Gehen als Kunst des Sehens

In „Just Walking“, der Ausstellung des Fotografen Stefan Speidel in Bayrischzell zu sehen: Mine, Yamaguchi. Foto: Stefan Speidel

Ausstellung in Bayrischzell

Es gibt Fotografien, die einen Augenblick festhalten. Und es gibt Fotografien, die Zeit sichtbar machen. Die Ausstellung „Just Walking“ des Fotografen Stefan Speidel in der Galerie im Treppenhaus 1967 des Tannerhofs gehört zur zweiten Kategorie. Sie erzählt nicht von spektakulären Landschaften oder außergewöhnlichen Ereignissen, sondern von einem langsamen Sehen – und davon, wie sich mit jedem Schritt auch der Blick auf die Welt verändert.

Stefan Speidel, geboren in Mülheim an der Ruhr, lebt seit mehr als vier Jahrzehnten in Japan. Was ihn einst dorthin führte, war die Neugier auf eine andere Kultur und Sprache ebenso wie der Wunsch, sein Physikstudium fortzusetzen. Nach Promotion und einer dreißigjährigen Tätigkeit bei Siemens in Tokio endete 2018 ein prägender Lebensabschnitt. Doch anstatt die Leerstelle eines beruflichen Abschieds zu beklagen, entschied sich Speidel für einen radikalen Neuanfang: Er machte sich zu Fuß auf den Weg.

Ohne Eile

Drei Monate lang wanderte er mehr als 2.000 Kilometer durch sein Wahlheimatland. Von Tokio führte ihn sein Weg nach Kyoto und Osaka, weiter über Kyushu und entlang alter Handels- und Pilgerpfade schließlich wieder zurück nach Tokio. Ohne festen Zeitplan, ohne Eile, meist allein. Das Gehen wurde zum Rhythmus des Tages, die Kamera zum stillen Begleiter und Gesprächspartner. Zur Eröffnung der Ausstellung im Tannerhof in Bayrischzell beschrieb die Fotografin Herlinde Kölbl, deren Werk seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Positionen der deutschen Fotografie zählt, diesen Wandel mit treffenden Worten. Stefan Speidel habe nicht einfach persönliche Erlebnisse dokumentiert. Er habe aus seinen Notizen Literatur und aus seinen Fotografien Kunst gemacht. Schwarzweiß, so Kölbl, funktioniere nur dann, wenn Bilder einen inneren Gehalt besitzen. Genau dieser ist in den Arbeiten von „Just Walking“ spürbar.


Route der Wanderung (GPS-Aufzeichnung). Foto: Marion Siblewski

Ungewöhnliche Kraft

Die Fotografien wirken auf den ersten Blick wie japanische Tuschezeichnungen. Nebel verschluckt Konturen, Regen löst Landschaften beinahe auf, Bäume und Berge erscheinen als feine grafische Linien zwischen Schwarz, Weiß und zahllosen Grautönen. Nichts drängt sich in den Vordergrund. Vielmehr entstehen Bildräume, die den Betrachter einladen, langsam zu schauen. Gerade in einer Zeit permanenter visueller Reizüberflutung entfalten diese Arbeiten eine ungewöhnliche Kraft.


Die Fotografen Herline Kölbl (links) und Stefan Speidel. Foto: Marion Siblewski

Gewissheiten werden fragil

Der Stil erinnert an die ostasiatische Tradition des Sumi-e, der monochromen Tuschemalerei. Doch Speidel imitiert diese Ästhetik nicht. Sie ist vielmehr das Ergebnis einer veränderten Wahrnehmung. Mit jedem Tag des Gehens verlor die Zeit ihre gewohnte Struktur. Aus Stunden wurden Schritte, aus Etappen Erfahrungen. Die Aufmerksamkeit verlagerte sich auf das Unscheinbare: den Duft eines Waldes, Regentropfen auf der Haut, das Geräusch der eigenen Schritte oder das flüchtige Licht der Dämmerung.
Speidel beschreibt diesen Prozess selbst eindrucksvoll: „Ich fotografiere, während ich gehe. Es ermöglicht mir, aus dem ständigen Strom von Gedanken und Reaktionen herauszutreten und zu einer ruhigeren Form der Aufmerksamkeit zurückzufinden. Viele meiner Bilder entstehen im Nebel oder in den Stunden der Dämmerung – in Situationen, in denen die Sicht eingeschränkt ist und Gewissheiten fragil werden. In solchen Momenten zeigt sich die Welt nicht vollständig. Man muss sich ihr annähern.“


Soyuji, Shimane. Foto: Stefan Speidel

Einswerdung und Eigenständigkeit

Diese Haltung prägt jedes einzelne Bild. Es geht nicht darum, Motive zu finden oder spektakuläre Ansichten zu komponieren. Vielmehr entstehen die Fotografien aus einer offenen, fast meditativen Präsenz. Die japanische Ästhetik von Leere, Vergänglichkeit und Stille ist dabei ebenso spürbar wie Speidels naturwissenschaftlich geschulter Blick für Strukturen und Zusammenhänge. Seine Bilder verzichten auf Pathos und große Gesten. Gerade deshalb besitzen sie eine bemerkenswerte Intensität. Auch technisch unterstreicht Speidel diesen Eindruck. Gedruckt auf hochwertigem Hahnemühle-Künstlerpapier mit Pigmenttinten erhalten die Fotografien eine Oberfläche, die tatsächlich an handgeschöpftes Papier und traditionelle Tuschezeichnungen erinnert. Fotografie und Malerei scheinen ineinander überzugehen, ohne ihre jeweilige Eigenständigkeit zu verlieren.


Der Fotograf Stefan Speidel (rechts) im Gespräch mit Besuchern der Ausstellung „Just Walking“ und der in München lebenden Pianistin Masako Ohta (Mitte), durch deren Verbindung der Tannerhof in Bayrischzell auf den Fotografen aufmerksam wurde. Foto: Robert Krause

Wo Tempo endet, beginnt Erkenntnis

Der Ausstellungsort könnte kaum passender sein. Der Tannerhof versteht sich seit jeher als „Versteck in den Bergen“, als Ort der Ruhe und bewussten Entschleunigung. Speidels Arbeiten fügen sich nicht nur in diese Philosophie ein – sie machen sie sichtbar. Wer durch die Ausstellung geht, erlebt keine Abfolge spektakulärer Landschaftsbilder, sondern eine Einladung, das eigene Sehen zu hinterfragen. Wie viel nehmen wir wahr, wenn wir langsam werden? Was zeigt sich erst dann, wenn wir aufhören, nach dem Besonderen zu suchen?

„Just Walking“ ist deshalb weit mehr als eine Dokumentation einer außergewöhnlichen Wanderung. Die Ausstellung ist eine poetische Reflexion über Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und die Kunst, sich der Welt ohne Eile zu nähern. In einer Zeit, in der Geschwindigkeit häufig als Maßstab für Erfolg gilt, erinnert Stefan Speidel daran, dass Erkenntnis manchmal genau dort beginnt, wo das Tempo endet. Man verlässt diese Ausstellung mit dem Wunsch, sich Stefan Speidel zum Vorbild zu nehmen, und selbst wieder einmal einfach loszugehen.

Die Ausstellung „Just Walking“ ist noch bis zum 28. November 2026 in der Galerie im Treppenhaus 1967 im Tannerhof in Bayrischzell zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Bitte besuchen Sie uns auf