Erscheinungsfest der 45. Ausgabe der KulturBegegnungen im Atrium Holzkirchen

Geht die Menschlichkeit verloren?

Porträtierte Kulturschaffende erzählten von ihrer Arbeit beim „Erscheinungsfest“ der 45. Kulturbegegnungen – wie Komponist Thomas Rebensburg. Foto: IW

Kulturzeitung für den Landkreis

Dieser Frage spürt die 45. Ausgabe der KulturBegegnungen nach – und findet eine Antwort: Nein. Glücklicherweise gibt es im Landkreis Miesbach zahlreiche Projekte und Einzelinitiativen, die hoffnungsvoll stimmen. Beim „Erscheinungsfest“ im Atrium in Holzkirchen erzählten die in der Zeitung Porträtierten von ihrem Schaffen. Es war ein kleines Fest voller Licht, Wärme und Hoffnung.

Da sind etwa die Bilder des ukrainischen Künstlers Aleksandr Lukianov, der seine Erlebnisse im Krieg und die Flucht aus seiner geliebten Stadt Mariupol verarbeitet hat. Sie erzählen von unvorstellbarem Leid, sind zugleich berührend, verstörend und bewegend – und dennoch hoffnungsvoll. Dass über den Künstler nicht nur eine Geschichte in der Zeitung erscheinen, sondern auch eine Ausstellung seiner Bilder organisiert werden sollte, war Monika Ziegler besonders wichtig. Daher lag es nahe, die Vernissage und das „Erscheinungsfest“ der Zeitung kurzerhand zusammenzulegen – im Gesundheitszentrum Atrium Holzkirchen.

der ukrainische Künstler Aleksandr Lukianov
Der ukrainische Künstler Aleksandr Lukianov mit dem Bild seiner neuen Heimat Glonn (links). Foto: Petra Kurbjuhn

Weiterlesen: Zwischen Mariupol und Glonn – der Künstler Aleksandr Lukianov

Rund 60 Gäste hatten sich eingefunden. Sie standen und saßen im Licht der durch die Fenster fallenden Frühlingssonne, während Monika Ziegler durch die Zeitung führte und den Protagonisten der Ausgabe Gelegenheit gab, ihre Arbeit und ihre Motivation vorzustellen.
Der Vorstandsvorsitzende des Vereins „Holzkirchen hilft“, Marc Gerster, berichtete darüber, wie unverschuldet in Not geratene Menschen landkreisweit Unterstützung finden: „Wir kümmern uns um die stille Not nebenan.“ Der langjährige Integrationsbeauftragte des Landkreises, Max Niedermeier, war stellvertretend für den Förderverein PIA e.V. erschienen, der sich für Migration und Integration im Landkreis starkmacht – Menschlichkeit ist auch dort das zentrale Motiv.

Olaf von Löwis
Olaf von Löwis berichtete über die Gründung der Kulturstiftung für den Landkreis. Foto: Petra Kurbjuhn

Eine „letzte Amtstat“ von Olaf von Löwis als Landrat, erzählte Monika Ziegler, sei die Gründung der Kulturstiftung für den Landkreis gewesen. „Ich bin ein kulturbegeisterter Mensch“, sagte der Holzkirchner, „mir liegt am Herzen, dass Kultur als wichtige Säule der Gesellschaft wahrgenommen wird.“ Er lobte den „tollen, nicht politisch besetzten Stiftungsrat“ und signalisierte seine Bereitschaft, mit seinem Netzwerk zu helfen. Der neue Landrat Jens Zangenfeind konnte zwar zur Präsentation der Ausgabe nicht kommen, stand aber KulturVision in einem Interview Rede und Antwort zur Frage, welche Bedeutung er der Kultur im Landkreis zumesse. Auf den Punkt gebracht: als unschätzbaren Beitrag, „wie wir miteinander reden und umgehen“ (…) und als „wichtigen Standortfaktor“.

Kultur und Teilhabe

Um die Rolle der Kultur in der Gesellschaft geht es auch dem Philosophen Andreas Wolkenstein. Er moderierte im Herbst den Warngauer Dialog zum Thema Wie politisch ist die Kultur. Die Veranstaltungsreihe zeige immer wieder die Vielfalt von „Kultur schaffen und Kultur reflektieren“. In diesem Zusammenhang verwies er auf den nächsten Warngauer Dialog zum Thema „Kultur und Teilhabe“ – erneut ein Thema, bei dem Menschlichkeit eine große Rolle spiele, denn Kultur dürfe niemals elitär sein.

Elias Leckner
Saxofonist Elias Leckner und Pianist Diego Fernández Diaz. Foto: IW

Im Untergeschoss, vor Aleksandr Lukianovs leuchtenden Bildern, die in der Sicherheit seiner neuen Wahlheimat entstanden, war an diesem Abend neben der Malerei auch die Musik zu Hause. Kraftvoll, fröhlich, jugendlich-vital und höchst professionell eröffneten Saxofonist Elias Leckner und Pianist Diego Fernández Diaz den Abend musikalisch.

