Menschlichkeit in digitalen Zeiten

Joachim Bauer präsentiert in der Holzkirchner Bücherecke sein neuestes Buch zur Frage nach der Menschlichkeit in Zeiten von KI. Foto: Josef Fuchs

Lesung in Holzkirchen

Joachim Bauer stellte in der Holzkirchner Bücherecke sein neuestes Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“ vor. Darin legt er dar, „warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können“.

Wie entsteht menschliche Intelligenz?

Im ersten Teil seines Vortrags beschrieb Joachim Bauer, emeritierter Medizinprofessor an der Universität Freiburg, Neurowissenschaftler, Arzt und Psychotherapeut, die Entwicklungsphasen der menschlichen Intelligenz. Schon Neugeborene treten demnach mit der Welt in sensomotorische Interaktion. Sie wollen die Dinge anfassen und be-greifen. Als Kindergartenkinder durchleben sie die konzeptionelle Stufe, in der sie gemeinsam basteln oder Kuchen backen. Im Grundschulalter erreichen sie die Ebene der Symbolisierung. Sie lernen über ihre Handlungen zu reden und sich auszudrücken. Diese Ebenen können nicht ohne Entwicklungsstörungen übersprungen oder durch KI ersetzt werden. Eine zentrale Rolle spielt in allen Phasen die „embodied cognition“ (körperliche Wahrnehmung). Für die Neurowissenschaften ist der eigene Körper Basis allen Wissens. Nur mit ihm kann man Schwerkraft durch Hinfallen, Geschwindigkeit durch Laufen oder Statik durch Turm stapeln erfahren und erleben. Eine große Bedeutung wird dem Erlernen der Handschrift und dem Lesen von Kinderbüchern zugeschrieben. Kinder lernen sich sozial-emotional auszutauschen, die Perspektiven zu wechseln und Empathie zu entwickeln.

Lesetipp: Aus Liebe zum Erzählen


Das Buch kann in der Bücherecke und in anderen Buchhandlungen erworben werden. Foto: Josef Fuchs

Was kann künstliche Intelligenz?

Seit über 20 Jahren nutzen Wirtschaft und Industrie die künstliche Intelligenz. Mit ChatGPT, OpenAI etc. erreichte sie vor ein paar Jahren die breite Öffentlichkeit. Ihre Stärke liegt darin, riesige Daten zu verarbeiten, Muster zu erkennen und Bilder auszuwerten. Dafür muss sie allerdings vorher mit den richtigen Daten „gefüttert“ und trainiert werden. Besonders im medizinischen Bereich kann sie eine große Hilfe darstellen. Sie hat jedoch kein (Selbst-)Bewusstein, keine Empathie und keine Gefühle.


Joachim Bauer im Gespräch mit Cornelia Engl (rechts) von der Holzkirchner Bücherecke. Foto: Josef Fuchs

Experte Bauer: Lernen, mit digitalen Angeboten umzugehen

Wie auch andere Werkzeuge, die der Mensch benutzt, kann die künstliche Intelligenz zu positiven oder negativen Auswirkungen führen. Gerade Kinder und Jugendliche sind Gefahren ausgesetzt, die sie nicht einschätzen können: Cybermobbing, Phubbing, Cybergrooming oder Sextortion. Diese Gefahren können zu psychischen Störungen, Depressionen und in Einzelfällen zum Suizid führen. Manche junge Menschen verbringen 12 bis 17 Stunden am Tag mit Onlinegaming und verlieren mit ihrer Sucht den Kontakt zur Realität. All die oben genannten Gefahren sind ein Massenphänomen und gehören zur heutigen Jugendkultur. Eltern wissen oft nicht, was ihre Kinder im Netz machen.

Joachim Bauer empfahl deshalb keinen Zugang zu sozialen Medien und Onlinespielen für Kinder vor dem 12. Lebensjahr. Er plädierte dafür, dass Eltern mit ihren Kindern darüber reden und die Gefahren beim Namen nennen. Vehement sprach er sich gegen eine zu frühe Heranführung an digitale Angebote aus, wie sie von manchen Studien und Kommissionen propagiert werden, oft unter dem Deckmantel der „Befähigung und Erlernen von Kompetenzen“.


Joachim Bauer weist auf die Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. hin. Foto: Josef Fuchs

Das Menschenbild des Silicon Valley

In seinem Buch erwähnt Joachim Bauer Vordenker für die Tech-Konzerne des Silicon Valley, darunter Ray Kurzweil, Peter Thiel und Marc Andreessen. Für sie ist der Mensch eine Maschine. In naher Zukunft sollen Daten vom Gehirn auf künstliche Datenspeicher übertragen werden. Durch dieses „Uploading“ soll das Denken beschleunigt werden. Später übernimmt die Maschine den ganzen Menschen. Der Körper wird nicht mehr gebraucht. Dieses Menschenbild des sogenannten Transhumanismus hat nichts mehr mit dem des herkömmlichen Humanismus zu tun.


Joachim Bauer signiert sein Buch. Foto: Josef Fuchs

Bewahrung der Menschlichkeit als gemeinsames Anliegen

Als Mitte April 2026 sein Buch erschien, wusste Joachim Bauer nichts von der neuen Enzyklika des Papstes. Ein Monat später, am 15. Mai 2026, veröffentlichte Papst Leo XIV die Enzyklika „Magnifica Humanitas. Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ (MH). Joachim Bauer zeigte sich begeistert von der Enzyklika und empfahl sie zu lesen. Der Papst konzentriert sich darin auf philosophisch-theologischen Themen zu KI und auf deren gesellschaftspolitische Auswirkung. Dabei spare der Papst nicht mit radikalen Aussagen, so Bauer. Für beide ist die Bewahrung der Menschlichkeit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ein Herzensanliegen.

Joachim Bauer, „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“, 2026 Heyne Verlag, München

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