
Bayern um 1750 – hautnah erzählt
Zur Vorstellung des ersten Buches von Hans Glanz (rechts) kam auch Landrat Jens Zangenfeind. Foto: Hartmut Wolf
Buchvorstellung im Markus Wasmeier Freilichtmuseum
Wie lebten die Menschen vor rund 300 Jahren im bayerischen Oberland? Was hat sie bewegt, wie sah ihr Alltag aus, wovon haben sie geträumt? Jahrelang hat sich Hans Glanz in seinem Beruf als Besucher-Führer im Markus Wasmeier Freilichtmuseum Schliersee mit diesen Fragen beschäftigt. In seinem Debüt „Acker, Aberglaube & Ablassbrief“ hat er Antworten gefunden, die nicht nur mitreißen, sondern die Lesenden in die längst vergangene Zeit des 18. Jahrhunderts entführen.
Ein gelungener Abend
Dass Autor Hans Glanz keinen besseren Ort als das „Zum Wofen“ hätte finden können, um seinen Erstling aus der Taufe zu heben, erklärte Veranstaltungsleiterin Veronika Lammer (Markus Wasmeier Freilichtmuseum) in ihrer Laudatio: Die spannenden und liebevoll erzählten Geschichten entführten zwar ins fiktive Dorf Brunnbichl, seien aber auf dem Boden des Museumsdorfes gewachsen. Diese tiefe Verbundenheit mit der Vergangenheit lobte auch der frisch gebackene Landrat Jens Zangenfeind. In seiner mit viel Beifall bedachten Rede erinnerte er daran, dass es uns allen heute nicht so gut ginge, wenn die Menschen früher nicht so hart gearbeitet hätten. Er legte das Buch allen ans Herz, die wissen wollen, wie unser Landkreis zu dem wurde, was er heute ist. Denn schon damals war das Leben voller Herausforderungen: Bauern, Mägde, Knechte, Sennerinnen und Wirtsleute kämpften mit Hungerjahren, familiären Konflikten und den Zwängen der Zeit.

Als „unser Projekt“ beschrieb Veronika Lammer (am Mikrofon) das Buch. Autor Hans Glanz arbeitet seit mehr als sieben Jahren als Führer im Markus Wasmeier Freilichtmuseum, wo er lange Stunden inmitten der restaurierten Höfe verbracht hat. Foto: Hartmut Wolf
Anschließend beschrieb Alexander Strathern, Verleger des Allitera Verlages, gut gelaunt die Entstehungsgeschichte des Buches, die 2019 nach einem Museumsbesuch begann: „Unser Verlagsteam war von Hans Glanz und seiner Führung so begeistert, dass wir spontan sagten: Da müssen Sie ein Buch draus machen.“

Durch solche Bilder erhalten die Geschichten rund um das fiktive Dorf Brunnbichl in Hans Glanz‘ Buch viel authentisches Flair. Foto: Allitera Verlag
Eine große Aufgabe – eine überzeugende Lösung
Ein Buch draus machen – was leicht gesagt ist, kostete Hans Glanz lange Jahre der Entwicklung zum Schriftsteller. Doch langsam reifte in ihm der Plan für ein besonderes Buch. Die Höfe sollten darin vorkommen mit ihren Stuben, Geräten und Gärten, aber auch die Almen, die Arbeit auf dem Feld und in den Scheunen und Tennen und vor allem die Menschen. Von ihnen wollte er erzählen, von den weiten Wegen, die sie zu Fuß gingen, von ihren Träumen, ihren Lebenswelten.
„Es sind romanhafte Erzählungen, in denen ich die Schönheit, die Härte und die Würde des Lebens in Brunnbichl zum Leben erweckt habe“, fasste der Autor seine Arbeit zusammen. Dass ihm genau das gelungen ist, zeigte die Lesung, für die sich Glanz noch etwas hatte einfallen lassen: Ihm zur Seite stand Schauspielerin Daniela März, bekannt aus „Dahoam is Dahoam“. Mit dem schönen Klang ihrer weiblichen Stimme war sie die perfekte Partnerin.

