
Bewusst innehalten
Kerstin Brandes mit Yvonne Fontane (v.l.). Foto: Christin Schetter
Blaue Stunde in Sindelsdorf
Zu einer inspirierenden neuen Veranstaltungsreihe in RAUMdurchKUNST in Sindelsdorf hatte jüngst Yvonne Fontane die Miesbacher Künstlerin Kerstin Brandes eingeladen. Die Galerie für zeitgenössische Kunst will durch die Blaue Stunde auch einen Raum für den kulturellen Dialog bieten.
Von Anfang an war die von Yvonne Fontane und Manfred Dangl konzipierte und geführte Galerie als Begegnungsraum gedacht. Mit ihrem neuen Konzept aber ist der Dialog wesentlicher Bestandteil. In der Blauen Stunde sind Kunst, Musik und Kulinarik (in Form einer Suppe) in intimem, begrenztem Rahmen verbunden.
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Jetzt war Kerstin Brandes, die derzeit mit ihren Werken in Sindelsdorf zu Gast ist, zum Gespräch in der Blauen Stunde eingeladen. „Es war eine lockere, familiäre Atmosphäre“, erzählt die Künstlerin. In der ausverkauften Veranstaltung wechselte sich Musik mit Interviews ab.
Die Musik war durch das Duo D2 oder „De Zwoa“ mit dem Naturmusiker Toni Rossberger am Keyboard und der klassisch ausgebildete Geigerin Christine Kindermann vertreten. Sie verbinden ihre unterschiedlichen musikalischen Wurzeln zu einem unverwechselbaren Klang zwischen irischem Folk, Pop und Blues. „Und auch die Hausherrin Yvonne Fontane hat zwei Lieder gesungen“, berichtet Kerstin Brandes.

Toni Rossberger und Christine Kindermann. Foto: Christin Schetter
Zwischen den Musikstücken habe sie sie zu ihrer Kunst befragt. Die Miesbacherin ist mit mehreren Themenfeldern in der Galerie präsent. Das sind zum einen Landschaften, die auf der Basis eigener Fotografien entstehen. „Es sind meist Wasserlandschaften, der Tegernsee, Flüsse oder das Meer“, sagt die Künstlerin.
Zum zweiten sind es Porträts. „Sie haben als Grundlage Motive, die ich aus Medien gewinne“, erklärt sie. Herausgerissen aus ihrem Kontext gibt ihnen die Künstlerin in ihrer Welt einen neuen Raum. Insbesondere haben sie die Fotografien des britischen Fotokünstlers John Thompson fasziniert, der Porträts von chinesischer Landbevölkerung schuf.

A Cantones Lady und Tusche-Miniaturen. Foto: Kerstin Brandes
„Das ist schon ungewöhnlich, dass sich ein Europäer dafür interessiert“, sagt die Miesbacherin, die mehrere Jahre mit ihrem Mann in Shanghai und Singapur verbrachte. Die in Öl gemalten Porträts zeigen auch in der Bildaufteilung chinesischen Ursprung. Sie sind in der Farbgebung zweigeteilt, oben Himmel, unten Erde. „Ich verwende diese Aufteilung als Zuschreibung an die Porträtierten“, erklärt die Künstlerin.
Die dritte Werkgruppe zeigt Akte, die Kerstin Brandes in fünf- bis zehnminütigen Sitzungen mit Modellen malt.
In einer letzten Werkgruppe sind Miniaturen zu sehen, die sie mit dickflüssiger chinesischer Tinte fertigt.

Drawing 6. Foto: Kerstin Brandes
Yvonne Fontane habe sie auch nach ihrer Vorgehensweise gefragt. So male sie bevorzugt in Öl auf Leinwand, meist an mehreren Bildern gleichzeitig, da Öl eine lange Trocknungszeit habe. Diese Bilder seien für sie kontemplative Prozesse.
Die Akte indes entstünden in Acryl und Kohle auf Papier, intuitiv, die kurze Verweilzeit der Modelle erfordere schnelles Arbeiten: „Was man da nicht erfasst hat, ist weg, wenn das Modell eine andere Position einnimmt“, sagt sie.
Die Miniaturen seien Skizzen, die Gedankenfetzen, Überlegungen, auch Verwerfungen, beinhalten, bei denen sie spielerisch in sich gehe.
Die Veranstaltung habe ihr großen Spaß gemacht, resümiert Kerstin Brandes. „Sie war ungezwungen ohne starre Planung, leger und die Akustik ist in diesem Raum toll.“

Garten der Galerie RAUMdurchKUNST. Foto: privat
Derzeit sind in der Galerie Werke von Kerstin Brandes, Birgit Schweimler, Brigitte Cabell, Sophie von Berchtolsheim zu sehen, ab 10. Juni kommen Bilder des Tegernseer Künstlers Jürgen Welker hinzu. Darüber hinaus sind in der Dauerausstellung, auch im Außenbereich, Werke von Manfred Dangl und Uta Schnuppe-Strack über einen längeren Zeitraum präsent.
Die Kunst von Kerstin Brandes lässt sich am besten durch ein von ihr verfasstes Haiku beschreiben:
bewusst innehalten im hastigen vorbeigehen
eine unvermutete facette schlendert ins hungrige auge
eintauchen in die andere welt
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