
Dissenspflege bei RadioWissen
Andreas Wolkenstein (links) und Sebastian Schleidgen beim Live-Podcast in der Kulturbrücke Fratres. Foto: Hannes Reisinger
Radiobeitrag über Dissenspflege
Am heutigen Dienstag nach den 15.00 Uhr-Nachrichten bringt der Bayerische Rundfunk in der Sendung „RadioWissen“ (Bayern 2) eine Sendung zum Thema „Dissenspflege“. Autor ist der Philosoph Andreas Wolkenstein, der auch für KulturVision schreibt. Es geht um die Kunst der gelungenen Auseinandersetzung, die er seit einiger Zeit im Podcast „Dissenspflege“ mit seinem Kollegen Sebastian Schleidgen demonstriert. Im Interview erzählt er die Hintergründe.
MZ: Wie tragen wir heute Meinungsverschiedenheiten aus?
AW: Im Hintergrund stehen zwei Beobachtungen. Spätestens seit der Coronapandemie gibt es die Polarität in der Gesellschaft zwischen ja und nein, gut und böse, als gäbe es kein dazwischen. Die Mehrheit der Gesellschaft war aber für die Coronamaßnahmen, äußerte sich aber auch kritisch.
MZ: Ist Social Media dabei ein Beschleuniger?
AW: Ich glaube, durch Social Media haben wir verlernt, in richtigen Austausch zu treten. Dort hören und lesen wir Meinungen zu Lifestyle oder Medizin, da wird gepostet und beleidigt. Das Internet ist kein Ermöglicher für den Austausch, sondern eine Echokammer, wo die eigene Meinung bestätigt wird. Und wo es vor allem um Empörung und Emotionalisierung geht.
MZ: Mit dem Podcast wolltet ihr also einen Gegenpol schaffen?
AW: Ja, und das führe ich in dem Radiobeitrag etwas aus. Ich denke, man muss erstmal genau hinschauen, welche Meinungsverschiedenheiten es gibt. Manche sind unproblematisch. Nehmen wir eine Theateraufführung, da ist jeder berechtigt, sie gut oder schlecht zu finden. Und auch in der Moral gibt es manchmal eine Bandbreite von richtigen Antworten. Solche Meinungsverschiedenheiten sind, wie Philosophen sagen, beständig, sie lassen sich nicht lösen. Es gibt aber auch problematische, sogenannte tiefe Dissense.

Sebastian Schleidgen (links) und Andreas Wolkenstein. Foto: Sebastian Schleidgen
MZ: Warum sind sie problematisch?
AW: Weil es da oft um ganz unterschiedliche Weltsichten geht. Und weil den Menschen oft ein geteilter Erkenntnisraum fehlt, um die Meinungsverschiedenheit zu lösen. Man sollte ja Belege für seine Überzeugung auf den Tisch legen können, um zu einem Ergebnis zu kommen. Aber das entschwindet mehr und mehr durch Social Media, wo eine Bewertung von politischen und gesellschaftlichen Vorgängen allein durch Influencer oder YouTube-Videos erfolgt.
MZ: Was stelle ich mir unter dem Erkenntnisraum vor?
AW: Gesprächspartner haben Belege und geteilte Quellen für ihre Argumentation und das funktioniert, solange sie sich einig sind in der Frage, wie in Meinungsverschiedenheiten vorgegangen wird. Wenn das nicht mehr der Fall ist, fehlt uns ein solcher gemeinsamer Raum. Dieser kann auch digital sein, die Bedingung aber ist, dem anderen zuzuhören und das setzt eine Begegnung voraus, die wiederum auch digital sein kann.
MZ: Es kann aber auch analog von statten gehen?
AW: Die gesellschaftliche Polarisierung fängt mit dem Nachbarn an, mit dem man in Verbindung treten sollte. Der erste Schritt ist miteinander reden und auch klären, wo gibt es eine Dissens. Vielleicht hat sich da nur etwas hochgeschaukelt. Also Zuhören, Interesse zeigen, ohne immer gleich die eigene Meinung raus zu posaunen.
MZ: Und wenn mein Nachbar AfD-Wähler ist?
AW: Da kommt es darauf an, klug zu überlegen, ob sich die Diskussion lohnt. Manchmal ist das der Fall und auch hier ist es wieder sehr wichtig, einfach auch mal zuzuhören und Interesse zu zeigen. Es ist aber nicht notwendig mit allen Menschen zu reden, wenn eine Grundlage fehlt. Ich bin skeptisch bei dem Bild der Brücke, das ja immer wieder bemüht wird: Wir sollen Brücken über die gesellschaftlichen Gräben bauen. Weil es bedeuten könnte, dass man sich in der Mitte trifft: die einen werden etwas extremer, die anderes etwas weniger extrem. Brücken bauen ist wichtig, es kommt aber darauf an, diese klug zu bauen. Vielleicht muss ich woanders eine Brücke finden, wo ich jemanden finde, wo es nicht eine so tiefe Meinungsverschiedenheit gibt. Es muss nicht laut sein, man muss nicht schreien.

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MZ: Wie schaffe ich es, Gräben zu überwinden?
AW: Man sollte prinzipiell Gesprächskanäle offenhalten und Werkzeuge bereithalten, um Brücken bauen zu können. Und man muss herausfinden, wie tief der Graben ist. Viele Menschen haben Ängste, die zwar auch unbegründet sein können, aber man muss sie ernstnehmen.
MZ: Es kann ja auch sein, dass ich selbst falsch liege.
AW: Ganz genau, da sprechen wir von epistemischer Bescheidenheit. Epistemische Bescheidenheit oder Demut bedeutet, dass ich mich täuschen kann, das sollte man immer im Hinterkopf behalten. Und es ist wichtig, das als Richtschnur im Umgang mit anderen Menschen zu benutzen. Die Wahrnehmung der Bescheidenheit ändert den Umgang mit anderen Menschen. Es braucht dazu Geduld und ich muss auch nicht sofort meine Überzeugung reduzieren.
MZ: Wie etwa gehe ich mit Ausländerhetze um?
AW: Es ist eine Minderheit, die uns weismachen will, dass Ausländer per se gefährlich sind. Und die davon spricht, dass unsere Gesellschaft gespalten ist. Wir sollten sehr genau hinschauen, wer davon profitiert, dass wir denken, es gebe eine Spaltung. In vielen Dingen gibt es diese gar nicht. Gegen Hetze sollten wir in jedem Fall eintreten und „Stopp“ rufen. Und uns nicht einschüchtern lassen dadurch, dass diese Standhaftigkeit für Spaltung sorgt.
MZ: Was wollt ihr mit der Dissenspflege bewirken?
AW: Die Dissenspflege ist nicht nur eine Anweisung dafür, wie wir im Gespräch miteinander umgehen, sondern auch dafür, wo und wie wir Gespräche führen, welche Orte wir auswählen.
MZ: Und was erwartet die Hörerinnen und Hörer der heutigen Sendung bei RadioWissen?
AW: Es ist ein Feature von knapp 22 Minuten, bei dem auch der Philosoph Markus Seethaler zu Wort kommt. Er hat zu diesem Thema gearbeitet und vertritt einen moralphilosophischen Ansatz.
Zum Weiterlesen: Ein Hoch auf die Meinungsverschiedenheit