
„Schreiben ist das Liebste, was ich mache“
Franziska Gänsler und Barbara Schäfer im Hotel Blyb. Foto: CS
Lesung im Blyb.
Die Augsburger Schriftstellerin Franziska Gänsler las im Hotel Blyb. aus ihrem neuen Roman „Orca“ vor, der es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Ein Roman, in dem es um mehr als die Klimathematik geht, für die die Autorin gefeiert wird.
Franziska Gänsler gilt als Shootingstar der Literaturszene. Mit „Orca“ legt die Autorin ihren bereits dritten Roman vor, der für viel Aufsehen sorgte: Er landete auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Der Preis ging zwar an die Konkurrenz („Die Lücken“ von Shida Bazyar), aber nominiert zu sein, war ein Riesenerfolg: „Damit habe ich gar nicht gerechnet“, sagt sie bescheiden bei ihrer Lesung im Blyb., die bis auf den letzten Platz belegt war.

Franziska Gänsler liest aus ihrem Roman „Orca“ vor. Foto: CS
Wie eine solche Nominierung den Marktwert erhöht, bemerkte Franziska Gänsler schnell: „Plötzlich kamen viel mehr Anfragen für Lesungen und auch das Honorar war viel höher“, sagt die sympathische Autorin, die schon als Jugendliche gerne geschrieben hat und Schreibwerkstätten besuchte. „Schreiben ist das Liebste, was ich mache“, bekräftigt sie im Gespräch mit Barbara Schäfer von der See-Buchhandlung Rottach, die die Lesung organisiert hat. Dass daraus ein Beruf werden könnte, hätte sie nicht gedacht: „Ich kannte niemanden, der von Kunst lebt“, sagt sie.
Von der Schriftstellerin zur Klimaexpertin
Deshalb arbeitete sie nach dem Modestudium in Berlin zunächst als Designerin. Später studierte sie noch Kunst und Anglistik auf Lehramt in Wien und Augsburg und erhielt einen Lehrauftrag in ihrer Heimatstadt. Nach diversen literarischen Projekten erschien 2022 ihr erster Roman „Ewig Sommer“, für den sie den Kunstförderpreis Augsburg und den Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur erhielt – und sogar im „Editor’s Pick“ der New York Times landete. Ein unglaublicher Erfolg für die 39-Jährige.
Lesetipp: Zuversicht und Humor trotz Krise
Der Roman spielt in einem verlassenen Hotel, das in einem Kurort liegt, dessen Wälder brennen. Zur Überraschung der Betreiberin mietet sich eine junge Mutter mit Tochter ein. Von den Kritikern sei ihr Buch als Klimaroman gelesen worden, was nicht ihre Absicht war. „Zu 50 Prozent geht es in meinem Roman um emotionale Gewalt“, stellt sie klar. Dennoch sei sie nach Erscheinen ihres Buches als Klimaexpertin auf Panels eingeladen worden, erzählt sie mit erfrischender Ehrlichkeit. Daraufhin hätte sie sich mit der Frage beschäftigt, wie man Klimaaktivismus erzählen kann.
Menschliche Beziehungen im heutigen Kontext
Auch in ihrem dritten Roman geht es nicht ausschließlich ums Klima. „Es geht um menschliche Beziehungen im heutigen Kontext“, präzisiert Barbara Schäfer. Genauer gesagt um die beiden Jugendlichen Cora und Olympia, die als Kinder befreundet waren und sich als Jugendliche während der Corona-Zeit wiedertreffen. Cora, eine junge Frau, die im Supermarkt an der Fleischtheke arbeitet, ist von ihrer Freundin fasziniert und will um jeden Preis ihre Anerkennung gewinnen. Durch sie gerät sie in den Sog einer Gruppe von Klimaaktivisten, die sich zunehmend radikalisiert.

Franziska Gänsler im Gespräch mit Barbara Schäfer. Foto: CS
„Als Olympia festgenommen wird, bin ich bei der Arbeit. Acht Stunden Supermarkt, keine Fenster, Handy im Spind. Ich messe die Zeit daran, wie oft das Einkaufsradio „Walking on Sunshine“ spielt, was verlässlich ist, da das Programm sich alle 40 Minuten wiederholt. Es wurde für die Zeitspanne eines durchschnittlichen Einkaufs konzipiert, nicht für die Schichtarbeit“, liest sie aus ihrem Roman vor, der zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin- und herpendelt. „Es gibt die Fleischthekenzeitebene und es gibt die Rückblickszeitebene, in der Cora erzählt, was eigentlich passiert ist und warum Olympia verhaftet wurde“, erklärt sie.
„Es soll gebinged werden“
Einen Vorgeschmack auf die kommende Radikalisierung erhält der Leser als Cora den Moment schildert, als sie Olympia wiedertrifft: Als sie neben dem Supermarktparkplatz ein sterbendes Kaninchen entdeckt, taucht sie plötzlich wie aus Nichts auf. In das freundliche Wiedersehen der beiden jungen Frauen schleicht sich erschreckende Brutalität: „Sie hielt jetzt in jeder Hand einen großen Stein“, liest die Autorin vor. „Neben ihren Stiefelspitzen, neben meinen Air Max, schob sie, als das Kaninchen sich das nächste Mal aufbäumte, einen der beiden Steine schnell, mit der Linken, unter den kleinen Kopf. Dann zerschlug sie ihn wie ein Ei“, schildert Cora die Szene.
Ein erschütternder und abschreckender Moment. Franziska Gänsler las noch weitere Stellen aus dem Roman vor, der durch seine klare Sprache besticht und den Zuhörer in seinen Bann zieht. „Ich habe das Buch wie eine Serie mit sechs Folgen strukturiert, die alle gleich lang sind“, erzählt sie. „Es soll eben gebinged werden.“
Nach der Lesung bildet sich eine lange Schlange am Bücherstand. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ihr Plan aufgegangen ist und die Zuhörer den Roman unbedingt selbst zu Ende lesen wollen.