Achensee trifft Tegernsee

Achensee trifft Tegernsee

Realistisch-detailgetreue Malerei von Lucia Kordecki (Tegernsee) und textilbespanntes Wandbild von Michael Schrattenthaler (Achensee). Foto: IW

Ausstellung am Achensee

Tirolerische-bayerische Kunstbegegnungen im Alten Widum in Achenkirch – die gmundart ist aus dem Jagerhaus an den Achensee gezogen und fusioniert dort mit den Tiroler Kunstschaffenden. Das hat Tradition.

Seit 50 Jahren gibt es bereits die Grenzpartnerschaft zwischen Kreuth und Achenkirch, so Reinhard Obermeir in seiner Eröffnungsrede zur Vernissage am Samstagabend. Der promovierte Kunsthistoriker und Obmann vom Kulturverein Achensee Altes Widum Achenkirch ist zugleich der Sohn des damaligen Bürgermeisters und Mit-Initiators. Er hebt die „partnerschaftliche Atmosphäre und Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg – noch vor dem Beitritt Österreichs zur EU“ – hervor.

Obmann Reinhard Obermeir eröffnet die Ausstellung im Gerhard-Bosak-Saal
Obmann Reinhard Obermeir eröffnet die Ausstellung im Gerhard-Bosak-Saal. Foto: IW

Fast auf den Tag genau gäbe es seit 20 Jahren auch die Gemeindepartnerschaft mit Brenzone – und viele der anwesenden gmundart- und Tiroler Künstler waren bereits zweimal bei der „Tre Laghi“-Ausstellungsreihe dabei. Der künstlerische Austausch speise sich aus den gemeinsamen Werten: gelebten Traditionen, Liebe zur Natur, Verbundenheit mit der Kunst und Kultur – und zwar unabhängig von Grenzen.

Von Raum zu Raum entfaltet sich die Ausstellung Achensee trifft Tegernsee
Von Raum zu Raum entfaltet sich die Ausstellung… Foto: IW

„Von dieser gelebten Nachbarschaft und dem künstlerischen Austausch zeugt nun wieder die Ausstellung Achensee trifft Tegernsee“, die sich noch bis zum 7. Juni im Alten Widum in ihrer Vielfalt und künstlerischen Qualität über die zahlreichen Räume des Alten Widums erstreckt. Auch der Bürgermeister von Achenkirch Karl Moser zollte den grenzüberschreitenden künstlerischen Beziehungen seine Anerkennung. Und Hans Schneider betonte als Sprecher der gmundart-Künstler, wie erleichternd es sei, den Nachwuchs im Boot zu wissen – in Gmund ist mittlerweile die Organisation an die „Jungen“ übergegangen: Irene Weidinger, Pia von Miller und Ekaterina Zachaova.

Farbe als roter Faden: Orange dominiert bei diesen Werken von Andre Lelov (Malerei), Ursula Maren Fitz (Kristallglas) und Pia von Miller (Installation) v.l.
Einen roten Faden finden: Orange dominiert bei diesen Werken von Andre Lelov (Malerei), Ursula Maren Fitz (Kristallglas) und Pia von Miller (Installation) v.l.. Foto: IW

„22 Jahre gmundart und 32 Jahre Kulturverein Achenkirch – beide haben das kulturelle Leben in der Region geprägt“, so Reinhard Obermeir. „Es ist immer wieder eine Freude und ein Abenteuer, die unterschiedlichen künstlerischen Positionen zu vereinen, einen roten Faden zu finden, Gemeinsamkeiten und Gegensätze zu entdecken und in den Räumen sichtbar zu machen.“ Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler waren aus Bayern und der Achensee-Region zur Eröffnung gekommen, sodass sich in den Ausstellungsräumen und im Gerhard-Bosak-Saal ein reger Austausch entwickelte.

Kerstin Brandes von der gmundart im Gespräch mit Imad Bechara vom Achensee
Kerstin Brandes von der gmundart im Gespräch mit Imad Bechara vom Achensee. Foto: IW

Raum für Raum öffnen sich für die Besucher spannende Gegenüberstellungen. So bildet beispielsweise die Porträtserie der gmundart-Künstlerin Kerstin Brandes am Ende des langen Flures eine Sichtachse zu den Porträts von Imad Bechara im angrenzenden Raum linkerhand.

Porträts von Kerstin Brandes (li.) und Imad Bechara
Porträts von Kerstin Brandes (li.) und Imad Bechara. Foto: IW

Ihre Serie „M.G M.A. N.L.“ lässt vage erahnen und gibt doch nicht preis, welche Persönlichkeiten sich hinter den Porträtierten verbergen, während Imad Becharas „Echoes of the Self Series II“ sich während des Entstehungsprozesses aus dem verwendeten Altholz herausgebildet haben – und zulassen, dass sich jeder selbst in ihnen entdeckt.
Das „Kleine Haus“ von Wolfram Maria Felder vor „Splitter 2,3“ von Michael Schrattenthaler
Das „Kleine Haus“, dahinter „Splitter 2,3“. Foto: IW

