
Die Domspatzen – damals und heute
Als Chorpräfekt leitete Paul Winterer zeitweise auch die Choralschola der Regensburger Domspatzen. Das Foto entstand 1976 im Regensburger Dom. Foto: Privat
Vergangenheit und Gegenwart der Regensburger Domspatzen
Es war heuer nicht das erste Mal, dass unser Autor und die Regensburger Domspatzen bei einem Konzert in Tegernsee zusammen kommen. Vor über 50 Jahren stand Paul Winterer selbst als Sänger in den Reihen des weltberühmten Chores. Nun hat er das Konzert der Domspatzen in der Pfarrkirche St. Quirinus in Tegernsee, das das 37. Internationale Musikfest am Tegernsee in diesem Jahr eröffnete, als Zuhörer besucht. Wie er die Domspatzen damals und heute erlebte, hat er für KulturVision aufgeschrieben.
Samstag, 18. Juni 1977, der Omnibus der Regensburger Domspatzen biegt in den Tegernseer Schlossplatz ein und hält vor der ehemaligen Klosterkirche. Am Abend gibt der weltberühmte Knabenchor dort ein geistliches Konzert. Auch ich singe mit, inzwischen Chorpräfekt, der die Knabenstimmen auf Tourneen betreut. Schon 1972 war ich, damals als Schüler des Musikgymnasiums ein Jahr vor dem Abitur stehend, mit den Domspatzen nach Tegernsee gekommen, wo ich Kindergartenjahre verbracht und die Grundschule besucht hatte, ehe ich in Schule und Internat der Domspatzen nach Regensburg wechselte. Die Erinnerungen an die beiden Auftritte sind nach so langer Zeit teils verblasst, aber natürlich weiß ich noch, dass es ganz besonders war, daheim aufzutreten, noch dazu in unmittelbarer Nachbarschaft zur Herzoglichen Brauerei, in deren Diensten der Großvater einst stand und mit meiner geliebten Oma noch lange wohnen durfte, und ich mehrere Jahre mittendrin. Sicher sangen wir damals lateinische Motetten alter Meister wie Palestrina oder Lasso und romantische Kompositionen wahrscheinlich von Mendelssohn oder Bruckner, vielleicht auch von Reger – tempi passati.
Denkste – denn in diesem Frühjahr las ich, dass die Domspatzen, denen ich nach der aktiven Zeit als Autor eines Buches über den wohl ältesten Knabenchor der Welt und Herausgeber einer Festschrift auch publizistisch verbunden blieb, Jahrzehnte später wieder nach Tegernsee kommen. Sie waren zum diesjährigen Internationalen Musikfest am Tegernsee eingeladen worden. Sofort kreisten die Gedanken um die Konzerte von damals. Es wurde mir einmal mehr bewusst, wie glücklich ich seinerzeit gewesen war, in jener Kirche als Domspatz singen zu dürfen, in der ich 1962 die Erstkommunion empfangen hatte und bei der mein älterer Bruder Peter, auch er Domspatz und als Sopransolist Vorbild für mich, das bekannte Alleluja aus Mozarts Motette „Exsultate, jubilate“ mit Bravour gesungen hatte.
Lesetipp: Cecilia Bartoli beim 37. Internationalen Musikfest
Vom Sänger zum Zuhörer
Schnell war klar, dass ich den neuerlichen Auftritt der Domspatzen keinesfalls versäumen wollte. Als freier Mitarbeiter der Heimatausgabe des „Münchner Merkur“ wurde ich von der Redaktion zudem als Autor eines Artikels über dieses Konzert eingeteilt – zugegeben, ich hob schon auch den Finger dafür. Ich überlegte schon im Voraus, was so wie damals sein würde, was anders, abgesehen davon, dass ich nun Zuhörer in der Kirchenbank und nicht Sänger im Altarraum war. Ich war auch kein junger Kerl mehr, sondern nach einem langen Berufsleben grauhaarig geworden, längst Rentner und Großvater. Als der saß ich nun vergangenen Freitag in der Pfarrkirche von Tegernsee und lauschte neugierig, aber auch feierlich gestimmt, dem Gesang der Domspatzen.
Rein äußerlich hat sich nicht viel geändert. Die Knabenstimmen tragen bei Konzerten einen blauen Anzug mit kurzer Jacke und einem Schleifchen unterm Hemdkragen, die Männer schwarzen Anzug und Krawatte. Noch immer ziehen sie getragenen Schrittes und mit ernster Miene zum Altarraum. Als letzter tritt der Domkapellmeister auf. „Mein“ Domkapellmeister war damals der katholische Priester Georg Ratzinger, bekanntlich der ältere Bruder des späteren Papstes Benedikt XVI. Er trug immer einen schwarzen Gehrock, von ihm auf bayerisch „Gehsthintre“ genannt, ein nicht mehr gebräuchliches weltliches Ausgehgewand für „geistliche Gefäße“ – noch so eine spaßige Formulierung für den Priesterstand anno dazumal. Stets schaute er ernst drein, erst nach dem Konzert wurde sein Blick gelöster.
