
Wer liebt denn heute noch?
Thomas Montasser in der Holzkirchner Bücherecke. Foto: MZ
Buchtipp von KulturVision
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky hat Thomas Montasser neben rätselhaften Zahlen als Motto für sein soeben erschienenes Buch „Die Wanderbücherei“ gewählt. In der Holzkirchner Bücherecke verzauberte er das Publikum mit einer äußerst lebendigen Lesung aus diesem leichtfüßigen Roman mit ernstem Hintergrund.
Nicht nur Cornelia Engl von der Bücherecke ist ein Fan von Thomas Montasser, den sie zum 43. Geburtstag der Buchhandlung einlud, auch das Redaktionsteam von KulturVision rezensiert mit großer Freude immer wieder seine Romane.
Lesetipp: Himmlische Sommerlektüre aus München
Der Münchner Schriftsteller versteht es wie kaum ein anderer, seine Leserschaft hineinzuziehen in eine Handlung, heiter und liebevoll erzählt, von Realität zu Fiktion zu kommen und sogar das Umgekehrte zu erzeugen. Er gestand, dass Erich Kästners Geschichte „Georg und die Zwischenfälle“, heute unter dem Titel „Der kleine Grenzverkehr“, erhältlich, sein Vorbild sei. „Eine Geschichte von tiefem Ernst aus der Mitte der dreißiger Jahre, aber leichtfüßig erzählt, denn Menschen sind nicht nur politisch, sondern auch privat.“

Thomas Montasser liest über hans Blum, der im Café Luitpold sitzt. Foto: MZ
Genauso sind seine Figuren in diesem Roman, den er wiederum, wie schon in „Ein ganz besonderes Jahr“ Büchern widmet, eingebunden in die Zeit des Nationalsozialismus und sie haben ein Privatleben. Dieses Mal ist Dreh- und Angelpunkt die Wanderbücherei, die es in München tatsächlich 50 Jahre lang bis 1970 in einem weiß-blauen Tramwagen gab, der durch die Stadt fuhr und an bestimmten Plätzen zur Ausleihe anhielt.
Es sei die Entdeckung seiner Frau gewesen, erzählte Thomas Montasser, und tatsächlich gebe es diesen zur Leihbücherei umfunktionierten Tramwagen im MVG-Museum noch. Als er in diesen einsteigen durfte, habe er gewusst: Da gibt es eine Geschichte und so sei Realität zu Fiktion geworden.

Die Wanderbücherei. Foto: MZ
Der Schriftsteller startete seine Lesung, im Stehen, im Jahr 1937, als der junge Eisenbahner Hans Blum bei der Bibliothekarin Frau Schönfelder wieder ein Buch zurückgibt. Von Kärntner, Erich. Er bekommt dafür ein Buch von Turacher, „Schloss Gripsholm“, heimlich unter der Theke hervorgeholt. Hier heißen sie alle Meier, ob Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Thomas Mann, die verbotenen Autoren, die Frau Schönfelder nur an bestimmte, vertrauenswürdige Kunden ausleiht.
Hans Blum leistet sich einen Besuch im Café Luitpold, wo er sich in die Lektüre bei einem Tee mit Milch vertieft. Beim Gehen vergisst er sein Buch, weil er nur Augen für die hübsche Bedienung Vera hat. Thomas Montasser versteht es, seinen Figuren mit kurzen Andeutungen Lebendigkeit zu verleihen. Hans Blum trägt immer Krawatte, immer dieselbe, schon ist klar, dass er nicht zu den Begüterten gehört aber Wert auf Stil legt.
Fiktion wird zu Realität
Das vergessene Buch, von Bedienung Vera gefunden, führt diese anhand eines Vermerks im Buch nun selbst in die Wanderbücherei zu Frau Schönfeld. Hier baut der Autor Spannung mit der Bemerkung ein, dass nicht nur die Bibliothekarin ein Geheimnis hat und es entspinnt sich ein Gespräch, das nicht harmlos ist. Vera, die eigentlich nicht auffallen will, äußert sich über Tucholsky, der doch wohl verboten sei, aber das Buch müsse gut sein, sonst wäre es nicht verboten.
Im zweiten Kapitel springt Thomas Montasser in die Gegenwart und führt Sophie ein, die den alten ausgedienten Tramwagen restaurieren soll. Dabei entdeckt sie das alte Ausleihebuch der Bibliothekarin. Der Schriftsteller unterbricht seine Lesung und sagt: „Und jetzt wird die Fiktion zur Realität.“ Der Museumsmitarbeiter habe ihm stolz erzählt, dass man in der Tat Geld für die Restaurierung zusammenbekommen habe. Die ehemalige Wanderbücherei sei mit einem Tieflader abtransportiert worden. Und so sei er zum Romanhelden avanciert.
Die Wanderbücherei befeuert die Liebesgeschichte
Aber zurück ins Jahr 1937. Natürlich entspinnt sich eine klassische romantische Geschichte zwischen Hans Blum und Vera Friedrich. Befeuert wird sie durch die Wanderbücherei, denn die beiden verstecken geheime Zahlenbotschaften in einem Buch, die nur sie entziffern können.
Bei einem Treffen im Englischen Garten gesteht er ihr, dass er keine gute Partie und auf ihre Nachfrage auch, dass er nicht in der Partei sei, sondern Sozi. Sie antwortet „Ich habe auch etwas zu beichten“, womit die Liebesgeschichte tragisch wird.
Was Restauratorin Sophie herausfindet.
Restauratorin Sophie spürt dieser in der Gegenwart nach und trifft auf die Tochter der mutigen Bibliothekarin. Sie hat aus dem Ausleihebuch herausgefunden, dass ein und dasselbe Buch immer wieder von derselben Person ausgeliehen wurde. Und sie erfährt noch mehr

Nach der Lesung muss der Autor reichlich signieren. Foto: MZ
Thomas Montasser, der eine Literaturagentur betreibt, beendet seine dramaturgisch spannend aufbereitete Lesung zwischen Stehen, Gehen und Sitzen im Jahr 1944, als Hans Blum verwundet in der Wanderbücherei auftaucht und nach Vera fahndet. „Ist eine tragische Liebe besser als gar kein?“ fragt er abschließend, fügt aber hinzu: „Es geht gut aus.“