Tannöd

Vom vermeintlichen Idyll zum menschlichen Abgrund

Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun mit dem Art Ensemble of Passau in „Tannöd“. Foto: TM

Theater in Holzkirchen

Das bekannte Schauspieler-Ehepaar Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun (Wer früher stirbt ist länger tot) gastierte am 18. April mit einer Dramatisierung von Andrea Maria Schenkels Erfolgsroman „Tannöd“. Ein beklemmendes Kammerspiel, das das Publikum im ausverkauften FoolsTheater atemlos zurücklässt.

Schenkels preisgekrönter Roman basiert seinerseits auf dem historischen Sechsfachmord von Hinterkaifeck aus dem Jahr 1922. Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun schälen anhand des Romans wie eine Zwiebel Schicht um Schicht des schönen Scheins und bringen schonungslos unter Tränen die nackte Wahrheit ans Licht. Was als heitere ländliche Skizze mit Viehfütterung und Rohrnudeln beginnt, endet in einer grausam bigotten Welt voller Aberglauben, Inzest und blanker Gewalt.

Ein Mosaik von Stimmen

Die Inszenierung greift die besondere Erzählweise der Romanvorlage von Andrea Maria Schenkel meisterhaft auf. Anstatt einer chronologischen Handlung wird dem Publikum ein Mosaik aus Zeugenaussagen präsentiert. Die Menschen aus der Nachbarschaft – vom Mechaniker über den Postboten bis hin zur Pfarrersköchin – schildern aus ihren subjektiven Perspektiven die Geschehnisse auf dem Einödhof. Es ist diese dokumentarische Kälte eines Polizeiprotokolls, die das Grauen so greifbar macht.

Minimalistische Präzision

Das Schauspielpaar Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef „Dscharli“ Braun wählt für diese Schilderung den Weg der maximalen Reduktion. Mit ernsthaften Mienen, ohne begrüßendem Lächeln, starr ins Publikum blickend, betreten sie die Bühne. Sie setzen sich an ihren Tisch im Zentrum der Bühne und zwingen durch ihren demonstrativen Ernst dem Auditorium eine beklemmende Stille auf. Die Akteure verlassen ihre Plätze nie. Die einzige wiederkehrende Bewegung ist das gleichzeitige Umblättern der Partituren, aus denen sie lesen, das Auf- und Absetzen des Hutes von Heinz-Josef Braun, der aber, wenn Johanna Bittenbinder vorträgt, reglos zu einer Sphinx erstarrt. Die Inszenierung ist auf die Essenz eingedampft.

Während Johanna Bittenbinder die Textpassagen in gepflegtem Stil rezitiert und in ihren Pausen ihre großen, forschenden Augen durch das Publikum wandern lässt, mimisch die von ihrem Mann vorgetragenen Texte kommentiert, sogar einmal leicht zur Musik mitschunkelt, erweist sich Heinz-Josef Braun als stimmlicher Modulationskünstler. Treffsicher charakterisiert er stimmlich einen derb-lauten Bauern, den heiseren Nachbarn Sterzer und dann leise-geheimnisvoll auch den Einbrecher „Mich“: Der hat sich heimlich einen ganzen Tag im Stadl einquartiert und wird so unfreiwillig zum Zeugen der Tatnacht. Am Ende, bei der letzten Schilderung der schrecklichen Morde durch die Augen des Mörders, bricht Johanna Bittenbinder schließlich in Tränen aus, ein ergreifender Augenblick, der die Grausamkeit der Tat tiefe Emotionalität verleiht.

Musik als expressionistische Verstärkung

Tannöd
Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun mit Florian Burgmayr. Foto: TM

Ein kongeniales Element des Abends ist die – im Programm als „vogelwild“ charakterisierte – musikalische Begleitung. Trotz eigentlich „klassischer“ bayrischer Besetzung mit mit Akkordeon, Tenorhorn, (Florian Burgmayr), Tuba, Posaune (Leo Gmelch), Trompete (Peter Tuscher) und Schlagwerk (Yogo Pausch) biedert sich das „Art Ensemble of Passau“ nicht an banale Volksmusik an, sondern kreiert eine groteske Klangwelt. Marschmusik, Jahrmarks-Tingeltangel, Jazz, Tango, Kirchenchoral werden aneinander gereiht und mit Dissinanzen entfremdet, die Posaune imitiert schließlich gar ein australisches Didgeridoo: Die dörflich-bayrische Ordnung ist total aus den Fugen geraten, die Musik zeichnet dies schaurig-vital als Klanggemälde nach. Eine Musik irgendwo zwischen Kurt Weill und Schostakowitsch, extra für dieses Theaterstück von Florian Burgmayr komponiert.


Yogo Pausch. Foto: TM

Auch Yogo Pausch beeindruckt an den Perkussionsinstrumenten. Wenn er mit speichel-feuchten Fingern quietschend über einen großen Gong reibt und damit quietschend die schaurige Atmosphäre des Inzests akustisch untermalt, entsteht ein Gänsehaut-Moment, der weit über das übliche Theatererlebnis hinausgeht.

Wer das gemacht hat, kann doch kein Mensch sein

Am Ende steht das Publikum vor der erschütternden Frage nach der menschlichen Natur. Der Täter von Tannöd agiert nicht im Affekt oder Blutrausch. Er geht nach eigener Aussage in wundersamer, geistiger Klarheit zu Werke, als er sie alle mit der Spitzhacke ermordet. Zunächst in Affekt, als Rache für verschmähte Liebe, dann rational ganz nach Plan. Leiche für Leiche. Was macht einen „eigentlich“ ganz normalen Menschen zu so einem Un-Menschen? Könnte das jeder/jedem von uns auch passieren? Hat vielleicht Aleksandr Solzhenitsyn sogar recht, wenn er behauptet: „Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft durch das Herz eines jeden Menschen.“


Applaus für die Mitwirkenden. Foto: TM

Trotz des geschilderten Schreckens und der offenen Fragen gab es am Ende langanhaltenden, verdienten Beifall. Ein aufwühlender Abend, der durch die Inszenierung und Darstellung nachhaltig beeindruckt und mitnimmt.

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