Euthanasie

„Das System hat die Täter geschützt“

Die Protagonisten: Oliver Lehmann, Paulus Hochgatterer, Wolfgang Müller-Funk, Elisabeth Krisch-Kranich, Erich Kerschbaumer, Andrea Gedl, Robert Kraner und Philipp Mettauer (v.l.) Foto: Hannes Reisinger

Veranstaltung in Fratres/NÖ

Mit einem emotional schwierigen Thema befasste sich der vierte Thementag der Kulturbrücke Fratres: NS-Euthanasie im Dritten Reich Vernichtung von „Unwertem Leben“. Wie unterschiedlich dabei die Empfindungen sind, wurde anhand des Programmablaufes deutlich.

Es ist dem Engagement von Kuratorin Elisabeth Krisch-Kranich zu verdanken, dass dieses Thema aufgegriffen wird, ein Thema, das auch die Geschichtswerkstatt Miesbach seit einem Jahr behandelt und das nach langer Zeit der Verdrängung noch lange nicht umfassend aufgearbeitet wurde. Das zahlreiche Publikum zeigte, wie wichtig es ist.


Weit über 100 Zuschauer folgten der Veranstaltung Foto: Hannes Reisinger

Die Psychologin und Physiotherapeutin hatte dazu hochkarätige Experten verschiedener Sparten eingeladen und die Veranstaltung mit einer Ausstellung von Bildern von Andrea Gedl, Psychologin und Malerin bereichert. Zudem sollte Musik die Atmosphäre auflockern.

Euthanasie
Kuratorin Elisabeth Krisch-Kranich moderierte souverän. Foto: Hannes Reisinger

Den regionalen Bezug stellte eingangs der Stadtarchivar von Raabs an der Thaya Erich Kerschbaumer her und erzählte die Geschichte von Hedwig Zipko, einem psychisch kranken Mädchen, das mit ihrer Mutter im Gutshof Fratres lebte, 1941 in eine Jugendfürsorgeanstalt verbracht und dort ein Jahr später getötet wurde. Vermutlich durch eine Überdosis von Beruhigungsmitteln. Verbrämt seien diese Methoden, so der Archivar, mit dem Anstrich wissenschaftlicher Forschung.


Stadtarchivar  Erich Kerschbaumer. Foto: Hannes Reisinger

Den Gegenpol zu diesem berührenden Einzelschicksal stellte Philipp Mettauer in seinem Überblick über die NS-Psychiatrie und Medizinverbrechen anhand umfänglichen statistischen Materials dar. Der Historiker und Politikwissenschaftler ging dabei insbesondere auf das Tötungsprogramm „Unwertem Lebens“ im Dritten Reich ein und stellte eine Parallele zum Holocaust her.


Historiker Philipp Mettauer. Foto: Hannes Reisinger

Im Unterschied aber zur Vernichtung von Juden seien Kranke sowohl in Heil- und Pflegeanstalten als auch dezentral in Vernichtungsanstalten durch Vergasung und Erschießung ermordet worden. Der Referent bezifferte die Zahl auf insgesamt 300 00 im Großdeutschen Reich.

Die sogenannte Aktion T4 sei zur „Ausschaltung der Erbuntüchtigen aus dem Erbstrom des deutschen Volkes“ bestimmt gewesen und habe mit der Zwangssterilisation begonnen, die etwa 60 000 Menschen erleiden mussten, wobei 6 000 starben. Danach habe die systematische Ermordung psychisch Kranker anhand eines Briefes von Adolf Hitler begonnen, in dem es heißt: „dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“


Abtransport von Kranken. Foto: Hannes Reisinger

Nach Kriegsbeginn, so Philipp Mettauer hätten auch ökonomische Aspekte eine Rolle gespielt, um Kosten zu sparen. Ein emotionales Foto vom Abtransport Kranker in Bussen ergänzte die historische Darlegung des Referenten. Er schilderte, dass die Kranken in Heimen durch Mangelernährung, Vernachlässigung und der Verabreichung von Schlaf- und Schmerzmitteln sowie auch von Gift ermordet wurden. Auch Gewaltanwendungen und ein umgebautes Gerät für Elektroschocks seien zum Einsatz gekommen.

