Josef Hader

Ein bitterböser Spiegel unserer Zeit

Josef Hader – „HADER ON ICE“ im Schlussbild. Foto: Marion Siblewski

Kulturherbst Schliersee 2026

Nach dreizehn Jahren kehrte Josef Hader im Rahmen des Kulturherbstprogramms auf die Bühne des ausverkauften Bauerntheaters Schliersee zurück. Mit seinem dramaturgisch ausgefeilten Soloprogramm „HADER ON ICE“ präsentierte der österreichische Kabarettist, Schauspieler, Autor und Filmregisseur einen ebenso bitterbösen wie abgründigen Blick auf den Menschen und die Widersprüche unserer Gegenwart.

Der vielfach ausgezeichnete Künstler führt seinem Publikum eine finanziell abgesicherte, selbstgefällige und zutiefst zynische Figur vor Augen, die sich in ihrer eigenen Bedeutung eingerichtet und den Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit weitgehend verloren hat. Ein prominenter Mensch, der sich alles erlauben kann, gerade weil er erfolgreich ist – und dessen moralische Verwahrlosung hinter Selbstüberschätzung, Eitelkeit und vermeintlicher Weltklugheit hervortritt.


Bauerntheater Schliersee Fozo: Marion Siblewski

Als eine Inspirationsquelle für seine Bühnenfigur nennt Hader selbst Donald Trump. Er beschreibt sie als einen Mann, der angeblich Josef Hader sei und sich in den vergangenen zehn Jahren denkbar schlecht entwickelt habe: satt, selbstzufrieden, eitel und von der eigenen Bedeutung durchdrungen. Eine kaum auszuhaltende Figur ohne konsistente Weltanschauung, die ihre Haltung stets danach ausrichtet, wo gerade die Sonne scheint.

„I halt Wien net mehr aus“

Gleich zu Beginn verkündet die Kunstfigur Hader, dies sei ihr letztes Kabarettprogramm. Sie habe sich ins Weinviertel zurückgezogen, in die „Toskana Österreichs“, die allerdings genauso überschätzt sei wie ihr italienisches Vorbild. Dort schreibe sie nun an ihrer vierbändigen Autobiografie und diversen Restaurantführern, widme sich dem Bogenschießen und ausgiebiger Gartenarbeit.

Wien jedenfalls halte sie nicht mehr aus – mit all den lästigen Boten, Bettlern und Wölfen. In ihrer zunehmenden Abwehrhaltung gegenüber der Außenwelt ist sie bereits so weit gegangen, sich nach dem Vorbild des Großvaters, eines Jägers und Wilderers, eine Waffe zum Selbstschutz anzuschaffen. Dass es sich dabei lediglich um eine Wasserpistole handelt, ist eine jener absurden Brechungen, mit denen Hader die Selbstherrlichkeit seiner Figur genüsslich entlarvt.

Josef Hader
Josef Hader. Foto: Marion Siblewski

„I bin der individuellste Mensch. I glaub, i stirb gar net. I bin so cool, meine Stoffwechselprozesse sind dadurch so herabgesetzt …“
Oder:
„I fahr im Hoodie auf dem Skateboard zur Darmspiegelung.“
Und schließlich die selbstverliebte Erkenntnis:
„Es ist so toll, dass ich so gar nicht in die Schublad pass.“

Hader zeichnet einen Menschen, dessen Selbstinszenierung längst zur grotesken Karikatur geworden ist. Mit bösem Lachen, permanentem Alkoholkonsum und einer gehörigen Portion Menschenverachtung hält sich diese Figur für unangreifbar. Aus ihrem Alter, ihrem gesellschaftlichen Status und ihrer vermeintlichen Lebenserfahrung leitet sie das Recht ab, über den Zustand der Welt zu urteilen. Doch gerade ihre großspurigen Ansichten erweisen sich als erschreckend widersprüchlich und angreifbar.

Zwischen Klimakatastrophe und Fake News

In atemlosen Gedankensprüngen reiht die Figur persönliche Verluste, Umweltkatastrophen und Verschwörungsfantasien aneinander. („Der Klimawandel schlägt zu. Die Erde spült weg. Die Viecher sind weg. Die Frau ist weg. Die Kinder sind weg …“) Mal ist vom vielen Schnee und einem angeblichen „Mikroklima“ die Rede, dann wieder von Russland, Atomkraftwerken oder Windkrafträdern als vermeintlichen Verursachern allen Übels.

„Du bist verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast.“ Doch kaum scheint ein Gedanke Verantwortung einzufordern, wird er auch schon weggewischt: „Mei, des sind Fake News!“

Gerade in solchen abrupten Brüchen entfaltet Haders Kabarett seine besondere Schärfe. Die Figur argumentiert nicht, sie behauptet. Sie denkt nicht zu Ende, sondern wechselt die Richtung, sobald es unbequem wird. Widersprüche stören sie nicht, solange sich damit die eigene Weltsicht behaupten lässt.