Der derzeitige Domspatzen-Chef Christian Heiß, ein hochgewachsener Endfünfziger und kein Priester, sondern verheirateter Familienvater, hat zwar eine durchaus respekteinflößende Statur, betritt den Aufführungsort aber breit lächelnd und lacht auch noch seinen Sängern zu, ehe er den Ton des ersten Stücks anstimmt und den Einsatz gibt. Das sorgt für eine deutlich entspanntere Atmosphäre als zu meiner aktiven Zeit.

Domkapellmeister Christian Heiß (r.) und Paul Winterer nach dem Konzert der Domspatzen vor der Kulisse des Tegernsees. Foto: Regensburger Domspatzen
Unverwechselbar und doch anders
Aber viel wichtiger: Wie klingen die Domspatzen mit 1050 Jahren auf dem Buckel gegenüber denen mit „nur“ 1000 Jahren? Tatsächlich kann der 975 gegründete Knabenchor auf eine derart lange ununterbrochene Tradition zurückblicken und gilt deshalb als wahrscheinlich ältester Knabenchor der Welt. Ich durfte vor 50 Jahren die Tausendjahrfeier miterleben, die rund 60 Buben und jungen Männer, die nun in der Tegernseer Kirche frisch drauf los singen, ließen noch vor wenigen Monaten 1050 Jahre hochleben. Fürs erste klingt der Chor wie immer, es sind unverwechselbar die Domspatzen mit ihrer einzigartigen Homogenität und der leichten Dominanz der kopfig-silbrigen Sopranstimmen. Und das Programm ähnelt denen von früher – altklassische Vokalpolyphonie, viel Romantik, eher wenig Moderne und die gemäßigt.
Doch bei genauem Hinhören werden durchaus Nuancen erkennbar, die anders sind. Der Vergleich ist vor allem deshalb reizvoll, weil Heiß bei seinem Vorvorgänger Ratzinger sozusagen in die Lehre gegangen war und dessen sehr auf Geschmeidigkeit ausgelegten Klang schon als junger Domspatz regelrecht aufgesogen hatte. Ratzinger war ein Meister des Piano-Klanges. Kaum drehten die Buben einmal auf, zügelte er sie schon. Ich könnte Dutzende von ihm unnachahmlich interpretierte Stellen vor allem in romantischen Werken aufzählen, deren Pianissimo zum Weinen schön war. Nehmen wir nur den Anfang des Sanctus in Rheinbergers achtstimmigem „Cantus Missae“ oder den Schluss des Weihnachtsliedes „Heilige Nacht“ von Friedrich Reichardt. Heiß hingegen lässt den Chor gerne in einem gesunden Forte singen, das klingt stets kernig, ja fast burschikos, jedenfalls überhaupt nicht ängstlich – anders halt.
Unterschiedlich ist auch der Dirigierstil der beiden Chorleiter. Ratzinger goss den Klang fast ausschließlich mit den Händen, ein Kenner sprach von den „singenden Händen“ des Domkapellmeisters. Heiß hingegen dirigiert körperlicher, seine langen Beine wachsen kerzengerade aus dem Boden, nur der Oberkörper ist bei durchgestrecktem Kreuz in Bewegung, die Arme schwingen locker aus. Natürlich kommt ihm seine große Statur zugute. Und er spricht lautlos alle Texte mit, der Chor hängt förmlich an seinen Lippen.

Wie ein Patron setzte sich Domkapellmeister Christian Heiß nach dem Konzert der Domspatzen am Seeufer in die Gruppe der nach getaner Arbeit gutgelaunten jungen Männerstimmen. Foto: Regensburger Domspatzen
Noch ein Unterschied, der gar nicht hoch genug einzuschätzen ist: Die Domspatzen sind weiblicher geworden. Zu meiner Zeit lag die gesamte chorische Arbeit ausschließlich in Händen von Männern, auch im Internat hatten nur Männer das Sagen, nur am Gymnasium gab es einige weibliche Lehrkräfte. Seit 2022 machen die Domspatzen hingegen mit einem inzwischen ausgezeichneten Mädchenchor von sich reden, der mit Elena Szuczies auch von einer Frau geleitet wird. Ebenfalls eine Frau leitet das Gymnasium. Beim Konzert in Tegernsee drückte mir Christina Ostrower lächelnd die Hand, sie managt die vier Chöre der Domspatzen. Und mit der aus Waakirchen stammenden Cosima Storm wird gerade eine frischgebackene Abiturientin und Ex-Mitglied des Mädchenchores zur Präfektin ausgebildet, die sich am Rande des Tegernseer Konzertes bereits rührend um einen Singknaben kümmerte, der unpässlich war – früher unvorstellbar.
So wurde das Wiedersehen mit den Domspatzen der Gegenwart zu einem feierlichen kirchenmusikalischen Hochamt, das mich tief beeindruckt hat und mit der Gewissheit zurücklässt, dass die Zukunft dieses weltberühmten Knabenchores gesichert und bei Heiß in den allerbesten Händen ist. Beglückend ist aber zugleich zu erleben, wir gut es den Domspatzen tut, dass sie endlich weiblicher geworden sind.