Von Sisyphus und anderen Freiheiten

Bei der Premiere des Alpenfilmfestivals in Nantesbuch spricht Kurator Tom Dauer (links) mit Extrembergsteiger David Göttler. Foto: Andreas Wolkenstein

Das Alpenfilmfestival hat begonnen: Während der nächsten Monate zeigen Sandra Freudenberg und ihr Team fünf Filme aus und über die Alpen und ihre Menschen. Dabei kommen die Menschen nicht zum Festival, sondern das Festival zu den Menschen: Die Tour geht in Kinos zwischen Südtirol und Schleswig-Holstein. Mit dabei: Ein Film über die Versuche des Extrembergsteigers David Göttler, den berühmt-berüchtigten Berg Nanga Parbat zu besteigen. Bei der Vorpremiere des Alpenfilmfestivals auf Gut Nantesbuch (Karpfsee, Gemeinde Bad Heilbrunn) wurde er zum ersten Mal einer größeren Öffentlichkeit gezeigt.

Über dem Blomberg bei Bad Tölz drehen sie an diesem Sommerabend im Juni ihre Kreise: Gleitschirmflieger nutzen die Thermik, um sich mit der aufsteigenden Luft nach oben zu drehen. Ob David Göttler seinen Gleitschirm auch dabei hat? „Er ist dabei, aber geflogen bin ich noch nicht“, sagt er und lacht. Der Extrembergsteiger ist in die Stiftung Kunst und Natur auf Gut Nantesbuch bei Bad Heilbrunn gekommen, wo die Vorpremiere des Alpenfilmfestival stattfindet. Das Festival zeigt heuer seinen Film „Nanga Parbat. Echoes of Sisyphus“, für den Tom Dauer das Drehbuch geschrieben hat. Tom Dauer ist zugleich Kurator des Alpenfilmfestivals, das von Sandra Freudenberg geleitet wird.

Die Freudenschreie des David Göttler

Der Nanga Parbat ist mit 8.125 Metern der neunthöchste Berg der Welt und liegt im Westhimalaya im pakistanischen Teil der Region Kashmir. David Göttler, davon berichtet der Film, hat über mehr als zehn Jahre hinweg mehrere Male versucht, ihn zu besteigen. Erst 2025 ist es ihm gelungen, ohne Hilfsmittel wie Fixseile oder Sauerstoff – und der Film wartet mit spektakulären Bildern von diesem Ereignis auf. Besonders schön sind die Aufnahmen, die den Extrembergsteiger in der Luft zeigen. Denn der gebürtige Starnberger vollzog den Abstieg vom Nanga Parbat mit dem Gleitschirm, während seine zwei Begleiter, die Franzosen Tiphaine Duperier und Boris Langenstein per Ski zurück ins Basislager kamen. Bei seinem Flug zurück merkt man, wie alle Anstrengung und Entbehrung, die auch mit vier gescheiterten Gipfelversuchen einhergehen, von David Götter abfallen, man hört den erleichterten und glücksgetränkten Freudenschrei.

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Zwischen Passion und Obsession

Seinen Besteigungsversuchen schickt er dabei eine Interpretation voraus, die ihn mit Sisyphus vergleichen, der antiken Sagenfigur, die von den Göttern dazu verdammt wurde, auf ewig einen Stein bergauf zu rollen. Immer wieder rollt der Stein zurück ins Tal und Sisyphus muss erneut mit seiner Arbeit beginnen. Doch was ist der Stein, den David Göttler vor sich her trägt? Ist es das eigene Ego? Der unbedingte Wille, es zu schaffen? Auf diese Fragen gibt der Film keine Antworten – und will es auch gar nicht. Das Einfühlen in die Passion des Bergsteigers David Göttler, das „Nanga Parbat“ ermöglicht, gibt jedem Zuschauer die Freiheit, sich sein eigenes Bild zu machen. Man ahnt dabei, wie nah sich manchmal Passion und Obsession sind.


