
So aktuell, dass es weh tut: Der Herr Karl
Josef Mittermayer und Fritz Scheuermann (v.l.). Foto: Fritz Scheuermann
Veranstaltung in Miesbach
Ein Mitläufer, ein Schlipsträger, ein Meister des Durchlavierens: Kabarettist und Schauspieler Fritz Scheuermann holt Helmut Qualtingers „Herrn Karl“ ins Heute. Doch wie viel von diesem opportunistischen Spießer steckt in unserer Gesellschaft – und vielleicht in uns selbst? Am 13. November 2026 um 19.30 Uhr im Waitzinger Keller in Miesbach.
Viele Zuschauer kennen Fritz Scheuermann aus Fernsehserien wie „Die Rosenheim-Cops“ und „Dahoam is Dahoam“ sowie aus Kabarett, Theater und Film. Nun widmet er sich einer der bekanntesten und unbequemsten Figuren des deutschsprachigen Kabaretts: dem Herrn Karl.
Ein Mitläufer, der sich durchs Leben laviert
Helmut Qualtinger und Carl Merz schufen mit ihrem 1961 uraufgeführten Monolog das Porträt eines opportunistischen Mitläufers. Im Lager eines Feinkostgeschäfts erzählt der Herr Karl seine Lebensgeschichte, von den Umbrüchen nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Besatzungszeit. Stets arrangiert er sich mit den Verhältnissen und findet für sein Verhalten eine Erklärung. Sich selbst infrage zu stellen, kommt ihm kaum in den Sinn.
Vom Grantler zum modernen Schlipsträger
Fritz Scheuermann interpretiert die Figur neu. Sein Herr Karl ist kein Grantler des altproletarischen Formats mehr, sondern ein Schlipsträger modernen Zuschnitts. Damit wird er zum Prototyp des Spießers, der sich durchlaviert und vor allem die eigenen Vorteile im Blick behält.
Eine Besonderheit der Inszenierung unter der Regie von Marlene Beck ist Josef Mittermayer als Requisiteur. Mit einem Prolog führt er den Herrn Karl in die Gegenwart, ein Epilog schickt ihn zurück in die Vergangenheit.
„Authentisch muss er schon sein“
SG: Herr Scheuermann, was reizt Sie am Herrn Karl?
FS: Ganz klar seine Zeitlosigkeit. Gerade in unserer Fassung ist er von der Miefigkeit der fünfziger Jahre befreit.
SG: Sie wollten Helmut Qualtinger nicht einfach kopieren. Wie unterscheidet sich Ihre Interpretation vom Original?
FS: Ich wollte diese legendäre Figur behutsam in die Neuzeit transportieren, ohne ihre Wurzeln zu zerstören. Authentisch muss er schon sein. Und da kommt auch mein Bühnenpartner ins Spiel.
SG: Der Herr Karl ist eigentlich ein Solo-Stück. Warum haben Sie sich für einen Bühnenpartner entschieden?
FS: Durch Josef Mittermayer, der als Requisiteur dem Karl die Bühne bereitet, bekommt das Stück eine andere Dynamik. Sein Prolog führt die Figur ins Hier und Jetzt, der Epilog schickt sie wieder in die Vergangenheit. Das unterscheidet uns vom Original.
SG: Ihr Herr Karl ist also ein anderer Typus?
FS: Ja. Unser Herr Karl ist ein an die Zeit angepasster Schlipsträger. Er verkörpert den sich stets durchlavierenden Anzugträger modernen Zuschnitts – eine Parallelverschiebung des Spießers ins Heute. Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen.
SG: Und trotzdem aktuell?
FS: Brandaktuell. Oder wie wir auf der Bühne sagen: so aktuell, dass es schon wehtut! Im Stück heißt es: „Es hod brennt. I was ja an net was los woar. War a Feia. A mords Feia. Scheena Brand.“ Und dann blicke ich mich um und denke: „Oida, so aktuell, dass es weh tut!“
Ein Spiegel gesellschaftlicher Verhaltensweisen
Der Herr Karl arrangiert sich mit nahezu jeder Situation, ohne eindeutig Stellung zu beziehen. Im Rückblick erzählt er seine Geschichte so, dass er möglichst unbeschadet daraus hervorgeht. Seine Haltung folgt weniger festen Überzeugungen als der Frage, wie er persönlich am besten durchkommt.
Scheuermanns moderne Interpretation lenkt den Blick auf Verhaltensweisen, die nicht an eine bestimmte Epoche gebunden sind. Die Figur erzählt von der Vergangenheit und hält dem Publikum zugleich einen Spiegel vor. Sie wirft Fragen nach Verantwortung, Haltung und moralischer Anpassung auf – und zeigt, warum sie auch Jahrzehnte nach ihrer Uraufführung nichts von ihrer Wirkung verloren hat.