76. Kunstausstellung Tegernsee, Altes Schalthaus, Uwe Göbel, Hilo Fuchs, Hans Weidinger, Kurt Gmeineder, Ernst Gamperl

„Ich wollte die Grenzen ausloten“

Ernst Gamperl neben einem seiner Werke bei der 76. Tegernseer Ausstellung. Foto: CS

Filmmatinee in Rottach

Ernst Gamperl, ein international renommierter Holzkünstler, stellt bei der 76. Tegernseer Kunstausstellung als Gast aus. Aus diesem Anlass präsentiert das Kino Rottach am 4. Oktober den Film „Ernst Gamperl – Meister des U-tsu-wa“. KulturVision hat mit dem Ausnahmekünstler gesprochen.

Noch bis zum 4. Oktober können Besucher im Alten Schalthaus in Tegernsee neben den Werken bekannter regionaler Künstler auch Arbeiten von Ernst Gamperl bewundern. Museen und Sammlungen von London über New York bis nach Tokio zeigen seine hauchdünnen, gefäßartigen und an der Oberfläche strukturierten Holzobjekte. Um sie zu kreieren, bedient sich der 61-Jährige einer uralten Handwerkstechnik, deren Ursprünge bis in die Steinzeit reichen: dem Drechseln.

KulturVision: Sie begannen vor über 40 Jahren mit diesem Handwerk. Was veranlasste Sie dazu? 

Ernst Gamperl: Während meiner Schreinerlehre merkte ich, dass mir die Arbeit zwar Spaß machte, aber irgendwas fehlte. Als mir ein Freund ein Buch von Richard Raffan über das Schalendrechseln schenkte, fing ich spontan damit an. Schnell merkte ich, wie schwierig sich dieses Handwerk gestaltete und wie schnell einem dabei ein Werkstück um die Ohren flog. Als ehemaliger Extremsportler reizte mich diese Herausforderung so, dass ich mir eine Werkstatt einrichtete und mir Schritt für Schritt das Drechseln selbst beibrachte. Daraus entstand eine richtige Leidenschaft, die unglaubliche Kräfte bei mir entfaltete.

KV: Was für Objekte drechselten Sie anfänglich?

EG: Zuerst fertigte ich Gebrauchsgegenstände wie Schalen und Dosen an. Dann experimentierte ich später mit hauchdünnen Ahornschalen (1,5 Millimeter dünn), für die ich 1992 den Hessischen und den Bayerischen Staatspreis gewann. Diese Preise beflügelten mich, diese Technik weiterzuentwickeln und mich immer mehr vom Kunsthandwerk zum Künstlerischen hinzubewegen. Ich wollte einfach die Grenzen ausloten.

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KV: Welche Erfahrungen machten Sie auf diesem Weg?

EG: Irgendwann merkte ich, dass mir die Form und der künstlerische Ausdruck mehr bedeuteten als das Material. Da fing ich an, statt Edelhölzern einfache Hölzer zu verwenden. Das half mir, mich gestalterisch weiterzuentwickeln und etwa die feinen Oberflächenstrukturen in meinen Objekten zu schaffen.

KV: Was genau bewirkte den endgültigen künstlerischen Durchbruch?

Der künstlerische Durchbruch kam, als ich aus dem Korsett der Rotationssymmetrie ausbrach, die zwangsläufig beim Drechseln entsteht. Ich fing an, nur noch mit nassen Hölzern zu arbeiten, die sich durch den Trocknungsprozess verformen und so auf eine natürliche Weise eine andere, nichtsymmetrische Gestalt annehmen. Dadurch erkannte ich, dass im Holz eine Kraft steckt, die Urkraft nenne.

KV: Diese Erfahrung inspirierte Sie auch zum Lebensbaumprojekt, einer Ihrer größten und wichtigsten Arbeiten. Erklären Sie uns dieses Werk!

EG: Ein Freund schickte mir 2008 ein Foto von einer 230 Jahre alten Eiche in Rott am Inn, die ein Orkan entwurzelte. Ich kaufte den Baum, weil ich ihn mit meiner Kunst zu neuem Leben erwecken wollte. Das war allerdings eine Riesenherausforderung, weil der Stamm über einen Durchmesser von 2,70 Metern verfügte. Um das Holz zu bearbeiten, musste ich meine Werkstatt, die damals in Italien war, erweitern und unter riesigem Aufwand neue Drehmaschinen konstruieren. Insgesamt entstanden aus der Eiche über einen Zeitraum von zehn Jahren fast 100 Werke: 67 große Arbeiten und 30 kleinere Arbeiten. Eine davon gewann 2017 den Loewe Craft Prize.

KV: Wann stellten Sie das Lebensbaumprojekt erstmals mit allen Werken aus?

EG: Die erste Ausstellung meines Lebensbaumprojekts fand 2019 im Gewerbemuseum Winterthur statt. 2020 war sie im Korean Craft Museum in Cheongju in Südkorea zu sehen und 2025 im Bayerischen Nationalmuseum in München.  Im November 2025 präsentierte das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg die Ausstellung.

KV: Im letzten Jahr erschien flankierend zu der Lebensbaum-Ausstellung nicht nur Ihre Künstlermonografie „Urkraft“, sondern auch der Film „Ernst Gamperl – Meister des U-tsu-wa“. Wie entstand dieses Filmessay?

EG: Bernt Engelmann und Gisela Wunderlich, beide Künstler mit einer Filmproduktion in München, kamen mit der Idee auf mich zu. Daraus entstand dieser wunderschöne Low-Budget-Film, der meine Drechsel-Technik erklärt und zeigt, wie meine Objekte daraus entstehen. Zum Teil fügten die beiden dabei auch Material aus meinem Archiv hinzu, das ich selbst noch nie gesehen hatte.

KV: Und wie kamen die beiden Filmemacher auf den Filmtitel?

EG: Das japanische Wort „U-tsu-wa“, das unter anderem Gefäß, Hohlraum und Leere bedeutet, war der Titel einer Ausstellung im Museum 21-21 Design Sight in Tokio, bei der ich 2009 zusammen mit den bekannten Keramikkünstlerinnen Lucie Rie und Jennifer Lee meine Werke zeigte. Der Modedesigner Issey Miyake, der das Museum gründete, lud mich dazu ein. Er hatte meine Schalen bei einer Ausstellung in Paris gesehen und war begeistert von meiner Arbeit. Der Filmtitel entstand in Anlehnung an diese Schau.

KV: Was ist das Besondere an der Filmmatinee in Rottach?

EG: Sowohl die beiden Filmemacher als auch ich sind bei der Matinee anwesend und freuen uns auf den Austausch mit dem Publikum.

Die Filmmatinee findet am 4. Oktober um 11 Uhr im Kino in Rottach-Egern statt. Tickets unter www.kino-tegernsee.de. Mehr Info zu Ernst Gamperl unter www.ernst-gamperl.de.

Die 76. Tegernseer Kunstausstellung kann bis einschließlich 4. Oktober täglich von 14 bis 18 Uhr im Alten Schalthaus besichtigt werden. Mehr Info zur Ausstellung unter www.tegernseer-kunstausstellung.de

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