Und doch geschieht an diesem Abend etwas Bemerkenswertes: Obwohl man diesen selbstgerechten, zynischen und von jeder Selbstreflexion weitgehend befreiten Menschen eigentlich ablehnen müsste, hält Hader seinem Publikum mit ihm einen unbequemen Spiegel vor.


Hader mit Pistole. Foto: Marion Siblewski

Das Lachen im Saal setzt keineswegs immer gleichzeitig ein. Während die einen bereits über die nächste Ungeheuerlichkeit lachen, scheint anderen das Lachen im Hals stecken zu bleiben. An welchen Stellen gelacht wird – und an welchen nicht –, verrät möglicherweise ebenso viel über das Publikum wie über die Figur auf der Bühne.

„Hitler wollte den Frieden“

Ein beiläufig und mit scheinbarer Überzeugung dahingesagter Satz wie „Hitler wollte den Frieden“ bleibt buchstäblich im Gehörgang stecken. Hader lässt seine Figur mit historischen Verdrehungen und moralischen Grenzüberschreitungen hantieren, ohne sie erklärend einzuordnen. Gerade dadurch entfalten solche Sätze ihre verstörende Wirkung. Das Publikum muss selbst entscheiden, wo die Satire beginnt, wo sie schmerzt und welche Denkweisen hier bloßgelegt werden.

Ebenso entlarvend ist die stolz-schnoddrige Betrachtung des Älterwerdens: „Älter werden ist so schön, ich werde emotionaler, kann wieder weinen, zu mir ‚Ja‘ sagen oder einfach ‚okay‘.“ Doch die vermeintliche Altersweisheit kippt unvermittelt in eine schonungslose Generationenbilanz: „Wir haben der nächsten Generation alles weggeschnappt, haben alles abgeräumt, nach uns kommt nicht mehr viel.“

Hier blitzt hinter aller Selbstgefälligkeit ein bitterer gesellschaftlicher Befund auf. Es geht um eine Generation, die sich Wohlstand, Freiheiten und Privilegien gesichert hat und den Nachkommenden eine zunehmend beschädigte Welt hinterlässt. Hader macht daraus keine moralische Predigt. Er lässt seine Figur vielmehr ungerührt aussprechen, was sie eigentlich selbst belasten müsste.

Schwarzer Humor am Rand der Endlichkeit

Über dem gesamten Abend liegt ein starker Zug zur Vergänglichkeit, zum körperlichen Verfall und zum Tod. Die vermeintliche Unsterblichkeit der Bühnenfigur steht in groteskem Gegensatz zu ihrem Alkoholkonsum, ihren Altersbeschwerden und ihrer offenkundigen inneren Leere.

In dieser Verbindung von schwarzem Humor, sprachlicher Präzision und existenzieller Bitterkeit wird auch die Tradition des österreichischen Kabaretts spürbar, wie sie etwa Georg Kreisler, Gerhard Bronner und Karl Farkas geprägt haben. Hader führt diese Tradition auf seine ganz eigene Weise fort: weniger mit der klassischen Pointe als mit dem Unbehagen, das sich hinter dem Lachen ausbreitet.

Leicht verdaulich ist dieser Abend gewiss nicht. Dafür sind die Zumutungen zu zahlreich, die Widersprüche zu offensichtlich und die Abgründe zu nah an unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Gerade darin liegt jedoch die künstlerische Qualität von „HADER ON ICE“. Josef Hader erschafft einen Bühnenraum, in dem das Unaussprechliche ausgesprochen, das moralisch Fragwürdige vorgeführt und das scheinbar Selbstverständliche infrage gestellt werden darf. Sein Kabarett liefert keine fertigen Antworten, sondern fordert das Publikum heraus, die eigenen Maßstäbe zu überprüfen.

So bleibt nach diesem ebenso komischen wie verstörenden Abend nur zu hoffen, dass die eingangs verkündete Ankündigung des „letzten Programms“ tatsächlich nichts weiter als ein dramaturgischer Kunstgriff ist. Denn einen Künstler wie Josef Hader, der das Lachen so unerbittlich mit dem Denken verbindet und die Bühne zu einem Experimentierfeld gesellschaftlicher Selbstbefragung macht, möchte man auch künftig nicht missen.

Wer „HADER ON ICE” in Schliersee verpasst hat, am 22. November um 19 Uhr ist er mit dem Programm im Kultur + Kongress Zentrum Rosenheim zu Gast.

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Bitte besuchen Sie uns auf