Gehören Kulturschaffende abgeschafft?

Brauchen wir noch „Kulturschaffende“? Eher nicht, meint Autor Claudius Seidl. Foto: Andreas Wolkenstein

Das Wort „Kulturschaffende“ sollte abgeschafft werden, denn es stammt aus dem Jargon der Nationalsozialisten. So war vor Kurzem in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Ob die Argumentation trägt, bleibt offen – was viel schwerer wiegt, ist die drohende Engführung des Kulturbegriffs selbst.

Es sei kein „schönes, starkes oder anschauliches Wort“, befindet Claudius Seidl in seinem überaus lesenswerten Essay „Kulturschaffende: Schafft euch ab!„, erschienen in der Süddeutschen Zeitung. Gemeint ist das Wörtchen „Kulturschaffende“. Wobei „Wörtchen“ schon fast zu wenig ist. Immerhin zählt der Autor fünf Silben, bei denen, so Seidl weiter, bereits nach den ersten beiden klar werde, was noch kommt. Und das sei eben keinesfalls schön. Schon im Deutschunterricht habe man doch gelernt, dass das Partizip zu passiv klingt: Wer schaffend ist, schafft nicht. Er ruht sich aus im Sein, anstatt ins Handeln überzugehen.

Problematische Herkunft

Doch das Sprachgefühl ist das eine. Was für Claudius Seidl schwerer wiegt, wenn es um die Bewertung des Wortes „Kulturschaffende“ geht, ist seine Herkunft. Es stammt nämlich aus dem Vokabular der Nationalsozialisten, führt der Autor aus. In einem „Aufruf der Kulturschaffenden“ wurde 1934 im Völkischen Beobachter gefordert, Adolf Hitler zum Staatsoberhaupt zu machen. Verfasst hatte den Aufruf Joseph Goebbels, unterzeichnet wurde er von Größen wie Ernst Barlach, Wilhelm Furtwängler, Ludwig Mies van der Rohe, Emil Nolde, Richard Strauss und anderen. Der Tenor des Schreibens war, so fasst Claudius Seidl zusammen: „Nur die Schaffenden bilden die Volksgemeinschaft. Ausgeschlossen bleiben: die, die zweifeln, zögern, von schöpferischen Krisen gehemmt und ermattet sind. Oder, was noch schlimmer ist: die das, was andere geschaffen haben, zergliedern und zerteilen, womöglich sogar parodieren, verlachen, schmähen. Die Kritiker also, die Juden, die Schöpfer ‚entarteter‘ Kunst.“

Das Gemachte machend?

Die sogenannte „entartete Kunst“ wird demnach ausgegrenzt durch eine Identifizierung von „aktiv schaffen“ und „wertvoll“. Nicht, wer innehält, zögert, nachdenkt und zweifelt, schafft Kultur, sondern wer sich in den Dienst der Volksgemeinschaft stellt und diese aktiv fördert. Diese Semantik verbindet sich für Claudius Seidl mit dem Heute auf zweierlei Weise. Zum einen konstatiert er für die Kulturbranche eine gewisse Arroganz. Kulturmenschen, die „Verwalter und Verweser des Kunstbetriebs“, nähmen für sich in Anspruch, „zu den Bastionen des Schönen, Wahren, Guten [zu ] werden“. Und weiter: „Deshalb haben Kulturschaffende gültigere Meinungen als Taxifahrerinnen oder Finanzbeamte.“ Der Impetus, aus dem heraus frühere wie heutige „Kulturschaffende“ sprechen, entbirgt also das Selbstverständnis einer Avantgarde, die sich über andere stellt.
Zum zweiten stellt der Terminus „Kulturschaffend“ einen Pleonasmus dar. Denn sofern mit „Kultur“ immer schon das Gemachte im Gegensatz zu dem Gewordenen, also zur Natur, verstanden wird, bedeutet „Kulturschaffend“ eigentlich „das Gemachte machend“. Im Wort „Kulturschaffend“ haben wir also zweimal denselben Gegenstand vorliegen.


