Aus Liebe zum Erzählen

Um Texte mit Fotos auszustatten, verwendet der Autor mitunter KI, wie hier die Illustration zu einem Text über KI in der Religion. Es wurde mit Hilfe von ChatGPT erstellt. Foto: Andreas Wolkenstein, ChatGPT

Derzeit debattiert die (Medien)Welt wieder einmal heftig darüber, wie weit die Nutzung von Künstlicher Intelligenz im Journalismus gehen darf. In dieser Debatte geht es mitunter heiß her. Dabei könnte man den Einsatz von KI ganz nüchtern betrachten – und auch befürworten.

Die Debatte ist wieder da – oder war sie nie wirklich weg? Die (Medien)Welt debattiert dieser Tage wieder einmal heftig darüber, wie weit die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) im Journalismus gehen darf. Ein Ausgangspunkt war diesmal die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), die einen Text des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt gelöscht hatte. Über diesen Text war bekannt geworden, dass der Autor eine KI für die Abfassung benutzt hatte. Über diesen Vorgang spottete Springer-Chef Mathias Döpfner in einem Kommentar in der Welt, der eigenen Aussagen zufolge gänzlich mit KI erstellt wurde. Zuvor schon hatte ein anderes Medium, der Tagesspiegel, seinen ehemaligen Chefredakteur und Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff beurlaubt, weil dieser ebenfalls ganze Texte mit KI erstellt hatte – ohne dies kenntlich zu machen. Was folgte und noch anhält, war eine Debatte um den Wert und Unwert von KI im Journalismus.

Was darf wer mit KI?

Das alles sind wichtige Themen, die über den Journalismus hinausgehen. Darf etwa Wissenschaft KI nutzen, um zu Ergebnissen zu kommen? Oder genauer: An welcher Stelle des wissenschaftlichen Prozesses darf KI in welchem Ausmaß verwendet werden? Die Generierung von Forschungsfragen, das Verschaffen eines Überblickes, was bereits erforscht wurde, das Design von Experimenten, das Abfassen von wissenschaftlichen Artikeln: Das alles sind Beispiele für das, was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tun. Und welche Rolle KI darin spielt, ist jeweils unterschiedlich zu beantworten. Ähnliches gilt für den Journalismus: Hier muss recherchiert werden, bestehende Texte werden zusammengefasst, Texte (und andere journalistische Produkte) werden erstellt. Das Tätigkeitsfeld “Journalismus” ist also breit.

Was machen Journalisten?

Texte werden erstellt? Besser wäre wohl eine aktive Formulierung: Journalisten erstellen Texte. Sie recherchieren, finden Themen, arbeiten Bedeutung heraus, vermitteln Inhalte und ordnen diese ein. Hier bei KulturVision geben wir Einblicke in das kulturelle Leben im Landkreis Miesbach. Unsere Autorinnen und Autoren berichten von Konzerten, Vernissagen und Theateraufführungen. Sie sprechen mit Künstlerinnen und Künstlern und portraitieren diese und ihr Werk. Sie kommentieren, bewerten, ordnen ein, schreiben Texte und schießen Fotos.

Angebot und Nachfrage

Das alles tun sie aus eigenem Interesse und zwar, weil sie Lust darauf haben, um es etwas pathetisch zu formulieren. Im Berufsjournalismus verdienen die Menschen ihren Lebensunterhalt damit, klar. Aber im Grunde ist es doch die Passung zu den eigenen Zielen, Werten und Freuden, die Menschen zum Journalismus bringen und ihn dort halten. Genau diese Motivation hält sie in diesem Beruf oder bei dieser Tätigkeit, dem tut KI keinen Abbruch. Und genau diese Menschen wird es immer brauchen, wie gut auch immer KI ist. Denn für guten Journalismus ist nicht die pure Präsenz von Information wichtig, also das quantitativ zählbare Ergebnis medialen Outputs. Sondern auch und vor allem die schön erzählte Story, die wohlrecherchierte Geschichte, das persönliche Portrait besonderer Menschen und vieles mehr. Und für all dies gilt: Es gibt sowohl ein Angebot dafür, also Menschen, die die Geschichten erzählen wollen, wie auch eine Nachfrage, das heißt Menschen, die genau das lesen wollen. Meine Vermutung: Die wird es immer geben.


