Frauen und die Mafia

Mafia

Mathilde Schwabeneder in der Jan-Pallach-Halle. Foto: MZ

Thementag in Fratres

Einem außergewöhnlichen, aber spannenden Thema widmete sich der erste Thementag der Kulturbrücke Fratres. Mit Mathilde Schwabeneder war eine profunde Kennerin der Szene zu Gast und bewies, dass die Mafia keineswegs nur ein sizilianisches, sondern ein globales Problem ist.

Als Tagesverantwortlicher stellte Rainer Schöfl die ORF-Korrespondentin in Rom als „Stimme des Papstes“, die 2018 mit dem Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet wurde, vor. Aus ihrer Tätigkeit in Italien stammen zwei Bücher, in denen sie sich mit mafiösen Strukturen auseinandersetzt. Dabei befasst sie sich mit Frauen, die im System tätig sind und solchen, die gegen die Mafia arbeiten.

Das Thema sei höchst aktuell, begann Mathilde Schwabeneder ihren packenden Vortrag, denn es betreffe auch Europa und die ganze Welt, die Clans seinen überall mit brutaler Gewalt tätig. Aus ihrem Buch „Die Stunde der Patinnen“ stellte sie drei Frauen vor. Die eine aus Sizilien übernahm die Macht des Clans, als ihr Bruder ins Gefängnis ging. Als Finanzexpertin konnte sie sagen „Ich bin der Boss“.

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Hausherr Peter Coreth, Musiker Günther Straub, Autorin Mathilde Schwabeneder und Tagesverantwortlicher Rainer Schöfl (v.l.). Foto: Hannes Reisinger

Eine zweite agiert als Schlossherrin in Neapel, wo sie Drogenhandel, Glücksspiel und Schutzgelderpressungen organisiert. Eine dritte habe sie im Untergrund kennengelernt. Das ehemalige Clanmitglied entschied sich dafür, mit der Polizei zu kollaborieren. Im Rahmen eines Zeugenschutzprogrammes lebt sie seit Jahren in Angst, entdeckt zu werden.

Mathilde Schwabeneder malte ein grausiges Bild von den mafiösen Strukturen, in denen klare Todesurteile auch innerhalb der Familie gefällt werden, in denen Menschen erpresst, umgebracht werden, aber auch Kulturstätten zerstört werden.

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Die Stunde der Patinnen. Foto: Hannes Reisinger

Ob sie nicht Angst habe, wenn sie über die Mafia schreibe, wurde sie gefragt. Sicher sei es nicht ungefährlich, aber sie halte Grenzen ein, arbeite mit seriösen Quellen und der Justiz zusammen. Allerdings dürften ihre Bücher nicht ins Italienische übersetzt werden, räumte die Autorin ein.

Die Mafia gehe zurück auf die Fremdherrschaft in Italien, das uneinig von Arabern, Sarazenern oder Spaniern beherrscht wurde und wo sich das Volk dagegen wehrte. Allerdings sei der Einfluss der Mafia nach der Einigung des Landes noch virulenter geworden und gehe heute hinein in Wirtschaft, Politik, Finanzwesen und sogar in den Vatikan.

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Hausherr Peter Coreth läutet zum 2. Teil ein. Foto: Hannes Reisinger

Im zweiten Teil ihres Vortrages stellte Mathilde Schwabeneder aus ihrem Buch „Sie packen aus – Frauen im Kampf gegen die Mafia“ wiederum drei Frauen vor. Eine Kronzeugin, die seit 27 Jahren mit neuer Identität lebt, nachdem ihr Mann erschossen wurde. „Kronzeugin zu sein, heißt das Ende des Lebens“, brachte die Autorin die Problematik auf den Punkt.

Eine Fotografin gelang ein Foto, als der Regionalpräsident Siziliens erschossen wurde. „Die Fotografie wird zum Gedächtnis“, erklärte die Autorin. Nach Deutschland führte die dritte Geschichte. Eine Politikerin gründete nach einem Attentat in Duisburg, wo sechs Menschen erschossen wurden, die Antimafia-Bewegung „Mafia – nein danke“.

Mafia ist wie Wasser

Ziel ist es, die Menschen zu überzeugen, keine Schutzgelder zu zahlen, keine Mafiosi einzustellen und keine Waren der Organisation zu kaufen. Wie schwer der Kampf ist, kam in dem Satz zum Ausdruck: „Die Mafia ist wie Wasser, sie dringt überall hin.“

Warum Frauen sich in den Dienst der Mafia stellen, begründete Mathilde Schwabeneder so: „Mafia ist wie eine Religion, ein ideologischer Überbau und sie ist Familie, bedeutet Blutsbande.“ Zudem seien Wohlstand und Macht verführerisch. „Aussteigen ist ein Akt des Mutes“.

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Der Musiker und Handchirurg Günther Straub. Foto: Hannes Reisinger

Im Kontrast zu dem schweren Thema brachte Günther Straub mit seiner Musik Lebensfreude und Leichtigkeit in die Veranstaltung. Der Linzer Pianist und Handchirurg begeisterte das Publikum mit Blues und Swing, virtuos am Piano vorgetragen.


Hannes Daller: Grafische Strukturen. Foto: MZ

Wie immer bei den Thementagen unseres Kulturpartners, der Kulturbrücke Fratres, gab es zur Eröffnung eine Ausstellung. Der Wiener Künstler Hans Daller studierte bei Max Weiler und beherzigte dessen Spruch „Die Studenten sollen nicht zu mir kommen, sondern zu sich selbst finden.“ Seine Werke sind abstrakt, ohne Titel und von eigenständiger Kraft.

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Hannes Daller: Materialkombination Foto: MZ

Er kombiniert seine Malerei häufig mit Stoff und Papierfetzen, sowie Stricken und Holzstücken. Grafische Elemente und zurückhaltende Farbgebung zeichnen die Arbeiten, die entweder sehr hell oder dunkel gehalten sind, aus. In einem Bild entdecke ich sogar einen Putzlumpen, der zu einer Hand geformt ist. In einem anderen Bild ist ein nur durch wenige Striche angedeuteter Kopf ahnbar.

Rainer Schöttl nahm die Gelegenheit des ersten Thementages 2021 in der Kulturbrücke wahr, um Gründer Peter Coreth zu würdigen. Dieser hatte kürzlich für sein Lebenswerk den Kulturpreis in der Erwachsenenbildung des Landes Niederösterreichs erhalten.

Jan Pallach Halle

Im vergangenen Jahr hatte Peter Coreth, um die Thementage trotz Corona abhalten zu können, seine große Scheune im Gutshof Fratres zu einer Veranstaltungshalle umgebaut. Jetzt erhielt sie einen Namen: Jan Pallach Halle, im Gedenken an den Studenten, der sich 1968 in Prag beim Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes verbrannte.

Der nächste Thementag in Fratres unter dem Titel „Neue Musik nach 1945 – Karl Schiske & Die Avantgarde“ findet am 24. Juli ab 15 Uhr statt.

KulturVision wird 2022 wieder einen Thementag in der Kulturbrücke Fratres veranstalten. Hier lesen Sie den Bericht zum Thementag „Compassion“ 2020:
Mit Trommelwirbel Mitgefühl trainieren

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