
Perspektivwechsel
Eröffneten ihre Ausstellung mit dem Titel „Sichtweisen“: die Fotografen Petra Kurbjuhn, Alexander Kirnberger und Candida Schlichting (von links nach rechts). Foto: Kerstin Brandes
Vernissage in Holzkirchen
Drei Fotografen, drei Perspektiven und doch eine Einheit – so kann die Ausstellung „Sichtweisen“, die derzeit in der Galerie im Autohaus Steingraber in Holzkirchen zu sehen ist, auf einen Nenner gebracht werden. Alexander Kirnberger, Petra Kurbjuhn und Candida Schlichting fangen mit ihren Kameras Motive ein, die nicht immer auf den ersten Blick zuzuordnen sind und ziehen damit den Betrachter in ihren Bann.
Der Kurator der Ausstellung, der Holzkirchner Künstler Horst Hermenau, führte bei der Vernissage kurz in die Geschichte der Fotografie ein. Den Rekurs auf die Entwicklung der Fotografie setzte er bei Joseph Nicéphore Niépce und Louis Daguerre an, denen es zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals gelang, Motive mittels Chemikalien auf Metallplatten „festzuhalten“. Erst ab den 1840er Jahren konnten jedoch beliebig oft reproduzierbare Papierabzüge angefertigt werden. Besonders Alfred Stieglitz habe zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine andere Wahrnehmung von Fotografie forciert und damit die Nähe zur Malerei überwunden.

Alexander Kirnberger, Horst Hermenau, Candida Schlichting, Petra Kurbjuhn (von links nach rechts). Foto: Kerstin Brandes
Vielfalt der Strukturen
Alexander Kirnbergers Beruf des Pastoralassistenten und Betriebsseelsorgers lassen auf den ersten Blick wenig von seinem künstlerischen Schaffen erahnen. Allerdings befasst er sich bereits seit seiner Gymnasialzeit mit Fotografie. Das schuleigene Fotolabor ermöglichte es ihm, sich auf dem Gebiet auszuprobieren und zu experimentieren. Während seines Studiums arbeitete er nebenbei in einem Fotogeschäft und gab zudem Fotokurse.

„Strukturen“ von Alexander Kirnberger. Foto: Kerstin Brandes
Alexander Kirnberger hat jahrelang analog fotografiert. Für ihn habe die analoge Fotografie immer noch ihren Reiz, da sie nicht die extreme Schärfe des Digitalen und eine besondere Ästhetik mit einer größeren Bandbreite an Zwischentönen biete. In dieser Ausstellung zeigt er hingegen digital aufgenommene Schwarz-Weiß-Fotografien, denn für seine Strukturen braucht er genau diese extreme Schärfe, um die Details einfangen zu können.

„Struktur 9“ von Alexander Kirnberger. Foto: Kerstin Brandes
Seine Motive findet Alexander Kirnberger überwiegend in der Natur: Es sind faszinierende Nahaufnahmen von Oberflächen. Sie geben dem Betrachter das ein oder andere Rätsel auf, da nicht alle Oberflächen auf Anhieb zu identifizieren sind; bei einigen muss sehr genau hingesehen werden, um sie zuordnen zu können. Auch wenn die meisten Strukturen gleichmäßig den Bildraum füllen, so erzeugt Alexander Kirnberger eine feine Spannung durch die Abstraktion mittels maximaler Vergrößerung. Seine Aufnahmen gehen so nah an die Materie, dass das Sehen fast schon in ein Fühlen der Oberfläche übergeht.
Klarheit und Ästhetik
Petra Kurbjuhn fotografiert seit Jahrzehnten im Bereich des Kulturjournalismus. Unzählige Interviews und Berichte wurden mit ihren Aufnahmen bebildert und veranschaulicht. Viele von ihnen sind auch im Onlinemagazin von KulturVision zu sehen. Im Laufe der Jahre entwickelte sie sich in Richtung der künstlerischen Fotografie und ist dort definitiv angekommen. Ihre fundierte Ausbildung an der Prager Fotoschule sieht man den Arbeiten an: Formal und inhaltlich beeindrucken ihre Werke und zeugen von einem ausgeprägten Gespür für Raum und Komposition.

