
„Ich bin schön!“
„Wir sind schön“ – die OBA „LebensMUT“ der Lebenshilfe Miesbach. Foto: Max Kalup
Ausstellung im Bunten Haus Miesbach
Was bedeutet „schön sein“ überhaupt? Und wer entscheidet, was schön ist? Fragen, mit denen sich die Menschen der Offenen Behindertenarbeit (OBA) LebensMUT der Lebenshilfe Miesbach an einem besonderen Tag im vergangenen Jahr beschäftigt haben. Herausgekommen ist eine Fotoausstellung, die das Herz berührt und am 5. Mai im Bunten Haus in Miesbach eröffnet wurde. Noch bis 18. Juni 2026 ist sie dort im Foyer und in der Apostelkirche zu sehen.
Das Datum für die Vernissage war kein Zufall, wie Elisabeth Deller in ihrer Rede erklärte. Denn der 05. Mai ist der „Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung“ und somit ein Tag, an dem das Augenmerk auf genau dieser Thematik liegen soll. „Wir haben lange überlegt, wie wir uns an diesem Tag beteiligen sollen, um auf die gleichen Rechte für Menschen mit Behinderung hinzuweisen. Doch eine Demo oder ein Infostand sind nicht das richtige für uns. Wir wollten was anderes machen“, erklärte die Leiterin der OBA. Die Idee war schnell gefunden, denn es gab da noch Fotografien eines ganz besonderen Tages, der fast genau ein Jahr zuvor in der OBA stattfand.

Die drei Engel der OBA: (v.l.) Elisabeth Deller, Steffi Lehmann und Katharina Rausch. Foto: SB
Die Schönheit im Besonderen finden
Im Rahmen des „LebensMUT“-Freizeitprogramms, organisierten Elisabeth Deller und ihre Kolleginnen Steffi Lehmann und Katharina Rausch einen „Beauty- und Fotoshootingtag“. „Einen ganzen Tag lang widmeten wir uns dem Thema Schönheit im Allgemeinen und unserer Schönheit im Besonderen“, erklärten sie. Die Männer und Frauen trugen an diesem Tag die Kleidung, in der sie sich besonders wohl fühlten und manche probierten auch etwas Neues aus, legten Gesichtsmasken auf, lackierten sich die Fingernägel bunt oder bekamen sogar einen neuen Haarschnitt.

Ein ganzer Tag rund um das Thema Schönheit. Foto: Max Kalup
Friseurin Nicki Lehmann sorgte für die extra Portion Glanz und Glitzer. „Es war ein geiler Tag. Besonders schön war, dass sie so offen waren und dass jeder wusste, was er gerne haben will. War es kein Haarschnitt, dann eine Kopfmassage“, erzählt sie.
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Fotograf Max Kalup sorgte für die passende Ausleuchtung. Denn was als Outdoor-Shooting geplant war, musste aufgrund ergiebiger Regengüsse in ein improvisiertes Studio verlegt werden. „Flexibel und kreativ – so sind wir von der OBA eben“, erzählte Elisabeth Deller. Entstanden sind beeindruckende Portraitaufnahmen der Teilnehmenden, die den Betrachter die Freude dieses besonderen Tages förmlich spüren lassen.

Die Portraits sind im Foyer und in der Apostelkirche zu sehen. Foto: SB
„Gutes Aussehen – reicht das denn wirklich aus, um schön zu sein?“, fragten sich die Frauen und Männer und sie kamen zu dem Schluss: „Schönheit ist mehr als das. Schönheit kommt von tief Innen. Sie macht den Kern unseres Wesens aus. Jeder Mensch ist einzigartig und ganz besonders schön.“
Schöne bunte Vernissage
Rund 80 Gäste, unter ihnen auch Landrat Jens Zangenfeind und die neu gewählten Bürgermeister von Miesbach, Thomas Acher, und Hausham, Johann Harraßer, waren zur Vernissage gekommen. Doch im Mittelpunkt standen die vielen Menschen mit ihren Familien, die es sichtlich genossen, an diesem Tag im Rampenlicht zu stehen.

Das Ensemble des „Theater Inklusiv“ mit Regisseurin Sarah Thompson (r.). Foto: OBA
Monika Brandmaier und Veronika Zhorzel sorgten mit Musik rund um das Thema Schönheit für die musikalische Umrahmung und die Oberlandwerkstätten hatten ein großes Buffett gezaubert. An einer Cocktailbar gab es bunte Getränke und großen Spaß hatten alle in der Fotobox.
Highlight war der Auftritt des Ensembles von „Theater Inklusiv“ des FLTB unter der Leitung von Sarah Thompson. Mit Feuereifer gaben die Darstellenden ein Potpourri aus dem aktuellem Stück „Es war einmal…nun ist es so“ zum Besten und begeisterten das Publikum.
Schönheit ohne Störung?
„Gäbe es überhaupt Schönheit ohne Störung? Brauchen wir die Störung, um die Schönheit überhaupt wahrzunehmen?“, fragte Stephan Kaiser, Vorstandsmitglied des Vereins der Lebenshilfe Miesbach. Die Fotografien in dieser Ausstellung würden „das Großartige an unseren Mitmenschen“ darstellen, die genau wegen ihrer Beeinträchtigung so besonders sind.

Eröffnung der Ausstellung mit Stephan Kaiser (Mitte). Fotos: SB
Er wünschte sich noch mehr Offenheit: „Die Geburt eines besonderen Kindes markiert einen Wendepunkt für alle Beteiligten. Und ich möchte sie ermutigen, diese Kinder anzuerkennen.“ Auf die Frage „Und was haben wir davon?“, gäbe es nur eine richtige Antwort: „Menschen, die in besonderer weise unsere Menschlichkeit hervorzaubern.“
Teilhabe ist ein Menschenrecht
Max Kalup hat es geschafft, das Besondere aus jedem der Teilnehmenden hervorzuzaubern und mit seiner Linse einzufangen. Die Menschen auf den schwarz-weiß Fotografien strahlen den Besuchenden im Foyer im Bunten Haus entgegen. Bunte Sprechblasen erzählen, was die Frauen und Männer an sich selbst besonders schön finden, etwa „Meine Frisur ist toll“, „Ich mag meine Figur von der Seite“, „Ich mag am liebsten meine Augen“ oder wahlweise sogar „Ich mag alles an mir“. Der Fotograf erinnert sich gerne an diesen besonderen Einsatz zurück: „Ich fotografiere viele Menschen, aber das war eines meiner Highlights. Jedes Foto ist anders und strahlt Persönlichkeit und Kraft aus. Es macht die Personen sichtbar.“

Viele liebevolle Details machten die Vernissage zu etwas Besonderem. Foto: SB
„Menschen mit Behinderung erfahren immer noch Benachteiligung und Ausgrenzung“, sagte Elisabeth Deller. Barrierefreiheit und die daraus resultierende Möglichkeit zur Teilhabe seien in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens nicht umgesetzt. Mit der Sichtbarkeit dieser Ausstellung, in einem öffentlichen Begegnungszentrum wie dem Bunten Haus mit vielen Besuchern jeden Tag, setzt die OBA ein deutliches Zeichen.
Teilhabe ist ein Menschenrecht. Menschenrechte sind nicht verhandelbar.