Kein Harfenengel: Maria Manz
Kein Harfenengel: Maria Manz. Foto: Petra Kurbjuhn

Dass sie kein Harfenengel ist – so wie es auch der Zeitungsbeitrag über sie titelt –, bewies anschließend die 17-jährige Maria Manz mit einem flotten Blues auf ihrer Harfe. Im Publikum wippten auch drei Männer mit Hut anerkennend im Takt. Leider war das Sextett der Band Wildwood Flowers nicht vollständig vertreten, sonst hätte dem Blues wohl noch Bluegrass folgen können – aber bei der Kunstausstellung in Hausham wird man sie sicherlich bald wieder hören.

drei Vertreter von Wildwood Flowers beim Erscheinungsfest
Drei Vertreter der Band Wildwood Flowers beim Erscheinungsfest. Foto: IW

Auch Lisa Schöttl ließ Kostproben ihrer Virtuosität am Hackbrett erklingen. Gemeinsam mit Christine Horter und ihrer Schwester Veronika ist sie als Ensemble Vielsaitig musikalisch unterwegs. Andreas Haas vom Freies Landestheater Bayern stellte seine Figur Timmy vor, die bereits ihren 25. Geburtstag feiert und Kinderherzen in sechs verschiedenen Musikprojekten erobert hat. Das siebte Projekt – „Timmy 1001 Nacht“ – feiert am 20. Juni im Kultur im Oberbräu Premiere.

Musikalisch spannend wird es im Herbst am Tegernsee, wenn das von Thomas Rebensburg nach der Romanvorlage von Karl Weinberger komponierte Singspiel „Sturm am Tegernsee“ uraufgeführt wird. „Der Rohbau steht, jetzt kommt der Innenausbau dran“, verdeutlichte der Bad Wiesseer Komponist, Arrangeur und Produzent die sportliche Zeitplanung des ambitionierten Musikprojekts. Die Premiere findet am 25. September auf Gut Kaltenbrunn statt.

Fotograf Stefan Schweihofer
„Sie haben ja wieder gezaubert, Herr Schweihofer!“ Foto: Petra Kurbjuhn

Das Herz des multitalentierten Künstlers Stefan Schweihofer schlägt am meisten für die Fotografie. Inzwischen hat er sich im Landkreis ein großes Netzwerk geschaffen, fotografiert regelmäßig für die Lokalpresse und gelegentlich auch für KulturVision. Zum Thema Menschlichkeit zitiert er den Fotografen Aaroin Siskind: „Fotografie ist eine Art zu fühlen, zu berühren, zu lieben.“ Journalistin und KulturVision-Autorin Corinna Schneider berichtete von einem besonderen Interview: In Dubai sprach sie mit der Neurowissenschaftlerin Hannah Critchlow über Künstliche Intelligenz. Diese warnt eindringlich davor, KI als Ersatz für eigenes Denken zu betrachten. Wie sich unsere kognitiven Fähigkeiten schützen und bewahren lassen, kann man in der 45. Ausgabe nachlesen.

Die Kulturzeitung liegt im Landkreis aus

Dort gibt es noch viele weitere Beiträge zum Thema Kultur und Menschlichkeit. Besonders ans Herz legen möchten wir etwa den Artikel über den Museumsbau für Bildhauer Andreas Kuhnlein in Traunstein, der mit seinen zerklüfteten Holzskulpturen seit Jahrzehnten dem Menschsein nachspürt. Bewegend ist auch der Erfahrungsbericht von Autorin Anja Gild, die eine Fastenpredigt über den Verlust ihres Sohnes Jacob hielt und dabei die Erfahrung machte, wie wertvoll die Begegnung mit empathischen, wertschätzenden und offenen Menschen ist.

Aleksandr Lukianov: Glonn
Im Erdgeschoss präsentierte Aleksandr Lukianov Bilder, die bereits in Deutschland entstanden. Foto: IW

Der Name der Zeitung – KulturBegegnungen – ist auch bei den jeweiligen Erscheinungsfesten Programm: Die Abende stehen ganz im Zeichen der Begegnung und des Netzwerkens. Das Fest im Atrium bot zugleich Gelegenheit, mit Aleksandr Lukianov über seine Bilder sowie seine Erfahrungen mit Krieg, Flucht und Überleben in der Ukraine ins Gespräch zu kommen. Zahlreiche bewegte Eintragungen in das Gästebuch zeugen von dem starken Eindruck, die die Gespräche und Bilder hinterlassen haben. 

Aleksandr Lukianov
Aleksandr Lukianov hat nie die Hoffnung aufgegeben – in und für Mariupol. Foto: IW

„Ich hoffe, dass Sie spüren, dass diese Bilder nicht für Kunstkritiker gedacht sind, sondern für Menschen, die ein gutes Herz haben“, sagte der Künstler. Verkaufen möchte er seine Mariupol-Bilder nicht – zu eng sind sie mit seinen Gedanken und Empfindungen verbunden. Gemalt hat er sie nach der Flucht aus dem zerstörten Mariupol in der Westukraine. Es sind Allegorien des Krieges und der Hoffnung. Nach einer Ausstellung in Kiew sind nun alle Bilder in Oberbayern – und 33 davon sind im Atrium ausgestellt.

Die Ausstellung mit den Bildern von Aleksandr Lukianov ist noch bis Sonntag, 31. Mai, im Atrium (Münchner Straße 56) zu sehen. Die neue Ausgabe der KulturBegegnungen liegt an verschiedenen Orten im Landkreis aus – und steht auch online zum Download bereit.

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