaufen, runterladen, fertig. Ich wollte also kaufen und bekam zur Antwort, dass ich Magenta bereits besäße (aha), klickte auf das Fußballspiel – und wurde belehrt, dass ich das Spiel aus rechtlichen Gründen leider nicht sehen dürfe. Das Ganze versuchte ich, in Endlosschleife, über mehrere unterschiedliche Links. Vergeblich. Inzwischen hatte das Fußballspiel angefangen, mein Mann hatte sich mit dem Liveticker eingerichtet und las das Spiel. Ich war kurz vor dem Herzinfarkt, es war kurz nach drei, ich ging ins Bett. Mein Mann rief lauthals hinter mir her: „Jude Bellingham hat ein Tor geschossen!“, aber selbst das interessierte mich nicht mehr.
Das Achtelfinale – ein Thriller
Am nächsten Morgen hörte ich im Radio, dass das Spiel ein Thriller gewesen sei – mein Mann bestätigte das, er hatte den Thriller ja mitgelesen, und England war im Viertelfinale. Ich googelte: Auch das Viertelfinale würde nicht von ARD oder ZDF übertragen, nur von Magenta. Ich rief die Telekom an. Ein netter Mitarbeiter bestätigte meinen Verdacht, dass ich noch kein Magenta besitze, verkaufte mir das Paket und schickte mir diverse Bestätigungs- und Bewertungslinks.
Am nächsten Tag wollten wir testen, ob wir startklar sind für das Viertelfinale. Auf unserem Fernseher gibt es eine Magenta Sport App, die ließ sich jedoch, auch nach mehrfachen Versuchen, nicht öffnen. Ich rief erneut bei der Telekom an, diesmal war ein noch netterer Mensch am Telefon, der sich intensiv mit mir und meinem Problem beschäftigte. „Magenta Sport ist die falsche App, Sie müssen die Magenta TV App herunterladen.“, sagte er.
„Aah, verstehe“, murmelte ich.
„Haben Sie einen Smart TV?“
Der Mann beschämte mich – ich wusste es nicht. „Ich kann in die Mediathek schauen“, antwortete ich verlegen.
„Hmm, wie alt ist denn Ihr Fernseher?“, versuchte es der Mann von der Telekom erneut. Ich war unschlüssig, etwa zehn Jahre, rechnete ich.
„Wenn Sie nichts herunterladen können, ist Ihr Fernseher zu alt, dann brauchen Sie einen Magenta TV Stick. Der können Sie bei uns für 100 Euro kaufen.“, beschied der Mann.
Fußballfreude ohne Herzrasen
Ich seufzte, aber mir fiel ein Freund ein, der sich neulich einen TV Stick gekauft hatte. Ich rief ihn an und fragte, ob ich den Stick mal ausleihen dürfe. Ich durfte. Was soll ich sagen: Der Stick funktioniert, Magenta funktioniert, kurzum, es ist – selbst wenn die deutsche Mannschaft nicht spielt – ein Kinderspiel, die WM-Spiele im deutschen Fernsehen zu sehen: Schon drei Tage nach dem Achtelfinale konnten wir uns das Thriller-Spiel England gegen Mexiko anschauen. Das war – weil wir ja das Ergebnis bereits kannten – ein völlig entspanntes Erlebnis und ersparte uns das übliche Herzrasen.
Inzwischen steht England im Halbfinale gegen Argentinien. Wir freuen uns auf die Begegnung. Die ARD dreht übrigens bei: Sie überträgt das Spiel.