
100 Mal Kunst im Alten Schalthaus
Das Organisationsteam mit Uwe Göbel, Hilo Fuchs, Hans Weidinger und Kurt Gmeineder (von links) vor dem Gemälde von Jürgen Welker. Foto: CS
Vernissage in Tegernsee
Im Alten Schalthaus in Tegernsee findet seit dem 18. September die 76. Tegernseer Kunstausstellung statt. Sie zeigt über 100 Werke von Künstlern aus der Region – von Malerei und Bildhauerei bis hin zu Fotografie. Stargast: der renommierte Künstler Ernst Gamperl.
Bereits zum 76. Mal findet die Tegernseer Kunstausstellung, die einst von den im Tal lebenden Künstlern Thomas Baumgartner, Herbert Beck, Olaf Gulbransson und Ilse Hausner-Witschel aus der Taufe gehoben wurde – eine Schau mit einer langen Tradition also. Dass diese auch heute noch fortgesetzt wird, dafür sorgt seit einigen Jahren das vierköpfige Organisationsteam mit den Künstlern Kurt Gmeineder, Hans Weidinger, Uwe Göbel und Hilo Fuchs, die vor kurzem die Leitung von Eva Knevels übernommen hat. Das Team legt Wert darauf, dass die Schau nicht nur an Bewährtem festhält, sondern sich auch weiterentwickelt: „Sie soll lebendig sein und Künstler des Tegernseer Tals und teils auch der Nachbarregionen sichtbar machen“, sagt Hilo Fuchs.
Erstmalig dabei: Ernst Gamperl, Valerija Vuk Strobel, Kerstin Brandes
Genau deshalb lädt das Team auch Gastkünstler ein, wie den international bekannten und preisgekrönten Ernst Gamperl, der mit seinen Holzobjekten in Sammlungen und Ausstellungen auf der ganzen Welt vertreten ist – von New York über London bis Tokio. Der in Steingaden lebende Künstler zeigt zwei seiner gedrechselten Arbeiten aus Esche und Eiche: leicht wirkende, gefäßartige Objekte mit feinen Rillen und Maserungen an der Oberfläche, die fast nicht auf ihren Werkstoff schließen lassen. „Meine Aufgabe sehe ich darin, dem Holz nichts aufzuzwingen, sondern seine verborgene Kraft in sanfter Zwiesprache behutsam freizulegen“, sagt der Künstler, der bei der Ausstellungeröffnung dabei war.

Ernst Gamperl mit seinem Werk. Foto: CS
Beeindruckende Arbeiten zeigt auch die diplomierte Medienkünstlerin Valerija Vuk Strobel, die die Tegernseer Kunstakademie leitet. An der Wand hängt ihre Arbeit „Momentum“, eine Schnittmalerei mit weißem Papier, deren Veränderungsprozesse parallel auf einem kleinen Bildschirm gezeigt werden. „Die Arbeit beschäftigt sich mit Veränderung durch Bewegung – mehrere Ebenen aus Schnittzeichnungen überlagern sich und setzen sich mit jeder Verschiebung zu einem neuen Gesamtbild zusammen“, erklärt sie.

Valerija Vuk Strobel vor ihren beiden Papierarbeiten „Momentum“ und „Interstitium“. Foto: CS
Auch ihre Papierskulptur „Interstitium“, die eigentlich aussieht, als wäre sie aus Metall, sticht dem Betrachter sofort ins Auge: „Es geht um den Raum zwischen den Dingen – die geschichteten Papierebenen machen Zwischenräume, Tiefe und Schatten zu einem wesentlichen Bestandteil dieser Arbeit“, sagt die Künstlerin.