Die heutige Aufarbeitung des Themas belegte der Referent anhand von Gedenkstätten und der diesjährigen Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht“, die sich mit psychischen Erkrankungen im Laufe der Geschichte befasst und bei der im Landesklinikum Mauer ein Lernort zur Geschichte der NS-Medizinverbrechen errichtet wurde, der die neuesten Forschungsergebnisse zur Heil- und Pflegeanstalt während der NS-Zeit vermittelt.


Robert Pawlik und Michaela Rabitsch. Foto: Hannes Reisinger

Wiens „First Couple of Jazz“ mit Michaela Rabitsch und Robert Pawlik beendeten den ersten Teil mit feinem Jazz und regten das Publikum zu kontroversen Debatten in der Pause an. Die einen empfanden die Musik als passenden Kontrapunkt zu dem schweren Thema, die anderen fühlten sich unangenehm berührt.


Im Podium: Paulus Hochgatterer, Wolfgang Müller-Funk, Robert Kraner und Oliver Lehmann (v.l.). Foto: Hannes Reisinger

Letztere Position vertrat auch das Podium. „Die Musik war unangemessen“, sagte Oliver Lehmann, denn das Thema verdiene Achtung und Aufmerksamkeit. Die unterschiedlichen Positionen wurden später auch in der Publikumsdiskussion deutlich und endeten in einem Stehenlassen der Widersprüche. Dies sei ein Beispiel für unterschiedliche Positionen und wie man damit umgehe, sagte Kulturbrückengründer Peter Coreth: „Bitte seien Sie freundlich zueinander.“


Hausherr und Kulturbrückengründer Peter Coreth. Foto: Hannes Reisinger

Den Bezug zur Gegenwart stellte in der Podiumsdiskussion Literatur- und Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk her, damals habe man sogenanntes lebensunwertes Leben getötet, heute züchte man den idealen Menschen. Schriftsteller Robert Kraner indes sagte: „Ich hatte Glück, dass ich damals nicht lebte“ und berichtete von Erbkrankheiten in der Familie und eigener psychischer Probleme.


Schriftsteller Robert Kraner Foto: Hannes Reisinger

Wissenschaftsmanager Oliver Lehmann hob die Kontinuität der Arbeit der Mediziner hervor, die nach 1945 unbehelligt weiterarbeiteten. „Keiner ist bestraft worden, unser System hat die Täter geschützt, da muss man sich als Mediziner schämen“, brachte es Paulus Hochgatterer auf den Punkt. Der Kinder- und Jugendpsychiater stellte fest, dass es für diese organisierte Ermordung nicht nur Gesetze, sondern Personen brauche, denen es an Empathie fehlt. Damals und heute. Und deshalb brauche es Widerstand.


Paulus Hochgatterer. Foto: Hannes Reisinger

„Wir müssen den destruktiven Dingen, denen wir begegnen, entgegensetzen, dass es bessere gibt“, sagte er Und dies, das wurde deutlich, dürfe man nicht überforderten Politikern überlassen, die Zivilgesellschaft sei gefordert, dem Verstummen der Menschen in der Öffentlichkeit verstärkt ein Gegengewicht zu bieten.

Dazu, so Wolfgang Müller-Funk brauche es eine Veränderung der Kommunikation und deshalb sie es gut, dass man heute auch gegensätzliche Positionen diskutiere.

So war diese Veranstaltung in mehrfacher Hinsicht ein Gewinn: Die Befassung mit dem Thema Euthanasie und Aufarbeitung dieses Themas sowie der Umgang mit kontroversen Ansichten, ein Denkanstoß für alle Beteilgten.

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