Team und Gäste des Alpenfilmfestivals 2026 bei der Premiere in Nantesbuch (v.l.n.r.): Laurin Dauer (Juniorchef), Marvin Stravs, Selina Bubendorfer (beide Agentur Doppio), Sandra Freudenberg, David Göttler, Theresa Weiss (Moderatorin), Stephanie Schweighofer (Produzentin „Ein ganz normales Leben“), Markus Hildebrandt (Förster, „Steile Karrieren“), Catja Geyer (Försterin, „Steile Karrieren“), Andreas Dusch (Regisseur „Steile Karrieren“), Tom Dauer. Foto: Andreas Wolkenstein

Filme zu Nachdenken

Fragen stellt auch der Film „Fathom“ der Brüder Jakob und Matthias Weger. Der zehnminütige Kurzfilm geht dabei auf die dunkle Seite des In-den-Bergen-Seins ein. Er zeigt, wie die beiden als Freerider Extremsport betreiben, bis ein Schneebrett beide nach unten reißt. Während Matthias heil aus der Sache herauskommt, muss sein Bruder Jakob mit dem Helikopter gerettet werden. Welche Geschichten wollen wir erzählen, fragt der Film und regt, nicht zuletzt unterstützt durch eine einzigartige Ästhetik, tiefe, auch düstere Gedanken an. Nicht weniger nachdenkenswert, wenn auch in ganz anderem Ton und mit einer anderen Thematik, ist der Film „Steile Karrieren“, der sich mit dem Thema Schutzwald befasst. Er portraitiert den ehemaligen Förster Markus Hildebrandt und seine Nachfolgerin Catja Geyer, die sich um Schutzwald in den bayerischen Alpen kümmern. In dem zehnminütigen Kurzfilm sind die Berge nicht Ort von sportlichen Herausforderungen, sondern verknüpft mit einer Vielzahl menschlicher Kontexte – ein Aspekt, den Kurator Tom Dauer in seiner Moderation hervorhebt.

Gemeinsam alt werden

Mit dem Thema „Altern“ beschäftigen sich zwei weitere Filme des Alpenfilmfestivals, das damit fünf Filme über eine Länge von etwas über 90 Minuten zeigt. Während in „50:50“ die Alpinistinnen Ines Papert und Sara Huenekin über das Älterwerden sinnieren, zeigt der eindrückliche Film „Ein ganz normales Leben“, wie wenig normal das Ehepaar Ilse und Fritz Priesner alt wurde – und im Alter von knapp 90 Jahren nun über ihr Leben reflektieren. Das hat teils eine gewisse Komik, die sich der besonderen Persönlichkeit der beiden Protagonisten verdankt. Der Film besticht vor allem aber durch ganz viel besondere Momente, die das einfache, naturnahe und irgendwie auch verrückte Leben der Priesners zum Ausdruck bringen. Und es wundert einen dann nicht, wenn man am Ende des Films die beiden auf einer Klettertour sieht. Den Filmemachern um die Produzenten Jakob und Steffi Schweighofer (Filmfarm) ist mit diesem Werk ein besonderer Schatz gelungen. Das Alpenfilmfestival bringt den Streifen in einer eigens für diesen Zweck erstellten zehnminütigen Kurzversion.


David Göttler begleitet die Tour des Alpenfilmfestivals auf einigen der Stationen und reist mit diesem Campervan zu den Vorführungen. Foto: Andreas Wolkenstein

Besondere Filmauswahl

Das Alpenfilmfestival ist nicht zuletzt wegen der besonderen Filmauswahl ein besonderes Festival. Sport gehört hier genauso dazu wie Natur und über alles, was in den Bergen und am Berg geschieht, wird ordentlich reflektiert. Dem Team um Sandra Freudenberg und Tom Dauer ist damit auch heuer wieder ein sehenswertes Festival gelungen. Bis ins kommende Frühjahr werden die Filme in Kinos zwischen Südtirol und Schleswig-Holstein gezeigt. Einen Teil davon begleitet auch David Göttler, der mit einem Campervan einige Stationen anfährt. Im Gepäck ist natürlich auch sein Gleitschirm. Im Zweifelsfall kommt man ja auch damit ganz gut von einem Ort zum anderen.

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