
Unbefugte Blicke in zwei fremde Welten
Ekaterina Zacharova und Christian Hahn, Leiter Private Banking Team Rosenheim-Traunstein der HypoVereinsbank UniCredit. Er sprach die Begrüßungsworte. Foto: Stephanie Wochinger
Ausstellung in Rosenheim
Was verbindet die Welt des Balletts mit einem Operationssaal? Was geschieht hinter Türen, die für Außenstehende verschlossen bleiben? Die Malerin Ekaterina Zacharova öffnet mit zwei monu-mentalen Gemälden neue Perspektiven auf menschliche Hingabe, Verantwortung und die Kraft des Miteinanders.
Wo das Außergewöhnliche zur Routine wird
Ein Schild mit der Aufschrift „Unbefugten verboten“ markiert eine Grenze. Wer sie überschreitet, betritt einen Bereich, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Genau diesen Schritt vollzieht der Betrachter in der gleichnamigen Bildserie von Ekaterina Zacharova. Er dringt in zwei abgeschirmte Welten ein, ohne dass die Menschen darin Notiz von ihm nehmen. Sie sind ganz auf ihre Aufgaben konzentriert, jeder erfüllt seine Rolle innerhalb eines größeren Ganzen.

Besucher bei der Vernissage. Foto: Ulla Klötschner
„Bestimmt nicht nur die Neugierde“, antwortet die Malerin auf die Frage, was sie an diesen verborgenen Orten interessiert. Es gehe um höchste Professionalität und Menschen, die über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügten und ihre Arbeit mit größter Hingabe verrichteten.
In der HypoVereinsbank Rosenheim zeigt Zacharova zwei monumentale Ölgemälde: „Tanz der kleinen Schwäne“ und „OP, RoMed“. Das eine führt hinter die Kulissen einer Ballettaufführung, das andere in einen Operationssaal. Beide verbindet eine hochkonzentrierte Atmosphäre, in der jede Bewegung ihren Platz hat und das Zusammenspiel aller Beteiligten entscheidend ist.
Zwischen schmerzenden Füßen und Schwerelosigkeit
Die Welt hinter der Bühne kennt Zacharova aus eigener Erfahrung. Als Kostüm- und Bühnenbildnerin arbeitete sie für das Immling Festival. Was sie dort faszinierte, war die besondere Mischung aus körperlicher Anstrengung und scheinbarer Leichtigkeit. Sie beschreibt die sinnliche Dichte der muskulösen Körper und die Exaktheit selbst beiläufiger Gesten. Auch wenn die Tänzerinnen für einen Moment ihre Disziplin lockern, bleiben sie für sie außergewöhnliche Wesen – und zugleich junge Menschen, die nach Beachtung und Anerkennung streben.

Schwarzer schwan. Foto: Ekaterina Zacharova
In „Tanz der kleinen Schwäne“ verdichtet sie diese Beobachtungen zu einem 13,60 Meter breiten Panorama. Zwölf Leinwände zeigen 30 lebensgroße Balletttänzerinnen, einen Choreografen und zwei Bühnentechniker. Besonders die Figur des schwarzen Schwans verkörpert für Zacharova die emotionale Atmosphäre; die Spannung des Geistes findet ihren Ausdruck in einer beinahe übersteigerten Drehung des Körpers.
Das 2024 entstandene Werk wurde 2025 mit dem Hauptpreis der NordArt (eine der größten Kunstausstellungen für internationale zeitgenössische Kunst in ganz Europa) ausgezeichnet.
Ein Operationssaal als Schutzraum
Eine ganz andere Erfahrung prägte das zweite Bild. Die Eindrücke aus der Chirurgie des RoMed Klinikums waren für Zacharova neu und, wie sie betont, prägend. Der Operationssaal erscheint ihr als nahezu hermetisch abgeschlossene Welt, die beispielhaft für den Gedanken des Schutzes steht.

OP, RoMed. Foto: Ekaterina Zacharova
Hier wird ein höchst dramatischer Kampf um das Leben geführt – allerdings ohne große Gesten, in präziser Professionalität. Für die Künstlerin eröffnet dieser Einblick eine weiterreichende Dimension: Sie erkennt darin die ethischen Grundlagen des Humanismus. Das 2026 entstandene, 9,20 Meter breite Gemälde „OP, RoMed“ wird 2027 bei der NordArt gezeigt.
Zeit wird zu Raum
Beide Werke folgen einem besonderen künstlerischen Prinzip: Zacharova zeigt keinen einzelnen Augenblick, sondern verbindet verschiedene Momente einer Handlung in einem zusammenhängenden Bildfeld. Wer die langen Gemälde betrachtet, muss ihnen mit den Augen folgen und selbst eine zeitliche Bewegung vollziehen. Die ungewöhnlichen Dimensionen sind bewusst gewählt; sie verdichten die Dramatik des Geschehens.
Die Auszeichnungen versteht Zacharova als Bestätigung, dass ihre Arbeit Menschen etwas geben und bedeuten kann. Sie bestärken sie darin, weiterzuarbeiten und wichtige Themen anzusprechen. Bereits 2018 erhielt ihre Serie „just a woman“ den Publikumspreis der NordArt, 2026 wurde ihre Serie „human being mosaic“ mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.
Was sollen Besucherinnen und Besucher aus der Ausstellung mitnehmen? Zacharova hofft, dass sie in die Werke eintauchen, darin verweilen und sich ein wenig als Teil des Geschehens fühlen. Vielleicht, so ihr Wunsch, denken sie dabei auch darüber nach, wie sehr wir miteinander verbunden sind – und welche Bedeutung die hingebungsvolle Arbeit anderer Menschen für unser eigenes Leben hat.