Zum Palmsonntag 2021

Palmsonntag

„Das neue Evangelium“ mit Hauptdarsteller Yvan Sagnet. Foto: Armin Smailovic

Gedanken zum Palmsonntag

Dicht an dicht drängen sich die Menschen. Schwitzende Leiber schieben und schubsen. Es ist ein Empfang wie ein Rockkonzert: Jesu Einzug in Jerusalem. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Mit Palmwedeln bilden sie ein Spalier; mit ihren Mänteln und Decken rollen sie ihm „den roten Teppich“ aus.

Palmsonntag nennen wir den Gedenktag zu diesem Ereignis. Mit ihm beginnt in der christlichen Tradition die Karwoche. „Kara“ kommt von Trauer, Schmerz und Wehklagen. An diesem Tag deutet noch nichts darauf hin; aber binnen einer Woche werden alle zu diesem Mann auf Distanz gehen – noch „ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“ (Mt 26, 34) und auf ihre Hygiene achten: „Ich wasche meine Hände in Unschuld“ (Psalm 26, 6 und vgl. Mt 27, 24).

Lesetipp: „Das neue Evangelium“: Revolte für die Würde

Natürlich ist es theologisch kaum zulässig, die Situation Jesu mit der Pandemie und den AHA-Regeln zu vergleichen. Aber ich denke, dass wir in der Vorbereitung auf das diesjährige Osterfest sowohl die Sehnsucht nach ungefilterter Nähe und freudig-unbeschwerter Berührung , als auch die schmerzliche Erfahrung von räumlicher und sozialer Distanz auf ganz neue Weise machen.

Im vergangenen Jahr haben viele Menschen die „gewonnene Zeit“ für allerlei Belanglosigkeiten genutzt: Es wurde aufgeräumt, aussortiert und renoviert. Viele haben sich ein kleines oder großes Fitnessprogramm verordnet.

Nichts hat sich geändert

Die Dritte Welle der Pandemie zeigt auf, dass wir uns der Lösung unserer existentiellen Fragen nicht einen Millimeter genähert haben. Ein Blick in die Bibel erinnert uns daran, dass sich in dieser Hinsicht auch historisch nichts geändert hat: Das verblendete Volk fordert die Freilassung des Verbrechers und schlägt den ans Kreuz, der ohne Schuld ist… (Mt 27, 16ff).

Yvan Sagnet als Jesu
Yvan Sagnet als Jesus in „Das neue Evangelium“. Foto: Armin Smailovic

Die Kirchen sind nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung. Vielfach haben sie religiöse Gebote, die ursprünglich eine medizinische Hilfestellung sein wollten, zu moralischen Fragen stilisiert. Und an anderer Stelle haben sie Fragestellungen zu Nähe und Distanz ganz aus dem Blick verloren – und damit moralischen Verwerflichkeiten Tür und Tor geöffnet.

Räumliche Distanz ist Gebot der Vernunft

Palmsonntag ist ein guter Tag, um in dieser Hinsicht dazu zu lernen: Räumliche Distanz ist in erster Linie eine medizinische Fragestellung und ein Gebot der Vernunft und keine wirkliche Einschränkung von Freiheitsrechten.

Soziale Distanz hingegen betrifft die Freiheitsrechte in vielen Fällen erheblich. Sowohl im Hinblick auf die Unterschreitung einer angemessenen Distanz, als auch in der Ab- und Ausgrenzung von anderen in abschätziger und diskriminierender Weise.

Gedanken machen zum Palmsonntag

Palmsonntag und die Karwoche können Anlass sein, sich über diese Fragen Gedanken zu machen. Medizinische und religiöse.

Mein persönlicher Glaube bleibt davon praktisch unberührt; denn ob wir die Gottesdienste in der Heiligen Woche nun distanziert oder präsentisch feiern – Jesus Christus spricht: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäi am Letzten: Mt 28,20).

Melanie und Matthias Striebeck
Melanie und Matthias Striebeck zu ihrer Abschiedsfeier in Neuhaus 2019. Foto: MZ

Unser Autor Matthias Striebeck ist Pfarrer in Arlesried und Frickenhausen. Er und seine Frau Melanie waren über Jahre evangelische Pfarrer in Neuhaus.

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