„Sichtweise I-III“ von Petra Kurbjuhn. Foto: Kerstin Brandes
Im Autohaus Steingraber zeigt sie Fotografien in schwarz-weiß, die mit ihrer Klarheit und Ästhetik bestechen. Es sind Aufnahmen von Architektur und Interieur, bei denen das Spiel mit Flächen durch Licht und Schatten im Vordergrund steht. Die Wiederholungen der Formen im Motiv erzeugen einen Rhythmus, der den Werken in all ihrer kontemplativen Stille eine einzigartige Dynamik geben. Petra Kurbjuhn gelingt es, Alltagsgegenstände, Nutzbauten und Funktionsräume so formschön in Szene zu setzen, dass es geradezu als eine Hommage an diese sonst wenig beachteten Objekte gesehen werden kann.
Lesetipp: Zwei Positionen, viele Perspektiven
Petra Kurbjuhn wählte ein ungewöhnliches, aber sehr reizvolles Arrangement ihrer Werke: Zwei im Format ungleiche Fotografien, mit unterschiedlichen, dennoch korrespondierenden Motiven, sind in Passepartoutausschnitten in einem Rahmen angeordnet. Durch diese gekonnte Kombination treten die beiden Abbildungen formal als auch inhaltlich in einen Dialog. Drei dieser auf gleicher Höhe gehängte Rahmen bilden eine eindrucksvolle Werkreihe.
Ein Auge für Details
Candida Schlichting studierte in München an der Akademie der Bildenden Künste Innenarchitektur und zeigte ihre Fotografien bereits in Russland, Spanien, Frankreich und der Ukraine. Im Oberland ist sie regelmäßig in Ausstellungen vertreten mit ihren Fotos, auf denen sie Details einfängt. Wenngleich ihre Arbeiten diesmal die einzigen in Farbe sind, so stehen sie nicht im Kontrast zu denen der beiden anderen Fotografen, da ihre Palette subtil und ruhig ist. Bewusst gibt sie ihren Werken keine Titel, um für den Betrachtenden den Raum offen zu halten, in dem er das Bild auf sich wirken lassen und erkunden kann. Sie zeigt Ausschnitte, die zum Teil abstrakt anmuten und erst bei genauerem Hinsehen zu entschlüsseln sind – wobei das zweitrangig erscheint, denn den Bildern ist eine Poesie inne, die im Kopf des Betrachters Geschichten entstehen lässt und in eine ganz eigene Welt führt.

Candida Schlichtings Details und Spiegelungen. Foto: Kerstin Brandes
Die Motive von Candida Schlichting machen den Eindruck, als seien sie zufällig gefunden worden, als wäre ihr Blick beiläufig an ihnen hängen geblieben. Das mag so sein, aber es zeugt vor allem von einem offenen Geist, der die Schönheit der Details erkennt. Es sind abstrakt wirkende Oberflächen in der Architektur, malerische Strukturen in der Natur, grafisch anmutende Alltagsgegenstände und Reflexionen, die ihren Arbeiten eine surreale Note geben. Candida Schlichting gelingt es mit ihren Fotografien, das Einfache, oftmals Übersehene, sichtbar zu machen und damit unsere Grenzen der Wahrnehmung zu weiten.
Gemeinsamkeiten
In der Ausstellung sind keine Aufnahmen von atemberaubenden Landschaften oder monumentalen Bauwerken zu sehen. Alle drei Fotografen lenken bewusst den Blick auf das Alltägliche, vermeintlich Unscheinbare oder wenig Beachtete. Sie reduzieren dabei auf das Wesentliche und bieten eine Essenz der Dinge an. Dieses Konzentrat wirkt mitunter abstrakt, entfaltet indes eine sehr reale Schönheit und berührt den Betrachter.

Petra Kurbjuhn im Gespräch mit Heinz Hirz (links) und Tobias Hohenacker. Foto: Kerstin Brandes
Bei der sehr gut besuchten Ausstellungseröffnung waren, neben einigen Künstlern aus dem Landkreis, auch die beiden renommierten Fotografen Heinz Hirz und Tobias Hohenacker anwesend. Letzterer ergänzte im Anschluss an Horst Hermenaus einleitende Worte, dass man beim Betrachten einer Fotografie durch die Augen des Fotografen blicke. Dies sei ein intimer Moment, konstatierte er. Die Fotografen der Ausstellung Sichtweisen gewähren eben jenen Blick und laden die Betrachter zu einem Perspektivwechsel ein.