
Der mit dem Feuer malt
Der italienische Künstler Giovanni Lora mit seinem Kunstwerk „Albero dei sogni dorati“ (dt. „Baum der goldenen Träume“) aus Messing. Foto:Isabel Sophie Oberländer
Kunstausstellung in München
Ein Gewächshaus als Ausstellungsraum? Welch ein ästhetisches Erlebnis das sein kann, beweist noch bis 6. Oktober die Ausstellung „Linee figurative“ von Giovanni Lora im Eisernen Haus des Nymphenburger Schlossparks. Freuen Sie sich auf besonders feine Kunst in ausgefallenem Ambiente!

Das Eiserne Haus im Nymphenburger Schlosspark in München. Foto: IO
Ein extravaganter Veranstaltungsort
Nach einem kurzen Spaziergang durch den Schlosspark ist der Ausstellungsraum erreicht. Schon vor dem Eintreten ist der Anblick ein wahrer Genuss und ein Innehalten unbedingt zu empfehlen. Kein Wunder, schließlich handelte es sich zum Zeitpunkt der Erbauung der 76 Meter langen Eisen-Glas-Konstruktion um ein königliches Gewächshaus. 1807 für die botanischen Kostbarkeiten von König Max I. Joseph erbaut, wurde inzwischen ein Teil der ursprünglichen Sammlung wieder rekonstruiert, mit einer Besonderheit: Der mittlere Abschnitt des Gewächshauses kann unter anderem für Kunst angemietet werden. Momentan zieren ihn die Skulpturen und Bilder des italienischen Künstlers Giovanni Lora.

Die „Microdisegni“ sind im Original nur wenige Millimeter groß. Foto: IO
Dreamteam Kaffee und Kunst
Im Ausstellungsraum angekommen wird es erst einmal Zeit für einen Kaffee – jedoch nicht klassisch aus der Tasse, sondern auf der Leinwand! Giovanni Loras originelle Einstrichzeichnungen erinnern optisch an einen späten Picasso, sind jedoch in ihrer Technik und Entstehungsgeschichte einzigartig: Es handelt sich jeweils um den letzten Tropfen starken kroatischen Kaffees, der von Lora im kleinen istrischen Ort Bale mit einem dünnen Holzspan auf der Rückseite des Kassenzettels gekonnt und kunstvoll geschwungen aufgetragen wurde. Während folglich die Originale nur wenige Quadratzentimeter groß sind, wird der Detailreichtum anhand der digital vergrößerten Versionen auf Leinwand deutlich. Es sind flüchtige Beobachtungen des Künstlers, impressionistisch festgehalten für die Ewigkeit: hier das spazierende Paar, da der freundliche Hund, dort die Frau auf der Bank in einem Moment der Ruhe.

Diese kleine kunstvolle Person ruht sich auf einem Fundstück aus. Foto: IO
Minimalistisch und doch voller Ausdruck
Bei genauerer Betrachtung der ausgestellten Kunstwerke fallen immer mehr dieser Figuren ins Auge, die den Ausstellungssaal bevölkern und ihn so regelrecht für sich einnehmen. Mal lösen sie sich aus einer bearbeiteten Eisenplatte heraus von der Zweidimensionalität und nehmen somit eine im Raum stehende Form an, mal klettern sie an mobilen Miniaturfelswänden herauf oder balancieren spielerisch über Metalldrähte und Balken, mal suchen sie Ruhe und Entspannung beim Buchlesen. Diese kleinen Figuren sind gleichzeitig anonym austauschbar und unglaublich liebenswert, könnten sie doch symbolisch für Jede und Jeden von uns stehen. Rein formal gesehen beindruckt es, wie viel perfekten Schwung und Ausdruck in ein Stück Draht gebracht werden kann. Symbolisch stehen die kleinen Persönlichkeiten für eine feiernde Ode an das Menschsein in all seinen Facetten, die kleinen Momente wertschätzend und in sich zutiefst philosophisch.

Alles in Bewegung: „Grande Abraccio“ (2025) von Giovanni Lora. Foto: IO
Die Freiheit der Bewegung
Obwohl Giovanni Lora in seinen Arbeiten die Form auf das Wesentliche reduziert, strahlen die Figuren in ihrer Gestik und Körperhaltung eine breite Palette an Emotionen aus. „Grande Abbraccio“ (dt. große Umarmung) beispielsweise zeigt den leichtfüßigen Tanz zweier filigraner Liebenden, die sich auf dem Edelstahlseil balancierend aufeinander zubewegen. Lorenz Ruessmann, Initiator und Mitorganisator der Ausstellung erklärt: „Man kann die Freude der Beiden richtig spüren, obwohl das Kunstwerk derart minimalistisch gestaltet ist.“ Hat man dies alles beim Betrachten im Kopf, wird der Titel „Linee figurative“ umso klarer: im freien Raum Form und Persönlichkeit annehmende Linien.

Ein Werk der Serie „Figure da Lastra“ bei der ersten Berührung im dreidimensionalen Raum. Foto: IO
Der Tanz mit dem Feuer
Nicht nur die Beobachtung der unterschiedlichen Mini-Metallmenschen macht Spaß, auch der Mix an Materialien und Bearbeitungstechniken begeistert und inspiriert. Das Kunstwerk „Incontro“ (dt. Treffen, Begegnung) zeigt zwei Gestalten, die sich aus einer bearbeiteten Eisenplatte heraus von der Zweidimensionalität lösen und somit eine im Raum stehende Form annehmen. „Flach aufliegend war das nicht möglich, doch in dreidimensionaler Gestalt können sie sich nun endlich berühren.“, so Lorenz Ruessmann. Als wir über die ausdrucksstarke Patina des Werks sprechen, beschreibt er auch den Herstellungsprozess genauer: Mithilfe eines Plasmaschneiders werden die Figuren aus ihrer Platte befreit und die Muster förmlich eingebrannt.

Die Freiheit der Bewegung kommt nicht nur in Dynamik der Figuren, sondern auch in Giovanni Loras Mobiles vor. Foto: IO
All das Beschriebene wirkt am besten im Licht der Nachmittagssonne, oder im Dämmerlicht, wenn die indirekte Beleuchtung des Ausstellungsraums das Schattenspiel der Kunstwerke zeigt. Genießen Sie die Ausstellung zum Beispiel im Rahmen der heutigen Finissage um 16 Uhr. Wir wünschen Ihnen viel Freude dabei!