Corona und die Münchener Frauenbewegung

Corona und Frauenbewegung - was lernen wir?

Ingvild Richardsens Publikationen zur Münchener Frauenbewegung. Foto: IW

Buchtipp und Diskussion

Die Literaturwissenschaftlerin Ingvild Richardsen hat letztes Jahr ein Buch veröffentlicht, dass sich der zu Unrecht fast vergessenen Frauenbewegung in München Ende der 19. Jahrhunderts widmet. Heute während der Coronakrise ist es aktueller denn je. Von den resoluten Münchnerinnen lässt sich nämlich vieles lernen, vor allem: Solidarität und Netzwerken

Es war im Jahr 1899, als in München der erste Bayerische Frauentag stattfand. Dass die Stadt den Frauen sogar den Saal des Alten Rathauses zur Verfügung stellte, zeigt dessen Bedeutung. Um 1900 war München nicht nur eine der wichtigsten Kunstmetropolen Europas, sondern auch das Flaggschiff der modernen Frauenbewegung in Bayern. Die Münchener Akteurinnen waren zu diesem Zeitpunkt bereits mit Frauengruppen in ganz Deutschland vernetzt. Sie engagierten sich leidenschaftlich in dieser modernen Bewegung, die in der Zeit des Naturalismus und Jugendstils die Geschlechterrollen und Familienbilder komplett auf den Kopf stellte. Sie forderten gleiche Rechte auf Ausbildung, auf Berufstätigkeit und gleiche Löhne. Die Frauen sollten die Kultur und Geschichte gleichberechtigt mitbestimmen, durch alle Schichten.

Blick in die Ausstellung Evas Töchter in der Monacensia
Blick in die Ausstellung „Evas Töchter“ in der Monacensia. Foto: Münchner Stadtbibliothek / Eva Jünger

An vorderster Front standen Anita Augspurg als erste deutsche promovierte Juristin, Sophia Goudstikker als erste Königlich Bayerische Hoffotografin und die Bestsellerautorinnen Elsa Bernstein, Carry Brachvogel und Gabriele Reuter. Sie veröffentlichten ihre emanzipatorischen Werke im renommierten S. Fischer Verlag – genau dem Verlag, bei dem über einhundert Jahre später Ingvild Richardsens Buch „Leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen. Wie Frauen die Welt veränderten“ erschien.

Gleichberechtigung statt Heim und Herd

Die fortschrittlichen Frauenrechtlerinnen, Unternehmerinnen, Künstlerinnen, Schriftstellerinnen und Schauspielerinnen verzichteten auf den üblichen bürgerlichen Weg, den die Gesellschaft von ihnen erwartete. Sie interessierten sich weder für Heirat noch Hausstand, sondern widmeten sich heißblütig ihren Künsten und der Verwirklichung ihrer Ziele: der Gleichberechtigung der Mädchen und Frauen.

Lesetipp: Evas Töchter – Münchens starke Frauen der Jahrhundertwende

Vor allem ist es den unerschrockenen Kämpferinnen gelungen, die Unterstützung von prominenten Männern – Gelehrten, Künstlern und Industriellen – für ihre Arbeit zu gewinnen. Damit wurden sie von der Öffentlichkeit sowie den Männerdomänen Politik und Wirtschaft nicht nur wahr-, sondern auch ernstgenommen.

Zerstörung der Frauenbewegung

Mit der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus, spätestens 1933, fand die liberale, progressive und moderne Frauenbewegung ihr jähes Ende. Sie wurde regelrecht ausgelöscht, die Bücher, Nachlässe und Netzwerke vernichtet und die Frauen verfolgt, einige von ihnen in den Konzentrationslagern umgebracht. Das Zerstörungswerk der Nationalsozialisten wirkt bis heute. Dass sie darüber vollends in Vergessenheit gerieten, hat die Münchener Literaturwissenschaftlerin entsetzt – und zu einer 15-jährigen akribischen Recherche angespornt. Sie möchte die Erinnerung an diese Frauen und ihre enorm wichtigen Errungenschaften wieder in das Bewusstsein zurückholen. Als das Buch voriges Jahr erschien, ahnte Ingvild Richardsen selbst noch nicht, welche Bedeutung es bereits kurze Zeit später erhalten würde.