Wie viel KI steckt wohl in den journalistischen Texten, die wir täglich lesen? Foto: Pixabay

Keine Angst vor KI

Was bedeutet das für die Frage, welche Rolle KI im Journalismus spielen darf? Nun, zuallererst, dass der Journalismus keine Berührungsängste vor KI haben braucht. Denn nicht alle Textsorten erfüllen die gerade genannten Bedingungen. Es gibt somit Arten medialer Produkte, die zweifelsohne von KI erstellt werden können. Blaulichtmeldungen in der Lokalzeitung etwa oder Hinweise auf Veranstaltungen. Das ist Inhalt, der im Grunde von anderen erstellt wird und für den das jeweilige Medium lediglich eine Plattform bietet. Warum sollte hier keine KI den Job übernehmen, die Meldungen der Blaulichtorganisationen zusammenzufassen und lesbar zu machen?

Menschen, die Geschichten erzählen wollen

Aber möglicherweise ergibt sich aus diesen Meldungen eine Geschichte, die einem Autor auffällt. Natürlich kann er sich auch von einer KI auf diese Geschichte aufmerksam machen lassen. Der springende Punkt ist: Letztlich kann es einfach immer eine Person geben, die sich aus freien Stücken und mit journalistischem Interesse daran macht, einer Geschichte nachzugehen. So findet sie vielleicht etwas heraus, von dem sie denkt, es hat gesellschaftliche Relevanz. Man beachte, dass hier nicht von einem “sollen” die Rede ist: Niemand behauptet, dass es solche Menschen geben soll. Vielmehr ist es einfach faktisch so, dass es interessierte Menschen gibt und, so meine Vermutung, immer geben wird. Menschen, die einfach Geschichten erzählen wollen.

Eher zweitrangig

Darf dieser Mensch dann KI nutzen, um die Geschichte, die er erzählen möchte, zu schreiben? Warum nicht. Nur aus vorhandenen Textquellen, also im Korpus der Trainingsdaten der KI, wird sich die Geschichte nicht erzählen lassen, so viel ist sicher. Es wird teils sehr lange Prompts, also Aufforderungen für die KI, geben müssen, die aus einer Vielzahl an Quellen bestehen (Text, Bild, Audio, Video). Das bedeutet: Um überhaupt einen publizierbaren Text abzufassen und, noch wichtiger, um überhaupt die Geschichte in der Geschichte herauszuarbeiten, ist bereits sehr, sehr viel Arbeit nötig. Recherche etwa, Reflektion, Besprechung, Versuch und Irrtum. Die Qualität eines KI-Produktes ist abhängig vom Input, den Autorinnen und Autoren geben. Nur weil KI im Spiel ist, heißt das, ist noch lange nicht kein Mensch im Spiel. Und ob die finalen Zeilen dann von einer KI generiert oder auch stilistisch verbessert wurden, ist doch eher zweitrangig.

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Rolle von KI deutlich machen

Auch für Hilfsarbeiten bei journalistischen Tätigkeiten jenseits des Schreibens kann und darf KI Unterstützung leisten: Recherchen, Promptgenerierung, Plausibilitätsprüfung, Arbeit an anderen Texten und noch viel mehr. Das sind übrigens alles Tätigkeiten, bei denen es kein Problem ist, wenn andere Menschen mithelfen. Warum also sollte es ein Problem sein, wenn eine Maschine hilft – vorausgesetzt, sie ist dazu imstande? Nur beim finalen Produzieren des medialen Produkts (also des Textes etwa oder des Podcasts) sollte KI nur dann eine Rolle spielen, wenn man diese Rolle deutlich macht. Schließlich werten wir es auch als Plagiat, wenn jemand anderes meinen Text schreibt, ich aber meinen Namen darunter setze.

Einfach Liebe

Ich muss übrigens gestehen: Ich schreibe nach wie vor selbst, weil meine Erfahrung ist, dass KI entweder unschön formuliert oder meinen Input nicht groß verändert. Irgendwie habe ich so viel Vertrauen in meine Fähigkeiten als Schreiberling, dass ich bislang zumindest auf KI noch eher „herabschaue“. Vielleicht ist das überheblich und auch faktisch falsch, denn möglicherweise schreibe ich gar nicht so gut, wie ich meine. Ob ich mich hier täusche und eigentlich gar nicht gut denke, recherchiere und schreibe, bleibt freilich den Lesenden und Medienmachenden überlassen. Immerhin bin ich noch nicht beurlaubt worden dafür, dass ich meine Texte alleine schreibe. Der wichtigste Grund für mich, keine KI zu nutzen, ist indes ein anderer: Ich liebe es einfach zu schreiben, Formulierungen zu finden, den “Dreh” zu identifizieren, mit dem sich etwas gut erzählen lässt, Geschichten zu finden. Und so lange ich das mag, macht mir KI jedenfalls keine Angst.

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