
Schuld und Verdrängung
Im Cover des Buches ist ein Originaldokument abgebildet, ein Vermerk eines Gestapooffiziers über die Großmutter von Bernd Späth, die sich kritisch zu Hitler geäußert hatte . Foto: Bernd Späth
Buchtipp von KulturVision
„Schwarz-Rot-Gold“ von Bernd Späth ist verstörend, irrsinnig spannend und erhellt, wie sich braunes und autoritäres Denken aus der Nazizeit gerettet hat. Es ist aber darüber hinaus ein politischer Thriller, der ebenso erhellend Seilschaften, Machtgier und Korruption offenlegt. Und es ist ein psychologischer Roman, der ein unbearbeitetes Kindheitstrauma beschreibt. Schonungslos und unfassbar.
Berdn Späth ist im Landkreis kein Unbekannter. Erstmals berichteten wir über den Starnberger Autor, als sein Stück „Die Hinrichtung“ in Irschenberg und Bayrischzell aufgeführt wurden. Später kam er in das von KulturVision initiierte und von Schriftsteller Peter Becher moderierte Literaturcafé, um gemeinsam mit der Schlierseer Autorin Hannah Miska aus einem Werk zu lesen. Thema: Antisemitismus. Dies ist eins der Aspekte, der in seinem autobiografischen Roman „Trümmerkind“ zum Ausdruck kommt.

Bernd Spath im Literaturcafé im Waitzinger Keller Miesbach. Foto: Petra Kurbjuhn
„Schwarz-Rot-Braun“ ist die Fortsetzung der Lebensgeschichte von Wolf Achinger in Gunzenbrunn, einer Kleinstadt bei München. Im ersten Teil des Buches beschreibt der Ich-Erzähler seine Kindheit, geprägt vom Kummer über den Tod der Mutter, dem Suff des Großvaters und der autoritären, lieblosen Strenge des Vaters, aber auch von der Fürsorge der Oma. Ganz wichtig aber ist die Freundschaft zu Annamirl, die aber unter dem Kontaktverbot derer Eltern leidet. Die Spitzelbergers sind eben etwas Besseres, da ist der Bäckersohn nicht geduldet. Die Figur der Annamirl zieht sich durch das ganze Buch, ihr Schicksal kreuzt sich mit dem von Wolfs Mutter.
Immer wieder begegnet dem kleinen Wolf sowohl Antisemitismus als auch Verherrlichung der Nazizeit. Unter dem Hitler wäre das nicht möglich gewesen, so wird am Stammtisch gesagt. Drastisch beschreibt der Autor das von Saufgelagen und Prügeleien geprägte Leben der Stadt, in der es unter der Oberfläche brodelt. Er schreibt aber auch, wie sich der heranwachsende Wolf bei der Verkäuferin Lina die so dringend benötigte Wärme holt.
Abgründe des Menschen
In eine ganz andere Welt führt Bernd Späth im zweiten Teil des Buches, wo er aus seinen Erfahrungen in Bonn schöpfen kann, als er eine Werbeagentur betrieb und tiefe Einblicke in die Politik bekam. Die grundlegenden Dinge aber, nämlich die Abgründe des Menschen sind in der Welt der Mächtigen dieselben wie bei den Kleinbürgern in Gunzenbrunn. Wolf hat Karriere gemacht und ist in der ersten Liga von Politik und Wirtschaft als Medienberater gefragt. Ein millionenschwerer Auftrag führt ihn in die arabische Welt, wo in einem fiktiven Staat ein Sohn den Vater entmachtet hat. Dieser plant einen Putsch, um sich wieder auf den Thron setzen zu können.

Bernd Späth. Foto: Chiara Weiss
In diesem Spiel aus Macht, Geld, Intrige und Korruption spielt auch ein Bundestagsabgeordneter eine wichtige Rolle. Eine andere Rolle spielt die Gespielin Romy, die in das von Gewalt beherrschte Geschehen Heiterkeit und Erotik hineinbringt. Bernd Späth beschreibt, wie durch eine Medienkampagne dieser Putsch vorbereitet und die Weltöffentlichkeit damit manipuliert wird. Allerdings spielen die Macher dieses Putsches doppelte Spiele, jeder bespitzelt jeden, jeder verrät jeden und es kommt zum dramatischen Showdown, in dem Wolf als Verlierer hervorgeht.
Kindheitstrauma
Der Kreis schließt sich, als Wolf nach Gunzenbrunn zurückkehrt. Im dritten Teil gelingt es ihm, die unverarbeiteten Geschehnisse seiner Kindheit aufzuarbeiten. Da kommen unfassbare Geschichten von Persilscheinen, von Mord, Erpressung und gegenseitiger Unterstützung ehemaliger SS-Leute ans Licht. Wolf ist auch in der Lage, seine eigenen Traumata zu verstehen, die aus einer ebenso unfassbaren Geschichte resultieren. Ein ständiger Begleiter seiner Kindheit war Sigurd, sein älterer Bruder, der aber namenlos nach sechs Tagen verstarb, vermutlich wegen „unwerten Lebens“, im Wassereimer entsorgt wurde und schemenhaft immer wieder auftaucht.
Mit Hilfe von Dokumenten, die ihm zugespielt werden, entschlüsselt Wolf nicht nur die Verstrickungen der ehrenwerten Gunzenbrunner Gesellschaft, sondern es kommen auch seine Erinnerungen an einen Tag mit seinem Vater zurück, der sein Leben extrem belastete. Er kann sich nun befreien und zu neuen Ufern aufbrechen.
Schuld-Verdrängung-Schuld
Der Roman verstört zutiefst, denn er macht die menschlichen Abgründe in allen Schichten der Gesellschaft deutlich, zeigt, wozu der Mensch aus Machtgier, Geldgier und Angst fähig ist. Er beleuchtet, wie die braune Gedankenwelt nie verschwunden ist und wieder erstarkt, wie aus Schuld Verdrängung und erneut Schuld erwächst.
Was ihn ebenso auszeichnet, ist die Sprache. Im ersten Teil derb, deftig, urbairisch, atmosphärisch. Im zweiten Teil in gehobenem Stil, dem Geschehen auf höchster politischer Ebene angemessen. Im dritten Teil dominiert die psychologisch gefärbte Sprache, mit der Bernd Späth, selbst Psychologe und Coach, die Geschehnisse dokumentiert.
Fazit: Unbedingt lesen!