Kultur als Gemachtes gilt als Gegensatz zur Natur als dem Gewordenen. Foto: Gábor Adonyi, Pixabay

Ab ins „Archiv der toxischen Begriffe“

Claudius Seidls Argumentation hat durchaus etwas für sich. Zum einen kann die historische Genese eines Begriffs immer auch ein Grund dafür sein, seine (heutige) Verwendung zu hinterfragen – und gegebenenfalls zu ändern. Unsere Begriffe und Wörter verknüpfen außersprachliche Gegebenheiten. In ihnen drückt sich eine Geschichte aus, eine Geschichte, die diskriminierend, ausgrenzend, rassistisch, tödlich sein kann. Diese Verknüpfung zu brechen liegt auch an uns, etwa indem wir die Begriffe und Wörter nicht mehr verwenden.

Zudem gilt es natürlich ebenfalls, auf die Semantik, also die Bedeutung eines Wortes zu achten. Von denen zu sprechen, die „das Gemachte machen“, klingt in der Tat mindestens merkwürdig. Sofern es Alternativen dazu gibt, sind diese möglicherweise vorzuziehen. Freilich gibt es nur wenig gut klingende Alternativen zum Wort „kulturschaffend“, wie Claudius Seidl bemerkt. Seine Lösung lautet daher: „Man kann es nur abschaffen im heutigen Sprachgebrauch. Und ablegen im Archiv der toxischen Begriffe.“ Wenn sich diejenigen, die sich als Kulturschaffend verstehen, als Gruppe äußern wollen, dann empfiehlt der Autor, einfach die Berufsbezeichnungen aufzulisten: „Regisseurinnen, Schriftsteller, Architektinnen.“

Unbeschadet bleibt zudem auch, dass die Gemeinschaft der bislang als kulturschaffend zu bezeichnenden Menschen mitunter ein etwas abgehobenes und auch elitäres Selbstverständnis aufweist. Das hat sie gemein mit der Gemeinschaft derjenigen, die sich als Philosophen verstehen. Auch hier herrscht bisweilen die Vorstellung vor, man sei aufgrund vermeintlich festgestellter kognitiver Überlegenheit der Wahrheit näher als andere und man brauche sich daher mit den Unterlegenen auch nicht groß abzugeben. Ob dies vielleicht eine Strategie dafür ist, die eigene Unsicherheit zu verdecken und sich gegenüber der Anstrengung des Arguments und Austauschs abzuschotten, wäre eine vertiefte Diskussion wert.

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Wandel der Begriffe

Bei aller Sympathie für das grundsätzliche Ansinnen des Autors stellt sich trotzdem die Frage, ob die Argumentation wirklich trägt. Zunächst ist festzuhalten, dass Begriffe sich ihrer historischen Last auch entledigen können. Denn genauso, wie sich Assoziationen mit Begriffen bilden, genauso können sie auch wieder verloren gehen oder sich ändern – zum Besseren oder Schlechteren. Der heute viel diskutierte „Therapiesprech“ ist ein Beleg dafür: Was früher als technischer Begriff in einem psychotherapeutischen Setting galt und konkrete Symptome bezeichnete, kann heute als Ausdrucksoption für eine emotionssensitive Jugend verstanden werden. „Triggern“ oder „toxisch“ sind solche Beispiele. Also: Begriffe verändern sich.

