Erinnerungsort Badehaus erzählt Geschichte

Erinnerungsort Badehaus

Ehrenamtliche Mitarbeiterin Hannelore Greiner erläutert die Geschichte Föhrenwalds anhand der unterschiedlichen Straßennamen in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Foto: Hannah Miska

Besichtigungstipp von Kulturvision

Gemeinschaftshaus mit Männerbad während der NS-Zeit, jüdisches Ritualbad im DP Camp, später Ausbildungsstätte für angehende Priester und heute ein Museum: der „Erinnerungsort Badehaus“ in Föhrenwald-Waldram.

Der handgeschriebene Brief fällt sofort ins Auge und bei näherer Betrachtung findet man heraus, dass er im September 2001 von einer Anna Kubat an den Bürgermeister von Wolfratshausen geschrieben wurde. Sie teilt ihm mit, dass sie im Jahr 1942 aus der Ukraine verschleppt wurde, um in den Munitionsfabriken in Wolfratshausen Sprengkörper anzufertigen. Wer ihr das denn bitte bestätigen könne, damit sie eventuell eine Entschädigung bekomme? Der Brief ist ein Jahr nach Zustandekommen des Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter im Jahr 2000 geschrieben worden, mehr als 55 Jahre nach Kriegsende.

Zwangsarbeit im Wolfratshausener Forst

Der Ort, in dem Anna Kubat während des Krieges Zwangsarbeit leisten musste, hieß Föhrenwald. Föhrenwald, heute Waldram, ist ein beschaulicher Stadtteil Wolfratshausens mit kleinen Einfamilien- und Reihenhäusern. Nie käme man auf die Idee, dass hier – im Wolfratshausener Forst – einst eine Sprengstoff- und Munitionsfabrik stand, die zu den größten im Deutschen Reich gehörte. Neben riesigen Werksanlagen mit eigenen Kohlekraft- und Wasserkraftwerken – schön versteckt im Wald – gab es hier Wohnsiedlungen für die deutschen Fachkräfte und Dienstverpflichteten sowie Baracken für Arbeiter aus Polen, Russland, Frankreich, Belgien und Holland: Zwangsarbeiter.

Fundstücke im Badehaus
Relikte aus der Zeit der Rüstungsbetriebe im Wolfratshausener Forst: Arbeitsschuhe, Wurfgranate und Dose mit Patronen. Foto: Hannah Miska

Hafen für Heimatlose

Zwei Tage bevor amerikanische Truppen Ende April 1945 das Werksgelände im Wolfratshausener Forst besetzten und dem Wahnsinn der Nazis ein Ende bereiteten, hatten Tausende aus Dachau in Richtung Süden getriebene KZ-Häftlinge das Lager Föhrenwald erreicht, sie erlebten hier ihre Befreiung. Nach dem Krieg funktionierten die Amerikaner das Lager zu einem sogenannten DP Lager um: für die KZ-Häftlinge, für die Zwangsarbeiter und für Überlebende des Holocaust, die nach und nach hier eintrafen – allesamt „Displaced Persons“. Im Oktober 1945 wurde Föhrenwald schließlich – ebenfalls von den Amerikanern – zu einem jüdischen DP-Lager erklärt, das erst im Februar 1957 als letztes jüdisches DP Lager in Europa aufgelöst wurde.

Lesetipp: Wie Erinnerungen überleben

Bereits im Jahr 1955 – und hier beginnt Föhrenwalds drittes Kapitel – hatte die katholische Erzdiözese Freising das Lagergelände gekauft und damit begonnen, hier Menschen aus Böhmen und Mähren, Ostpreußen, Schlesien, Siebenbürgen und dem Sudetenland anzusiedeln – Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben worden waren.

Historisches Kleinod

Was für ein Ort: Nazi-Siedlung und Deportationsstätte für Zwangsarbeiter zugleich, Rettungsort für KZ-Häftlinge, Zuflucht für Überlebende des Holocaust und neue Heimat für Vertriebene aus dem Osten. Auf kleinstem Raum verdichtet sich in Föhrenwald die deutsche Geschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit. Ein Kleinod, ein Schatz für jeden Historiker und deutschen Bildungsverantwortlichen. Dass dieser Schatz nicht schon vor Jahrzehnten gehoben wurde, erstaunt.

Als das historische Badehaus abgerissen werden soll, melden sich engagierte Bürger zu Wort. Ihnen ist es zu verdanken, dass das Haus vor dem Abriss gerettet und eine bemerkenswerte Erinnerungs- und Dokumentationsstätte geschaffen wurde.

Erinnerungsort Badehaus: Klug kuratiert

Nach über 15.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit konnte der „Erinnerungsort Badehaus“ im Oktober 2018 eröffnet werden und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Wer das Museum heute betritt, sieht nichts mehr von der Mühe der vergangenen Jahre, sondern eine wunderbar kuratierte Ausstellung, die durch klare Farben und Formen auch das Auge anspricht. Anna Kubats Brief ist dabei nur eines von vielen interessanten Ausstellungsstücken.

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Ebenso informativ ist es, was man über das jüdische Leben im späteren DP-Lager erfährt, das bis 1951 unter jüdischer Selbstverwaltung stand. Mit eigener Polizei, Gerichtsbarkeit, medizinischer Versorgung und politischen Parteien mutete das Lager fast wie eine jüdische Enklave innerhalb Bayerns an. Zahlreiche Exponate zeugen vom reichen kulturellen, sportlichen und gesellschaftlichen Leben der Überlebenden der Schoah, die hier versuchten, ein neues Leben zu beginnen.

Tafeln der Erinnerung
Politisches Leben im DP Camp. Foto: Hannah Miska

1955 zogen die ersten Heimatvertriebenen in Föhrenwald ein – auch das ist reich bebildert und dokumentiert. Dass Föhrenwald im Jahre 1957 dann in Waldram umbenannt wurde, „um nicht mit dem heruntergekommenen Föhrenwald in Verbindung“ gebracht zu werden, so der damalige Wolfratshausener Bürgermeister, erinnert unangenehm an den braunen Sumpf, in dem die Bundesrepublik noch lange nach dem Krieg steckte.

Lesetipp: Miteinander erinnern

Der Erinnerungsort Badehaus ist beeindruckend und absolut sehenswert. Medienstationen und Zeitzeugeninterviews tragen zum authentischen Erlebnis bei. Im spektakulär gestalteten Raum der Erinnerung gibt es Einblicke in die Lebenswege all derjenigen Menschen, die Zeit in Föhrenwald verbracht haben. Das schließt auch heutige Migranten ein und schlägt so einen Bogen in die Gegenwart.

Erinnerungsort Badehaus
Wald der Erinnerung. Mit Emanuel Rüff, stellv. Vorsitzender des Erinnerungsortes Badehaus. Foto: Hannah Miska

Wer das Badehaus besuchen möchte, sollte Zeit mitbringen – nicht zuletzt für den preisgekrönten schwarz-weiß gezeichneten Film von Michaela Melián, der die wechselvolle Geschichte Föhrenwalds u.a. anhand von Interviews der damaligen Bewohner erzählt.

Bis zum 22. September läuft darüber hinaus die Sonderausstellung „Mitgenommen. Heimat in Dingen.“ – eine Ausstellung zum Thema Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg. 50 Kilogramm Fluchtgepäck waren erlaubt, mehr nicht. Was nimmt man mit, wenn man sein ganzes bisheriges Leben in zwei Koffern unterbringen muss? Anschauungsunterricht für jedermann.

Handwagen im Badehaus
Fluchtgepäck von Herrn Püschel aus Tronitz. Foto: Hannah Miska

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