Mit viel Gefühl für die Geschichten und die vielen Nuancen der bairischen Sprache, in denen die Dialoge geschrieben sind, lasen Daniela März und Hans Glanz zunächst Episoden aus dem Kapitel „Ein Sommer auf der Schneidwiesalm“. Foto: Hartmut Wolf
Ein Almsommer
Weil im Buch die einfachen Leute im Mittelpunkt stehen, hatten Glanz und März das Kapitel „Ein Sommer auf der Schneidwiesalm“ ausgewählt. Gleich zu Beginn bricht die junge Magd Maria mit dem Hütebub Lenzi, dem Kiahbua, zu einem Sommer voller Arbeit auf der Alm auf – nicht ahnend, welche Abenteuer sie bestehen muss und dass sich in diesen wenigen Wochen ihr Leben von Grund auf ändern wird. Schuld daran sind zwei Männer, die um sie kämpfen werden.
Da ist der Girgl. Den hat sie beim Tanz kennengelernt und gefallen hat ihr der schneidige Bursche schon. Wie sich die beiden auf der Alm wieder begegnen, liest sich so: Der Tag war heiß gewesen, flimmernd fast, und am späten Nachmittag hatte sich ein dunstiger Schleier über die steilen Hänge gelegt. Maria hatte die Kühe im unteren Teil der Weide zusammengetrieben […] Als sie zurück zur Hütte ging, barfuß über den warmen, steinigen Pfad, hörte sie es zuerst: das Knacken eines Astes, nicht vom Vieh, nicht vom Wind. Sie blieb stehen und blickte zum Saum des Lärchenwaldes. Ein Mann trat aus dem Schatten. […] Girgl war ein Bild von einem Kerl, groß, breitschultrig, mit braunen Locken und einem frechen, durchdringenden Blick […] Aber dass er jetzt einfach so hier stand, allein, mit einem Sack über der Schulter?
Wie die Geschichte ausgeht, die sich nun zwischen Sommergewittern, der Arbeit als Sennerin und dem Hüten der Kühe entspannt, ist ein menschliches Drama. Denn es gibt da auch noch Joseph, den herzoglichen Jäger.
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Ein Dorf, viele Höfe und Schicksale
Die Erlebnisse um Marie und den Almsommer sind nur eines von sechs Kapiteln, die sich alle in und rund um den fiktiven Ort Brunnbichl abspielen. So sind etwa die Höfe wahre Dreh- und Angelpunkte der Geschichten. Auch der Wofen, dessen reale Anfänge aufs Jahr 1732 zurück gehen, oder der Lukashof sind Schauplätze menschlicher Schicksale, die sicher niemand kalt lassen: Da ist die alternde Kreszenz, die sich mit unlauteren Mitteln gegen eine junge Magd wehrt (Kapitel „Der Lukashof – Ein Hof ohne Bäuerin“). Da ist der Lebensweg des unehelich geborenen Benedikt – lange Jahre, die ihn erst in den Krieg und dann zu Ansehen und einer wahren Liebe führen (Kapitel „Der Wofenhof – Ein Bangert findet seinen Platz“). Da sind das Aufbegehren gegen das Leben als Knecht und den Zehnt im Kapitel „Der Riederhof – Am Rande der Dorfgemeinschaft“, aber auch die Ängste und Freuden einer Hebamme (Kapitel „Der Weg der Hebamme“). Sie alle hat Hans Glanz auf über 200 Seiten zum Leben erweckt.

Früher viel zu oft Realität: Ein Brand vernichtete nicht nur das Zuhause, sondern meist die gesamte Existenz, verbrannten doch auch Hab und Gut und alle Vorräte. Foto: Allitera Verlag
Auf Zeitreise im 18. Jahrhundert
Ein großes Panorama ist dieses Buch, das man von der ersten bis zur letzten Seite mit einem guten Gefühl liest. Spürbar hat Hans Glanz viel Vertrauen zu seinen Figuren. Vor allem aber vermag er unserer Heimat wunderbar Gestalt zu geben. Er beschreibt den Bergwald am frühen Morgen, die kleinen Pflanzen am Wegrand, die schwere Arbeit am Acker oder auf dem Dreschboden. Er erzählt von Sonne, Wind und Sturm und vom Hoffen und Bangen auf die Ernte und ein besseres Leben. Dabei ist er völlig unaufdringlich, nah am Kleinen und hat einen feinen Sinn für Humor, der immer wieder in den Dialogen aufblitzt.
Glanz gelingt es, sich in das Innenleben seiner Figuren hineinzuversetzen und damit den Lesenden zu sensibleren für das, wie sich das Leben damals angefühlt haben mag. Wenn der Hütebub im Herbst von der Alm Abschied nimmt, dann liest sich das so: Lenzi war kaasig […] Es war sein erster echter Sommer auf der Alm gewesen. Und vielleicht auch sein erster richtiger Sommer im Leben. Sie hatten alles gut überstanden. Hatten gebuttert und gekaast, die Viecher im Regen gesucht und nach ihnen geschrien im Sturm. Und sie hatten den Schatten gesehen, der von oben kam, immer wieder. Und ihn vertrieben. Jetzt wars still. „Sammas?“, fragte Maria. Er nickte nur.

Die musikalischen Beiträge der „Röpfl Geigenmusi“ aus Bayrischzell zauberten das Flair einer vergangenen Zeit: Lisi, Martina und Martin Röpfl mit Maria Wörndl (re.) Foto: Hartmut Wolf
Hans Glanz: Spät berufen
Hans Glanz hat in seinem ersten Berufsleben als Banker in einer Führungsposition gearbeitet, mit dem Buch „Acker, Aberglaube & Ablassbrief“ gibt er sein Debüt als Autor. Natürlich kommt die Liebe zu authentischen Geschichten nicht von ungefähr. In seiner Kurzbiografie schreibt er, dass seine Eltern einen Kramerladen hatten und dass er als Kind mit den Erzählungen der Kundinnen und Kunden aufgewachsen ist. Dass er den Austausch nicht als Tratsch und Klatsch empfunden hat, sondern dass ihm an den Menschen und ihrem Schicksal gelegen war, spürt man in jeder Zeile seines Buches. So ist ihm neben dem feinen Gespür für Ursachen und Wirkung auch ein Verständnis für die Abhängigkeit von äußeren Lebensbedingungen zu eigen. Und darin liegt ein weiteres großes Verdienst: Das Buch ist durchzogen von Infokästen, in denen alles steht, was man von einem Sachbuch über das 18. Jahrhundert erwarten dürfte. Hier wird in klaren, einfachen Worten erklärt, was es mit Grundherrschaft, dem Knechtsein, dem Bierbrauen, dem österreichischen Erbfolgekrieg, Winterroggen, der Bedeutung des Flachs und vielem mehr auf sich hat.