
Der Klavierpoet
Verzückte das Publikum mit seinem poetischen Klavierspiel: Roman Borisov. Foto: Marcus Vitolo
Konzert in Tegernsee
Das „Podium für junge Solisten“ hat mit Roman Borisov einen Glücksgriff gemacht. Wenige Wochen vor dem Konzerttermin sprang der junge russische Pianist für seinen verhinderten georgischen Kollegen ein und präsentierte in Tegernsee ein gewaltiges Programm.
Roman Borisov gewann im Oktober 2022 als jüngster Teilnehmer den ersten Preis beim Kissinger „Klavier-Olymp“. Die Jury lobte: „[M]it seinen hochmusikalischen, intuitiven und zugleich strukturbewussten Interpretationen von Werken Liebermanns, Beethovens, Rachmaninows ,Brahms’ und Prokofjews […] bewies er bedingungslosen Gestaltungswillen und beeindruckte durch seine natürliche und stimmige Bühnenpräsenz.“
Der Meister
Beethoven selbst hat seine Klaviersonate c-Moll Op.13 „Patetique“ genannt, als Zeichen der leidvollen Entstehung und dem Anspruch, seine damalige Gefühlswelt klanglich zu offenbaren, die von der schockierenden Erkenntnis seiner sich entwickelnden Taubheit geprägt war. Roman Borisov holte aus dieser Klaviermusik mit einfühlsamer Besonnenheit, nicht als Tastenlöwe, sondern als Klavierpoet, die Ausdruckskraft und den Schmerz des Komponisten lebendig heraus: die Tragik des beginnenden Grave, dem Kern der Sonate, das Vorwärtsdrängen und Abfallen im Allegro, als beunruhigender Aufruhr der Gefühle. Gegensätzlicher kann das Adagio in As Dur kaum sein: tiefe entspannte Ruhe, melodisch warm und kantabel in Cello-Lage, die folgenden von Begleit-Triolen unruhig anklopfend und die Coda schlicht, wie zum Ausdruck des sich in das eigene Schicksal-Fügens. Das Rondo als Finalsatz spielte er als verständlichen Abschluss der Sonate als Ganzes, als leidenschaftliches Erlebnis ab, offenbarte die Rastlosigkeit über das im Dunkeln Schwelende bis zur langen Coda.
Der Unbekanntere des Abends
Nikolai Medtners Vergessene Weisen Op.39, in denen der russische Komponist deutscher Kulturprägung, dessen Hausgötter Goethe und Beethoven waren, die Gräuel des Ersten Weltkrieges und die Umbrüche der Revolution als tröstende, nachdenkliche Stücke verarbeitet, verklausulieren durch ihre anfängliche Sanftheit den Ursprung ihrer Entstehung. Gefühlvoll holte Roman Borisov das Sinnierende aus der Meditazione, tief nachfühlend gab er sich der melodischen Romanza hin, virtuos und lebhaft die Frühlingsfarben der Primavera, tragend pastoral die Canzona Matinata und mit großem Können und Energie die technischen Hürden und die Düsternis der monumentalen Sonata tragica.
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Liedhaftes
Voller Eleganz und poetischem Gespür spielte Borisov Mendelssohn Lieder ohne Worte Op. 67, entstanden zwischen 1834 und 1845. Den sechs kurzen Klavierstücken entlockte er gekonnt den erzählerischen Ton, ihre Sprachlichkeit und gab sich geschmeidig der lyrischen Melodik in ihrer klaren Form hin. Ruhig und gesanglich nahm er das Andante, leichtfüßig und flüchtig das Allegro leggiero, gesanglich in sich ruhend das Andante tranquillo, das bekannte „Spinnerlied“ Presto mit virtuos perlenden Noten, melancholisch das Moderato und innig auf Ländler-Art das abschließende Allegretto.
Virtuosität ohne Gleichen
Kompositorisch ist in den Sonaten Op. 28 und 36 die Diskrepanz zwischen technischer Aufmachung und musikalischem Inhalt ziemlich offensichtlich, Rachmaninoff traute sich noch nicht, Prunk zu Gunsten von Klarheit zu verwenden. 1913 sind sie entstanden, Rachmaninoff kürzte und überarbeitete die Sonate Op. 36 1931 sehr stark. Sie ist zyklisch aufgebaut, die einzelnen Sätze sind also durch gemeinsames Themenmaterial verbunden, gehen aber ohne Halt ineinander über. Roman Borisov bewältigte die technischen Anforderungen virtuos und mit interpretativer Klugheit die Schwierigkeit, die Spannung bei Inhaltsarmut aufrecht zu halten. Stürmisch, energisch und dramatisch gestaltete er das Allegro agitato, den Gesang und die Sehnsucht aus dem Lento herausholend, virtuose, rasende Passagen im Allegro molto entfesselnd. Ein beglücktes Publikum lauschte ergriffen der entspannenden Zugabe: „Abendlied “ von Medtner.