Die beiden Arbeiten „Monkey on the back“ und „The Bride“ von Kerstin Brandes. Foto: CS
Erstmals dabei ist auch die Künstlerin Kerstin Brandes, Autorin bei KulturVision, die in Gmund ihr Atelier hat. Von ihr sind drei Öl-Gemälde zu sehen, die asiatische Frauen in traditioneller Kleidung zeigen. Die Inspiration dazu kam ihr, als sie einen Bildband mit historischen Fotos in einer Buchhandlung in Shanghai, wo sie einige Jahre lebte, entdeckt hat. „Die Fotos der Frauen aus den Jahren 1860 bis 1915 haben mich dazu inspiriert, mir eine Geschichte um sie herum auszumalen und die Komposition mit Referenzen zu versehen, die unterschiedlichen Kulturräumen entspringen“, erzählt sie.
Premiere bei der Schau feiert auch der in Tegernsee lebende Künstler Abderrahmen Ben Toumia, der Grafik und Bildende Kunst in Tunesien und Frankreich studiert hat: Sein kubistisch anmutendes Acryl-Gemälde schichtet geometrische Formen und Flächen zu einer stimmigen Komposition übereinander.
Poetische Landschaften und detaillierte Zeichnungen
Neben Landschaftsbildern von Klaus Altmann, Heidi Barnsdorf, Andreas Hars, Helga Lucia Kordecki, Hans Weidinger und den Schülern des Leistungsfachs Kunst Q13 des Gymnasiums Tegernsee, die im Eingangsbereich hängen, sind auch viele abstrakte Kompositionen zu sehen: wie etwa von Jürgen Welker, Brigitte Siebeneichler und Heinz Stoewer, der eigens für die Schau das Bild „Tegernsee Panorama“, gemalt hat. „Es kombiniert abstrakte Bereiche mit einem Blick über den See auf die Berge, aber in verfremdeter Farbwahl“, sagt er über sein Werk.
Landschaften von Andreas Hars. Foto: CS
Mit einer unglaublichen Zeichenkunst wartet der in Weyarn lebende Gunnar Matysiak auf, der Bäume mit Buntstift auf Papier zeichnet – so detailliert und filigran, dass man fast meinen könnte, es handle sich um eine Fotografie. Damit will der Künstler unter anderem an die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit unserer Landschaften erinnern: „Die Zeichnungen verbinden stille Schönheit mit einem nachdenklichen Blick auf Wandel und Verlust.“ Auch Bernhard Meixner aus Bruckmühl beherrscht diese Kunst und verwendet Buntstift auf schwarzem Papier, etwa um einen Rehbock zu porträtieren. Den traditionellen Zeichenprozess kehrt er um: „Ich füge kein Dunkel hinzu, sondern bringe Licht in die Dunkelheit“, sagt er über seine Arbeitsweise.
Skulpturen aus Glas, Stein und Marmor und Fotografien
Auch die Bildhauerei kommt nicht zu kurz: Steinskulpturen von Konrad Broxtermann, Marmorarbeiten von Wolfram-Maria und Linus-Maria Felder, Figuren aus Ton von Hilo Fuchs und Waltraud Milazzo sowie Objekte von Ursula-Maren Fitz, die Glas mit Bronze oder Stein verbindet – eine skulpturale Metapher für die Stärke und Verletzlichkeit der menschlichen Seele.

Glaskunst von Ursula-Maren Fitz. Foto: CS
Auch fotografische Arbeiten sind zu sehen: zum Beispiel von Uwe Göbel, der mit seiner Kamera ganz nah an Blüten heranzoomt, so dass das Motiv eine Verdichtung zum Abstrakten hin erfährt. Immer wieder visuell interessant für den Betrachter erweisen sich die ebenfalls abstrakten Werke von Norbert Herbert, der seine Fotografien digital bearbeitet, bis eine neue Komposition entsteht.
Das Herz des Betrachters berühren
„Nehmen Sie sich Zeit und Muse und lassen Sie die Werke auf sich wirken“, fordert Hilo Fuchs die Besucher der Schau auf und freut sich, wenn das ein oder andere Werk das Herz des Betrachters erobert. Denn darum geht es, bei dieser sehenswerten Schau in Tegernsee: „Berührt zu werden, von dem Gefühl oder dem Geist, der in den Kunstwerken steckt.“
Weitere Künstler der Schau: Kathrin André, Priska Büttel, Kurt Gmeineder, Werner Gruss, Sybille Guttenberg, Irnberg, Peter Keck, Eva Knevels, Pia von Miller, Hans Reiser, Hansjörg Schneider, Sopi von Sopronyi, Otto Wesendonk und Ekaterina Zacharaova.