Warum das Buch gerade jetzt wieder hochaktuell ist?

Weil in der Coronakrise wiederum insbesondere die Frauen die Benachteiligten sind. Und, weil sie heute schlechter vernetzt sind und weniger solidarisch an einem Strang ziehen und für ihre Rechte kämpfen als vor über einhundert Jahren. Dass ihnen wie selbstverständlich in diesem Corona-bedingten Ausnahmezustand ihre Rechte auf Gleichberechtigung abgesprochen werden, findet Ingvild Richardsen höchst alarmierend. An den Frauen blieben in der Zeit von Kurzarbeit und Homeoffice neben ihren beruflichen Verpflichtungen die Kindererziehung samt „Schule zu Hause“ und auch die meiste Hausarbeit hängen. Frauen werden schneller entlassen, weil sie Teilzeit oder in 450-Euro-Jobs arbeiteten. Und in den meisten Fürsorge- und Kümmererberufen, die in der Krise erstmalig als hochgradig systemrelevant wahrgenommen werden, sind wiederum die Frauen in der herausragenden Überzahl – und notorisch unterbezahlt.

Frauen in Pflegeberufen - Heldinnen?
Das Feiern der systemrelevanten Heldinnen – eine verlogene Diskussion, die vom Wesentlichen ablenkt? Foto: pixabay

„Masken auf“, hieße es in dieser Krise, „dabei sind die Masken gefallen“, stellt sie schockiert fest. Jetzt auf einmal seien die Krankenschwestern und Pflegerinnen die Heldinnen. Damit aber, weiß sie aus den Recherchen, stünden wir genau am gleichen Punkt wie im Nationalsozialismus, wo die Frau als Krankenschwester und Pflegerin für Männer und Kinder hochstilisiert wurden. Die Ideologie von Familiengedanke und Mutterkult, die in der Krise wieder so hochgelobt würden, stamme von den Nazis, mahnt sie. Dabei hatten die modernen Frauen schon vor einhundertzwanzig Jahren angemahnt, dass die Gesellschaft nur funktionieren könne, wenn Frauen die Hälfte der Arbeit und Verantwortung übernähmen – als Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Unternehmerinnen und Politikerinnen. Das Hochhalten der plötzlich neu entdeckten Systemrelevanz hält sie für eine „verlogene Diskussion“.

Mehr Mut zur Selbstbestimmung

Wird sich nach der Coronakrise etwas ändern oder wird es einfach stillschweigend so weitergehen? Die Autorin, selbst alleinerziehende Mutter zweier Söhne, die mit ihrem konsequenten Weg in ihrem privaten Umfeld auf Unverständnis und Widerstände stieß, macht das wütend: „Die Frauen damals im Umfeld der Münchener Frauenbewegung waren viel weiter als heute. Jetzt können wir wieder sehr viel lernen von ihnen“, meint sie, „von ihrem Mut zur Selbstbestimmung, ihrer Toleranz und ihrem Zusammenschluss in Netzwerken.“ Immer wieder möchte sie darauf hinweisen, dass all das um 1900 schon einmal selbstverständlich war. „Frauen dürfen nie mit ihrer Berufstätigkeit aufhören und sich in die finanzielle Abhängigkeit der Männer begeben“, ist ihr Credo.

Ingvild Richardsen - was Corona und Frauenbewegung miteinander zu tun haben?
Ingvild Richardsen beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema der Bayerischen Frauenbewegung. Foto: IW

Das Buch „Leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen“ ist 2019 im S. Fischer Verlag erschienen. Ingvild Richardsen kuratierte für die Monacensia im Jahr 2018 die Ausstellung „Evas Töchter – Münchener Schriftstellerinnen und die moderne Frauenbewegung 1894 – 1933“. Die Broschüre „Frei und gleich und würdig“ erschien bei der Bayerischen Landeszentrale für Bildungsarbeit. Ebenfalls von der Autorin erschien das Buch „Die Fraueninsel – Auf den Spuren der vergessenen Künstlerinnen von Frauenchiemsee“ beim Volk Verlag.

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