Herbert Renz-Polster

Demokratie braucht Erziehung

Dr. Herbert Renz-Polster in seinem Online-Vortrag. Foto: Screenshot

Online-Vortrag

So heißt ein Buch des Kinderarztes Herbert Renz-Polster, der jetzt beim Katholischen Bildungswerk Miesbach (KBW) einen Online-Vortrag „Ist Demokratie eine Erziehungsfrage?“ hielt und vehement dafür plädierte, Kindern innere Stärke, Vertrauen und Sicherheit zu vermitteln.

Einleitend stellte der Redner eine Status quo Bilanz dar – den Rechtsruck der Gesellschaft, den aufkommenden Populismus – und machte deutlich, dass die Regierungen auf die brennenden Fragen in unserer krisengeschüttelten Zeit keine befriedigenden Antworten finden.

Die Demokratie sei zweifelsfrei die einzig mögliche Regierungsform, aber auch sie berge Nachteile, sie sei träge und sie habe inhärente Schwierigkeiten mit Zukunftsthemen. „Wir müssen die Probleme behandeln, zusammenstehen und uns würdig behandeln, wenn wir nicht dem Populismus zum Opfer werden sollen“, sagte Herbert Renz-Polster.

Politische Haltung

Dieser sei auf autoritäres Denken aus, auf Unterwerfung unter einem Führer und auf Unterteilung der Menschen in meine Gruppe, die gut und überlegen der anderen, schlechten Gruppen sei.

Woher komme diese innere Haltung der rechtsextremen Populisten, fragte der Redner. Die politische Haltung werde zu Anfang des Erwachsenenalters festgelegt. Bei den Populisten würden Identität, Nation, Geschichte, Stolz, Sicherheit eine große Rolle spielen, zudem fehlendes Vertrauen, was in Verschwörungstheorien gipfle.

Deshalb müssten diese Fragen mit Kindern behandelt werden: Bin ich wertvoll? Muss ich mich schützen? Gehöre ich dazu? Darf ich vertrauen oder bin ich bösen Mächten ausgeliefert? Kann ich mein Schicksal mitbestimmen?

Innere Heimat schaffen

Dabei spiele zum einen die Familie eine große Rolle. Wie sei das Herrschaftssystem beschaffen? Haben die Kinder eine Stimme oder ist es autoritär?

„Wir beantworten nicht immer alle Fragen super“, räumte der Mediziner ein, „aber wenn wir gute Antworten finden, dann bildet sich bei Kindern eine innere Heimat, ein Kern, der okay ist“. Im anderen Fall aber suchen sich die Heranwachsenden einen Ersatz und erliegen den Verlockungen von außen. „Das innere Vakuum wird mit äußeren Aktionen gefüllt.“

Widrige Kindheitsbedingungen

Studien in den USA hätten gezeigt, dass Menschen aus Bundesländern mit harten Kindheiten, etwa auf dem Land, verletzlicher hinsichtlich Versprechungen rechtsextremen Denkens seien.

Das führe zu der Frage, ob in der ehemaligen DDR widrige Kindheitsbedingungen geherrscht haben, da die östlichen Bundeländer stärker auf rechtsextreme Haltungen fixiert seien als die westlichen. In der Tat würden beispielsweise Wochenkrippen diese Annahme bestätigen. Die Belastungen in den Familien nach dem Mauerfall, etwa durch Arbeitslosigkeit, hätten zudem dazu geführt, dass Jugendliche einen Hang zu autoritärem Denken entwickeln.

„Wir brauchen Helfer und nicht Richter“

Letztlich sei auch das Fehlen von zivilen Einrichtungen im ländlichen Raum, wo oft Angebote für Jugendliche fehlen, ein Faktor, der zu Rechtsextremismus führe. Bildung könne nur begrenzt gegen autoritäres Denken schützen.

„Die Schulen haben das nicht erkannt“, konstatierte Herbert Renz-Polster. Schulen müssten zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen, Werte und Resilienz, Vertrauen und Selbstbewusstsein fördern. „Stattdessen machen Kinder Erfahrungen von Angst und Versagen.“ Kinder würden abgeurteilt und fühlen sich einsam. „Wir brauchen Helfer und nicht Richter“, betonte er. Man müsse in den Schulen Bedingungen so schaffen, dass Kinder gedeihen können.

Therapieplatz ist die Schule

Eine große Anzahl von Heranwachsenden brauche psychische Hilfe und müsse lange auf eine Therapie warten. „Der Therapieplatz ist die Schule“, sagte der Vortragende, „dort muss das Kind aufgefangen werden“. Stattdessen liefere die Schule unnötigen Ballast.

Mit einer Viertelstunde Demokratieunterricht sei es nicht getan, sondern in der Schule müssten Kinder erfahren, dass sie selbstwirksam und nicht nur fremdbestimmt sind. „Kinder sind verletzlicher geworden und haben keine Resilienz in unserer sich schnell verändernder Welt.“

Disco statt Mathe

Was also tun? „Sich für bessere Schulen einsetzen.“ Das Problem sei, dass Schulen neben ihrem Bildungsauftrag auch Bewertung und Ausleseverfahren leisten müssen. Die Auslese müsse nach der Schule gemacht werden, forderte Herbert Renz-Polster. Die gute Nachricht sei, dass es bereits zukunftsfähige Ansätze gebe, etwa eine Schule, in der in der ersten Stunde nicht Mathe gelehrt werde, sondern eine Disco stattfinde.

In der lebhaften Diskussion der zahlreichen Teilnehmenden wurde dem Vortragenden immer wieder für seine Ansätze gedankt und eigene Erfahrungen wurden geteilt.

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