Ein Boykott der Aufmerksamkeitsökonomie

Nichts tun. Foto: MZ

Buchempfehlung von KulturVision

„Nichts tun“ ist der provokante Titel eines Buches von Jenny Odell, die aber keineswegs zum Faulenzen auffordert, sondern ganz im Gegenteil ein fundiertes Plädoyer für das richtige Tun führt. Dazu aber gehört die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen.

Jenny Odell ist Künstlerin, Schriftstellerin und Dozentin an der Stanford University. Dies alles hat nichts mit „Nichts tun“ zu tun. Die Autorin des empfehlenswerten Buches aber vertrödelt ihre Zeit nicht damit, ständig in Social Media Kanälen unterwegs zu sein. Ihr Anliegen ist es, sich der, wie sie es nennt „kapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie“ zu verweigern. Diese nämlich halte uns davon ab, unsere Sinne zu schärfen und unser notwendiges gesellschaftliches Engagement zu fördern. Und dessen bedürfe es in der heutigen Zeit. „Die Welt braucht meine Teilnahme mehr denn je“, schreibt sie, und es sei keine Frage des Ob sondern des Wie.

Rückzug für Wahrnehmung

Nichts tun ist damit für sie der Wegbereiter dafür, etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun. Rückzug, insbesondere in die Natur, sei notwendig für unsere Wahrnehmung. Innehalten werde oft durch Schicksalsschläge erzwungen, geschehe zuweilen aber auch freiwillig, und dieses Innehalten rufe einen umfassenden Wandel hervor.

Das Gegenteil aber finde gerade statt, nämlich die ständige Suche nach Performance, nach Likes, nach Followern. Dieses Effizienzdenken, diese Selbstoptimierung, auch in der Freizeit, lasse unsere Wahrnehmung aber auch unsere zwischenmenschliche echte Begegnung verkümmern.

Jenny Odell ruft dazu auf, wieder aktives Zuhören zu lernen und spricht sich dafür aus, Zeit und Räume nicht für instrumentelle Aktivitäten, sondern für Zuwendung und Geselligkeit zu nutzen.

Lesetipp: Die Wirksamkeit von Kunst

Für ihre Argumentation geht die Autorin zweierlei Wege. Zum einen zieht sie Philosophen, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler aller Epochen zur Begründung heran. So die Lehre des Epikur, der das Abseitsstehen in seinem Garten für die Betrachtung der Welt empfahl. Für die Verweigerung steht Diogenes wie kein zweiter mit seiner bedürfnislosen, mit Ironie gepaarten Lebenshaltung im Fass.

Aufmerksamkeitsökonomie
Beobachtung von Vögeln wider der Aufmerksamkeitsökonomie. Foto: MZ

In der Neuzeit ist es insbesondere Henry David Thoreau, der mit seinem Kultbuch „Walden“ Menschen animierte, sich in die Natur zurückzuziehen. Dies ist der zweite Weg, den die Autorin in ihrem Buch immer wieder einschlägt. Sie berichtet von ihren eigenen Rückzugserfahrungen. Das betrifft vor allem die konzentrierte Beobachtung von Vögeln aber auch ihre Aufmerksamkeit für andere Phänomene.

So ihre geschärfte Aufmerksamkeit für Geräusche, nachdem sie eine Live-Aufführung des Stückes „4‘33‘‘“ von John Cage erlebte. Bekanntermaßen spielt der Pianist keinen einzigen Ton, es geht nur um Umgebungsgeräusche. Danach erlebt die Autorin die Geräuschwelt in einem völlig neuen Sinn.

Ich-Es-und Ich-Du-Beziehung

Es geht der Autorin aber auch um die Begegnung. Dazu zitiert sie den Religionsphilosophen Martin Buber, der zwischen der Ich-Es- und der Ich-Du-Begegnung unterscheidet, wobei das Es nur ein Mittel zum Zweck ist, das Du aber in seiner ganzen Fülle ohne Absicht oder Interpretation steht.

Aufmerksamkeit ist für Jenny Odell der Schlüssel, ein Zustand von Offenheit, fern von Vorurteilen. Sie warnt eindringlich davor, unsere Aufmerksamkeit einer Aufmerksamkeitsökonomie zu opfern, die uns mit gewitztem Design daherkommt und uns davon abhält, ein Leben zu leben, wie wir es eigentlich leben wollen.

Nachbarschaftliche Netzwerke

Unser Überleben, so schreibt sie, ist an das Überleben der Ökosysteme gebunden und dazu bedarf es der Aufmerksamkeit, die wiederum Ehrfurcht vor dem Leben voraussetzt. Sie schlägt als Anziehungspunkt für die Aufmerksamkeit die Bioregion vor, in der nachbarschaftliche Netzwerke gegründet werden.

Solchen modernen Techniken wie persuasives Design oder Rendern sollten wir kritisch gegenüberstehen und Vorsicht walten lassen. Stattdessen empfiehlt die Autorin, sich einmal raus aus der Filterblase zu begeben und sich mit den Nachbarn zu treffen und die Vielfalt des Lebens zu entdecken.

Kaffeeküchenklatsch

Der Aufmerksamkeit entgegen steht die derzeitige Kommunikation via Internet mit banalen, oft unreflektierten Inhalten, die einer echten Gemeinsamkeit entbehren. Jenny Odell schreibt, dass Facebook und Twitter nichts anderes seien als der digitale Kaffeeküchenklatsch aller Arbeitsplätze auf der Welt. Sich davon zu lösen, das ist das Ziel der Autorin.

Stattdessen sollten wir uns wieder Empathie, Verantwortung und politischer Erneuerung zuwenden. Als Symbol für ihren Vorschlag der „manifesten Rückinstandsetzung“ benutzt die Autorin Paul Klees Angelus Novus in der berühmten Interpretation von Walter Benjamin.

Denken und Dialog in echten Räumen

Sie wünscht sich, dass wir uns an die Vergangenheit erinnern, im Sinne von wieder zusammensetzen. Und sie wünscht sich eine Verflechtung des Fortschritts, also einer Technologiepolitik mit der Politik des öffentlichen Raums und der Umwelt.

Die Autorin beschließt das Buch nicht mit der Empfehlung wie zu leben sei, aber sie plädiert für Denken und Dialog in rechter Zeit und in echten Räumen. Sie rät dazu, die Aufmerksamkeitsökonomie zu boykottieren und die Zeit stattdessen mit wichtigen gesellschaftlichem Engagement zu verbringen, insbesondere aktiv auf das Wiederherstellen von Lebensräumen Einfluss zu nehmen.

Jenny Odell „Nichts tun – Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen, C.H. Beck 2021

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