Im Raum gegenüber korrespondiert das „Kleine Haus“ des gmundart-Bildhauers Wolfram Maria Felder aus schwarzem hessischem Olivin Diabas mit der Serie „Splitter 2,3“ von Michael Schrattenthaler, die die während der Lockdown-Zeit klein gewordene Welt als Blick aus dem Fenster des Hauses widerspiegelt. Der gebürtige Achenkircher hat sich unter anderem international einen Namen gemacht mit seinen Bildern und Rauminstallationen aus stoffbespannten Keilrahmen. Letztere bilden auch einen aufregenden Gegensatz zu der klaren, realistischen Malerei Lucia Kordeckis. Gemeinsam mit Wolfram Maria Felder stellt auch sein Sohn Linus aus – ist sein überdimensionierter marmorner „Mittelfinger“ Zeichen von Protest oder Ironie? … das darf jeder selbst interpretieren.

Agreiter, Göbel, Andres, Schneider
Im Vordergrund die Bronzeskulpturen von Richard Agreiter. Foto: IW

Grafisch geht es im Raum gleich eingangs rechts zu. Die Typografie verbindet die Arbeiten der Grafikkünstler Uwe Göbel, Hans Schneider und Pia von Miller mit der Keramik-Skulptur „Twist my words“ von Helene Andres und den Fotografien von Sopi von Sopronyi. Die Bronzeskulpturen Richard Agreiters scheinen die Werke aufmerksam zu betrachten, um die Bedeutung der Buchstaben, Worte und Zeichen zu entziffern.

Hl. Engelbert Kolland von Markus Thurner
Engelbert Kolland (li., Bronzeskulptur) wurde im letzten Jahr heiliggesprochen. Foto: IW

Mit zwei Bronzeskulpturen ist auch Markus Thurner vertreten. Sein Heiliger Engelbert Kolland tritt in wenigen Wochen die Reise nach Sambia an. Im Alten Widum bildet die Bronzeskulptur eine spannende Reihung mit der oxidierten Oberflächenanmutung von Kurt Gmeineders Malerei und der Installation „W.W.W.“ von Priska Büttel aus Holz, Wolle und Kupferdraht. Eine weitere Tiroler Heilige ist auf der anderen Seite des Raumes vertreten – mit der Hl. Notburga beschäftigten sich Bildhauer Richard Agreiter in Bronze und Andre Lelov in abstrakter Malerei.

Achensee trifft Tegernsee: Fotograf Alexander Oltenau (re.) im Gespräch mit Bildhauer Wolfram Maria Felder
Achensee trifft Tegernsee: Fotograf Alexander Oltenau (re.) im Gespräch mit Bildhauer Wolfram Maria Felder. Foto: IW

Gegensätzlicher könnten die Fotografien von Norbert Herbert und Alexander Oltenau nicht sein: Während der Gmunder sich seit einigen Jahren der experimentellen Digitalfotografie verschrieben hat, zeigt der Achenseekünstler malerisch anmutende Fotografien aus den 80er Jahren mit der Serie „Cantus“. Beide stellen die Sehgewohnheiten der Betrachtenden auf die Probe.

Links Digitalfotografie von Norbert Herbert, rechts erzählen Alexander Oltenaus Fotos Geschichten
Links Digitalfotografie von Norbert Herbert, rechts erzählen Alexander Oltenaus Fotos Geschichten. Foto: IW

Mit Werken aus Glas sind Ursula Maren Fitz und Franz Unterberger vertreten. Während die Waakirchnerin leuchtend farbiges Kristallglas im Schmelzprozess formt, arbeitet der Achenkircher Glaskünstler bevorzugt in der Fusion-Technik. Seine Serie aus sechs femininen Motiven entstand auf Basis von Bleistiftzeichnungen, die er poetisch in Buntglasschichtungen mit Kupfer umsetzte.

Franz Unterberger
Glaskunst von Franz Unterberger. Foto: IW

Mit der Kreutherin Heidi Barnsdorf ludt der Achenkircher Verein noch eine Künstlerin ein, die jenseits der Grenze für die 50-jährige Partnerschaft zwischen den Gemeinden beiderseits des Achenpasses steht. „Into the Blue“ heißt eines ihrer drei Wasserbilder, das innerhalb dieser Ausstellung noch einmal daran erinnert, dass es allesamt Seenkünstler sind, die eine gewisse Sehnsucht nach Wasser und Gestein verbindet.

Rund 35 Künstlerinnen und Künstler zeigen in dieser Gemeinschaftsausstellung Werke aus den Bereichen Malerei, Fotografie, Installation, Bildhauerei, Glas, Keramik und Fotokunst. Und, so die Hoffnung von Obmann Reinhard Obermeir, es wäre doch schön, wenn im nächsten Jahr wieder eine Ausstellung der „Tre laghi“ und damit Künstler dreier Länder zustande käme, die Station macht in Gmund, Achenkirch und Brenzone.

Weiterlesen: Achensee trifft Tegernsee 2024

„Achensee trifft Tegernsee“ ist noch bis zum 07. Juni 2026 im Alten Widum in Achenkirch am Achensee zu sehen. Geöffnet ist sie jeweils freitags und samstags von 16.00 bis 19.00 Uhr.

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