Welche Zukunft hat Kultur?

Der Göbel-Brunnen, benannt nach seinem „Erbauer“ Bernd Göbel, steht am Hallmarkt in Halle (Sachsen-Anhalt). Seine Werke waren in der Vergangenheit in Tegernsee zu sehen. Auch zur Zukunft der Kultur in Sachsen-Anhalt macht er sich Gedanken. Foto: Isabella Krobisch

Kultur nach der Wahl in Sachsen-Anhalt

Mit einem eindeutigen Angebot für die künftige Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt hatte sich die Alternative für Deutschland (AfD) zur Wahl des sachsen-anhaltinischen Landtags gestellt – und wurde mit 43,8 Prozent der Stimmen stärkste Kraft im Parlament. Was bedeutet dieser Wahlsieg für die Zukunft der Kultur?

Kultur hat offenbar einen hohen Stellenwert für die AfD in Sachsen-Anhalt. So zumindest lässt sich die Tatsache erklären, dass im Wahlprogramm der in Sachsen-Anhalt gesichert rechtsextremen Partei das Kapitel „Kultur“ an dritter Stelle behandelt wird. In den ersten beiden Kapiteln geht es um „Familie und Kinder“ sowie „Einwanderung und Remigration“ (sic!). Verwunderlich ist dieser besondere Stellenwert nicht. Wenn man Kultur weit versteht und dazu Bauhaus und Brauchtum genauso zählen wie Sport und Feuerwerke, dann wird durch eine geeignete Kulturpolitik die Gesellschaft nachhaltiger nach den eigenen Vorstellungen umgebaut als nur durch Wirtschafts- und Innenpolitik.

Langfristige Veränderung der Gesellschaft

Dass genau das das Ziel der AfD ist, dürfte kein Geheimnis mehr sein. Patriotischer soll die Kultur insgesamt werden, „deutsch“ statt „modern“, Identität statt Vielfalt. Man konstatiert Nationalmasochismus und fehlendes Selbstbewusstsein – aus Sicht der AfD Leiden, die nur „durch gezielte Arbeit an den kulturellen Voraussetzungen geheilt werden“ können, heißt es im Wahlprogramm. „Hier soll nicht nur an kleinen Schrauben gedreht werden, sondern Grundlagen für eine langfristige Veränderung der Gesellschaft gelegt werden“, sagte der Journalist Niels Schniederjann („Über Rechts“) bereits im Februar dem Deutschlandfunk.

Patriotische Wende?

Gegen eine patriotische Kultur(politik), wie die AfD sie fordert, regte sich im Vorfeld der Wahl und auch danach erheblicher Widerstand aus der Kultur selbst. Bundesweit bekannt dürfte etwa der Verein „Kultur ist Vielfalt und Heimat“ sein, der auf seiner Website schreibt: „Wir verteidigen die Kunstfreiheit gegen politische Instrumentalisierung und gegen jede Form der Vereinnahmung. Unsere Häuser sind öffentliche Räume – geprägt von Vielfalt, Differenz und dem Anspruch, gesellschaftliche Entwicklungen aktiv mitzugestalten“. Andere Kulturschaffende – ein Begriff, der durchaus mit Vorsicht zu gebrauchen ist – warnen vor einer „patriotischen Wende“, die aus ihrer Sicht mit der AfD verknüpft ist, oder sorgen sich um die künftige Finanzierung von Kultur.

„So einfach ist das alles nicht“

Weniger pessimistisch blickt indes Bernd Göbel in die Zukunft. Der Bildhauer und emeritierte Professor für Plastik an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle, Burg Giebichenstein ist mit dem kulturellen Leben im Landkreis Miesbach und insbesondere mit KulturVision gut bekannt. So waren seine Werke unter anderem bereits im Alten Schalthaus des E-Werkes in Tegernsee zu sehen und im Printmagazin „KulturBegegnungen“ (Ausgabe 11) stand ein Portrait des gebürtigen Freibergers (Sachsen) zu lesen. Mit Blick auf den jüngsten Wahlerfolg der AfD rät er zur Gelassenheit. Dass mit einem Mal Kultur umgebaut wird, glaubt er nicht, denn: „So einfach ist das alles nicht“. Er habe schon viele Pläne miterlebt, alles glaube er nicht mehr.

Bernd Göbel
Rät zur Gelassenheit: Bernd Göbel, Bildhauer aus Halle. Foto: Petra Kurbjuhn

Zuhören und Verständnis

Auch davon, dass Kunst nun patriotischer werden solle, ist Bernd Göbel nicht so recht überzeugt. „Es ist doch alles nur Vermutung“, betont er. Dennoch (oder vielleicht auch gerade deshalb) betont er, dass man Politik „etwas sanfter“ machen solle. Von martialischen Ankündigungen, aber auch der Verrohung des politischen Diskurses selbst, hält der 84-jährige nichts. Für ihn sind gegenseitiges Zuhören und Verständnis wichtig. Und gerade hier spiele Kultur eine wichtige Rolle: „Kultur ist der Ort, wo Sanftmut und Verständnis geschaffen wird“, hält Bernd Göbel fest. Man müsse sich darauf aber auch einlassen, fügt er hinzu. Und nimmt auch die Medien in die Pflicht. Von ihnen verlangt er, in der Berichterstattung der Komplexität der heutigen Probleme gerecht zu werden und nicht alles nur in kurze und reißerische Überschriften zu packen.

Ist Optimismus angebracht?

Die Menschen im Osten seien nicht dümmer als andernorts, auch wenn das aus Bernd Göbels Sicht manche Politiker zum Audruck brächten. Die AfD hätten viele Menschen, auch in seinem Umfeld, gewählt, weil sie sich nicht mehr verstanden fühlten. „Die wollten, dass die in Berlin mal etwas gezeigt kriegen“, meint Bildhauer Bernd Göbel. Was sich von deren Programm dann aber umsetzen lässt, dass müsse man erstmal sehen.

Ob sein Optimismus gerechtfertigt ist, kann man derzeit noch nicht sagen. Die radikalen Forderungen im Wahlprogramm, das von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund vorgegebene Ziel, im Dezember zum Ministerpräsidenten gewählt zu werden und für die extreme Rechte zentrale Bedeutung des kulturellen Umbaus sprechen dafür, dass das kulturelle Leben in Sachsen-Anhalt bald anders aussieht als bisher. Es wird in jedem Fall deutlich weniger Vielfalt aufweisen. Können das Künstlerinnen und Künstler wirklich wollen? Man mag es mit guten Gründen bezweifeln.

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Bitte besuchen Sie uns auf