Kunst vs. Technik

Noch wichtiger aber ist der Befund, dass das Wort „Kultur“ bei Claudius Seidl in zweierlei Weise verstanden und nicht immer trennscharf verwendet wird. Es gibt einen sogenannten weiten Begriff der Kultur und einen engen. Kultur weit verstanden beinhaltet in der Tat all die Erzeugnisse menschlichen Handelns, die dem Menschen die Beherrschung der Natur erlauben. Durch Werkzeuge, Technik und Institutionen wurde und wird es den Menschen möglich, sich selbst als Naturwesen in der Natur zu verorten und zu navigieren. Kultur im engeren Sinn aber bezeichnet Kunst, also den kreativen Umgang mit dem Vorgefundenen. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen, der Wahrnehmung, die Transformation gesellschaftlicher Sichtweisen, die Neuinterpretation unseres In-der-Welt-Seins oder einfach die Unterhaltung durch „das Schöne“. Der Gegensatz hier ist nicht die Natur (das Gewordene), sondern Technik, Wissenschaft und andere gesellschaftliche Bereiche (also Elemente von Kultur im weiten Sinne). Es ist also keineswegs ein Pleonasmus, von Kulturschaffenden zu sprechen, weil man sie mit diesem Begriff nicht von der Natur unterscheidet, sondern von denen, die etwa Technik herstellen und verwenden oder Wissenschaft betreiben.

Wurstkultur

Gibt es also Gründe dafür, nicht weiter von Kulturschaffenden zu sprechen? Kann man so sehen. Vielleicht würde das auch dabei helfen herauszufinden und gegebenenfalls immer wieder neu zu bestimmen, wer denn eigentlich dazu gehört. Vielleicht würde es so möglich, Ausgrenzung durch das Aufweichen allzu starrer Begriffsgrenzen zu verhindern. Wichtiger aber scheint es fast, auf das zu schauen, was Kulturschaffende eigentlich produzieren: Kultur oder, eng verstanden, Kunst. Da nämlich zeigt sich eine beunruhigende Tendenz zur Engführung von Kultur – ganz so, wie es Claudius Seidl im Kulturverständnis der Nationalsozialisten gesehen hat. Für Ungarn hat neulich Lacy Kornitzer konstatiert, dass kaum jemand mehr wisse, worin Kultur bestehe, „außer in Folklore und Kitsch, Paprika und dieser speziellen ungarischen Wurst, den riesigen Schafherden in der Puszta und ihren patriotischen Hirten, in alter Tracht die Peitsche schwingend, die Schilfrohrflöte im Mund“. Auch hierzulande mag Wurst einen gewichtigen Kulturfaktor darstellen, wie ein Blick auf die medial verbreiteten Essensgewohnheiten so mancher Politiker nahe legt. Überall, wo Traditionalisten, Nationalisten oder Rechtspopulisten regieren, wird wieder mehr auf angeblich volksnahe Kultur geachtet.

Was Kultur kann

Demgegenüber sollte gerade das Kreative, das Zögernde, der Zweifel durch Kunst und Kultur in Anschlag gebracht werden. Die Welt, das politische, gesellschaftliche und individuelle Handeln ist nicht alternativlos oder unveränderbar, auch wenn es angesichts der Multikrisen dieser Welt manche so erscheinen lassen wollen. Gerade, um die Alternativen erkennen zu können, ist ein Innehalten, sind Reflexion und kreatives Brechen der Realität so nötig. Gerade deshalb ist Kritik nötig, muss gezweifelt, gezögert werden, muss zergliedert und zerteilt, womöglich sogar parodiert werden, was andere sagen und machen, wie es Claudius Seidl formuliert. Denn Kritik ist nicht ergebnislos, Kritik bringt selbst etwas hervor: neue Sichtweisen, andere Gedanken, das Gewahrwerden von Alternativen. Ja, mitunter mag man durch die Herausforderung durch Kritik auch gefestigt werden in dem, was man tut. Aber das ist ja auch ein Ergebnis. Kunst ist in jedem Fall politisch und insofern Kunst Kultur ist, ist es auch Kultur. Das ist es, was heute wichtig ist – und sollte der Begriff „kulturschaffend“ dazu beitragen, diese Perspektive zu vernebeln, gehört er abgeschafft. Vielleicht aber brauchen wir weniger terminologische Debatten als vielmehr inhaltliche. Claudius Seidl hat auf gut lesbare Weise darauf hingedeutet.

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