Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Der Unternehmer Riccardo Braglia zu Gast in Tegernsee. Foto: Privat

Diskussionsrunde in Tegernsee

Persönliche Erfahrung und philosophische Reflexion griffen bei den Tegernseer Gesprächen auf eindrucksvolle Weise ineinander. Im Olaf Gulbransson Museum lud Michael Beck den schweizerisch-italienischen Unternehmer Riccardo Braglia und den Philosophieprofessor Godehard Brüntrup SJ zu einem Gespräch über die Kraft der Liebe und des Glaubens ein – zwei Gesprächspartner, die sich dieser Frage aus sehr unterschiedlichen Perspektiven näherten.

Was für Riccardo Braglia mit der erfreulichen Nachricht begann, dass eine unkomplizierte Knieoperation erfolgreich verlaufen war, mündete wenig später in eine niederschmetternde Diagnose: akute Leukämie. Der erfolgreiche Unternehmer, dessen Unternehmen auch Medikamente zur Behandlung von Krebserkrankungen entwickelt, reagierte ohne Zögern. Er informierte zunächst seine Familie und anschließend per Videobotschaft seine rund 700 Mitarbeiter. Er ermutigte sie, ihre Arbeit fortzusetzen – obwohl er selbst nicht wusste, ob er jemals an seinen Arbeitsplatz zurückkehren würde.

Der Weg durch die Wüste

Damit begann das, was später zum Titel seines Buches werden sollte: „Der Weg durch die Wüste“ (Originaltitel: „Il cammino nel deserto“). Ein Priester, der ihn im Krankenhaus besuchte, beschrieb diese Zeit als Möglichkeit, einen Weg zu sich selbst und zu einer tieferen Spiritualität zu finden. Obwohl der Glaube ihn bereits sein ganzes Leben begleitet hatte, beschreibt Riccardo Braglia sein früheres Beten als eher distanziert. Während der Krankheit jedoch sei Gott für ihn „zu einem Freund geworden, der mit mir im Raum war“.


Die englische Version des Buches „Il cammino nel deserto“ von Riccardo Braglia. Foto: Karin Sommer

Neue Kraft vom Papst

Offen sprach er über seine Ängste – nicht vor dem Tod selbst, sondern vor Schmerzen, vor dem bevorstehenden Leiden und davor, geliebte Menschen zurücklassen zu müssen. Besonders schmerzlich sei für ihn der Gedanke gewesen, seine zukünftigen Enkel möglicherweise nie kennenzulernen. Der praktizierende Christ verschwieg auch seine Glaubenskrisen nicht. Zweimal sei er kurz davor gewesen, aufzugeben. Neue Kraft schenkte ihm schließlich eine persönliche Nachricht von Papst Franziskus: „Gib nicht auf. Ich bete für dich. Bete du für mich.“

Sozialen Projekten verbunden

Lesungen aus seinem Buch „Der Weg durch die Wüste“ hält Riccardo Braglia heute, vier Jahre nach seiner Genesung, in Krankenhäusern verschiedener Länder, um Menschen in ähnlichen Situationen Mut zu machen. Der Erlös fließt in den Aufbau einer Pflegeschule in Äthiopien. Den zahlreichen sozialen Projekten in Afrika, insbesondere rund 50 bereits gebauten Schulen, fühlt sich der Unternehmer seit seiner Erkrankung mehr denn je verbunden.

Jona – der Antiheld

Braglias eindringliche Schilderungen bildeten den persönlichen Ausgangspunkt des Abends. Den philosophischen Horizont eröffnete anschließend Godehard Brüntrup mit seinem Vortrag „Jona, Entfremdung und der Sinn des Lebens“, in dem er den biblischen Propheten als ungewöhnlichen Helden – oder vielmehr Antihelden – in den Mittelpunkt stellte.


Übersetzung: Adolfo Carrasco Méndez, Lesung von Riccardo Braglia. Foto: Karin Sommer

Vor dem Untergang bewahrt

Jona, von Gott nach Ninive gesandt, flieht vor seinem Auftrag und macht sich stattdessen in die entgegengesetzte Richtung auf. Seine Flucht endet im Bauch eines großen Fisches – am tiefsten Punkt seiner Existenz. Gerade dort, so Brüntrup, hört Jona auf, ausschließlich um sich selbst zu kreisen. Er beginnt, Gott zu preisen, und gewinnt daraus die Kraft, seinen Auftrag doch noch anzunehmen. In Ninive bewahrt seine Botschaft die Menschen vor dem Untergang.

Lesetipp: Kollaborative Intelligenz

Doch die eigentliche Pointe der Erzählung beginnt erst danach. Jona hadert erneut mit sich und seinem Leben. Er bleibt zerrissen, empfindet sich als gescheitert und wünscht sich die Welt anders, als sie ist. Warum präsentiert die Bibel ausgerechnet einen solchen Antihelden? „Vielleicht, weil wir selbst Antihelden sind“, gab Brüntrup zu bedenken.


Spannende Präsentation aus philosophischer Sicht von Godehard Brüntrup. Foto: Karin Sommer

Was Gott von uns erwartet

Daran knüpften sich grundlegende Fragen: Reicht es aus, wenn wir unser eigenes Leben als sinnvoll empfinden? Oder bedarf Sinn einer objektiven Dimension? War das Leben eines glücklichen und erfolgreichen Bankräubers sinnvoll? Und hatte das Leben von Sophie Scholl Sinn – obwohl es kurz war, für sie sehr schmerzhaft und gewaltsam endete? Was bleibt, wenn weder subjektiv noch objektiv ein unmittelbarer Sinn erkennbar ist?
Brüntrup erläuterte die sogenannte kenotische Theorie des Sinns. Sie verlangt keinen verwandelten Helden. Sinn finde vielmehr, wer bereit sei, sich selbst loszulassen. Entscheidend sei nicht, was wir von Gott – oder vom Leben, vom Schicksal – erwarteten, sondern was Gott, das Leben oder das Schicksal von uns erwarte.


Publikumsdiskussion mit Michael Beck (links) und Godehard Brüntrup. Foto: Karin Sommer

Über das eigene Ich hinaus

Mit dem Gedanken, dass „ein wahrer Moment ein ganzes Leben tragen kann“, setzte der Philosoph einen Impuls für die anschließende Diskussion mit dem Publikum. Diese griff den Gedanken auf; große Zustimmung fand dabei die Ansicht, dass das Leben dort Sinn gewinnt, wo Menschen sich einer Aufgabe widmen, die über das eigene Ich hinausweist.

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