Aleksandr Lukianov

Zwischen Mariupol und Glonn

Aleksandr und Tatyana Lukianov in der Ausstellung im Atrium. Foto: Petra Kurbjuhn

Ausstellung in Holzkirchen

Im Gesundheitszentrum Atrium sind im Erdgeschoß und ersten Stock Bilder des ukrainischen Künstlers Aleksandr Lukianov zu sehen. Seine Bilder sind berührend, bewegend, verstörend. Sie vermitteln einen Bruchteil dessen, was der ukrainische Maler, wie so viele andere Menschen auch, erfahren musste. Und sie sind von künstlerischer Qualität. Zur Vernissage am Montag schrieben zahlreichen Gäste ihre Eindrücke in das Gästebuch.

Kein Wunder, denn Aleksandr Lukianov hat ein künstlerisches Gen, Vater und Mutter waren Künstler in Mariupol im Donezbecken der Ostukraine. Als Kind besuchte er die Kunstschule und später die Kunstakademie in Rostov. Er absolvierte auch die Technische Universität als Maschinenbauingenieur, kehrte aber zu seiner Berufung als Künstler zurück und begann Ende der achtziger Jahre zu malen. In einer kleinen Galerie, in der er auch Rahmen herstellte und Künstlerbedarf verkaufte, konnte er sie mit den Werken anderer Künstler ausstellen. Mit seiner Frau Tatyana, gelernte Schneiderin und studierte Ökotrophologin, und zwei Töchtern lebten sie in einem Hochhaus mit Blick auf das Meer. So sind auch viele Bilder der damaligen Zeit realistische Impressionen vom Meer, stimmungsvolle Werke, in denen man die Brandung zu hören vermeint.

Aleksandr Lukianov
Blick aus dem Fenster meines Hauses. Foto: Petra Kurbjuhn

Mit dem 24. Februar 2022 kam das abrupte Ende. „In zwei Monaten war alles zerstört“, sagt Tatyana Lukianov unter Tränen. Aleksandr hat die Tage nach dem russischen Angriffskrieg detailliert dokumentiert. Seine Geschichte, die man in der Ausstellung nachlesen kann, lässt niemanden unberührt. Am vierten Tag im Keller schreibt er: „Meine Frau zittert bis zu den Zähnen, und meine Tochter flüstert unter Tränen: Papa, ich will nicht sterben. Und ich werde verrückt vor Unfähigkeit, etwas zu ändern. Es gibt keine Möglichkeit, den Schrecken des Wahnsinns auszudrücken, der hier passiert.“ Unter unbeschreiblichen Bedingungen überlebt die Familie und es gelingt, in einem zweiten Anlauf, in die Westukraine zu fliehen – immer in der Hoffnung zurückkehren zu können. Aber dann erreichen sie Fotos und er schreibt: „Wir sahen Fotos von unserem Haus und der Stadt, oder besser gesagt, von allem, was noch übrig war. Wir waren entsetzt! Uns wurde klar, dass wir nirgendwohin zurückkehren konnten. Es gibt nichts mehr.“


Heimkehr. Foto: Petra Kurbjuhn

Seine Frau Tatyana flieht mit einer Tochter nach München und findet in Glonn ein neues Zuhause, Wohnung und Arbeit als Schneiderin, er muss bleiben, bis er 60 Jahre alt ist. In dieser Zeit malt er wie besessen Bilder vom Krieg. „Wenn seine Gedanken im Kopf bleiben, wird er verrückt, es muss alles raus“, erklärt die Ehefrau seinen damaligen Zustand. Der Künstler zeigt ein Bild nach dem anderen. Zu jedem hat er die dazugehörige Geschichte geschrieben.

Aleksandr Lukianov
Gott, wie ich diese Möwen beneide. Foto: Petra Kurbjuhn

Eine Frau im Bikini am Strand, darüber rollen Panzerketten. „Erwartung“, im Fenster eines zerstörten Hauses sitzen zwei Katzen und schauen hinaus. Er habe Geschichten gehört, dass die Menschen ihre brennenden Häuser und ihre Haustiere verlassen mussten. „Mit Tränen in den Augen gaben sie ihnen alles Futter, denn sie wussten, dass sie sie dem sicheren Tod überließen und sie zum letzten Mal sehen würden.“


Aleksandr Lukianov vor Bildern im Erdgeschoss. Foto: Petra Kurbjuhn

„I’ll be back Mariupol“ drückt die Sehnsucht aus, die der Künstler aber begraben musste. „Wir haben keine Heimat mehr, in das besetzte Gebiet wird kein Ukrainer mehr hineingelassen“, sagt seine Frau. In „Sag niemals nie“ treffen sich Putin und Selenskyj in den Wolken und „Der Oberbefehlshaber“ zeigt den ukrainischen Präsidenten in Napoleonsmontur. Nein, sie setzen keine großen Hoffnungen in die Regierung, zu viel Korruption. Aber dennoch Heimweh. Immer wieder Bilder von zerstörten Häusern, von Möwen, die über den Ruinen kreisen, ein verzweifelter Mann vor seinem zerstörten Haus. „Das Gesicht des Krieges“ ein Totenkopf mit Krone, der Krieg sei nicht weiblich, schreibt der Künstler zu diesem Bild.


Sag niemals nie. Foto: Petra Kurbjuhn

„Die Wand“ erzählt die Geschichte der Freude, in dieses Haus am Meer einziehen zu dürfen. „Wir wurden mit einem eisernen Besen aus der Stadt gefegt, jetzt sind wir nur noch Staub, verstreut in der ganzen Welt, der nicht mehr eingesammelt werden kann. Und die Stadt ist weggefegt worden“, schreibt der Künstler. „Seele von Mariupol“ ist sein letztes Gemälde aus der Ukraine. Er erinnert sich, wie er als Soldat in der damaligen DDR war und die Sauberkeit der Orte genoss. Er schreibt: „Nach 42 Jahren bin ich wieder hier und nichts scheint sich verändert zu haben, nur mein Leben ist anders geworden, und es hat mich wie einen Aquarienfisch in ein neues Becken mit sauberem Wasser, wunderschöner Landschaft, gutem Essen und freundlichen, ruhigen Nachbarn versetzt. Wenn ich durch diese Stadt gehe, empfinde ich die größte Freude daran, einfach nur an diesem Ort zu sein. Und das Läuten der Glocke in der örtlichen Kirche ist wie ein Testschuss in mein vergangenes Leben.“


Glonn. Foto: MZ

Aleksandr Lukianov malt wieder. Jetzt sind es Bilder von Glonn, der oberbayerischen Landschaft, und er probiert sich in Abstraktion aus. In seine Freude, hier mit Frau und Tochter in Frieden leben zu dürfen, mischt sich der Traum, wieder wie früher von der Kunst leben zu können. Er fand Arbeit im Pferdestall von Magdalena Stahuber auf dem Messerschmidhof und sie bemüht sich intensiv darum, dass seine Kunst an die Öffentlichkeit gelangt. Dabei wird sie von KulturVision aktiv unterstützt. Sein Traum, nach Mariupol zurückzukehren, wird sich in absehbarer Zeit nicht erfüllen, aber sein Traum, dass seine Bilder hier Anerkennung und Wertschätzung erfahren, lässt sich hier gemeinsam realisieren.

Die Bilder von Aleksandr Lukianov sind noch bis zum 31. Mai 2026 im Atrium Holzkirchen zu sehen. Dieser Text erschien in der 45. Ausgabe der KulturBegegnungen.

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