Verletzlichkeit

Verletzlichkeit und Mitmenschlichkeit

Helena und Sebastian Snela. Foto: MZ

Symposium in Weyarn

„Nähe wagen – Verletzlichkeit und Mitmenschlichkeit“ – unter diesem Titel fand das diesjährige Benefiz-Symposiums zugunsten der Domicilium Hospiz-Gemeinschaft in Weyarn im Zusammenhang mit dem 40-jährigen Bestehen der Stiftung Domicilium e.V. statt.

Erst im dritten Anlauf konnte der Rektor der Spirituellen Akademie des Domiciliums Michael von Brück die vormittägliche Vortragsreihe eröffnen. Zu viel hatten Helena und Sebastian Snela noch zur Arbeit des Domiciliums in den vergangenen 40 Jahren zu erzählen und zu viele Ehrengäste aus Politik und Sponsoring mussten noch in dem dicht gefüllten Vortragsraum begrüßt werden, ein Zeichen für das gelebte Miteiander in diesem Haus.

Erkenntnis und Mitgefühl

40 Jahre habe Helena Snela das Haus geführt und begleitet, die nächsten 40 Jahre werde er das tun, versprach Geschäftsführer Sebastian Snela. Beide dankten allen Unterstützern dafür, dass diese Einrichtung, die sich für eine menschenfreundliche Zukunft einsetzt, sich etablieren und für die Menschen Gutes tun kann.

Michael von Brück schloss einfühlsam an die Unterbrechungen an und konstatierte, dass es genau diese seien, aus denen man im Leben lernen und sich Lebenskraft holen könne. Heute sei man zusammengekommen, um die Brücke von der Erkenntnis zum Mitgefühl zu bauen. „Mitgefühl ohne Erkenntnis ist blind, Erkenntnis ohne Mitgefühl ist kalt“, sagte der Theologe und ZEN- und Yogalehrer.

Verletzlichkeit
Rektor der Spirituellen Akademie des Domiciliums Professor Michael von Brück. Foto: MZ

Insbesondere in der Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen ist die ethische und spirituelle Haltung Voraussetzung. Das Symposium sollte zu den Themen Intimität und Offenheit, Verletzlichkeit und Mitmenschlichkeit, ethische Verantwortung und spirituelle Dimension Impulse geben.

Mit Martina Kern war eine Pionierin der Palliativarbeit in Deutschland und Ehrenmitglied der Deutschen Palliativgesellschaft nach Weyarn gekommen. In ihrem praxisnahen und lebendigen Vortrag „Intimität und Offenheit – Über die Zerbrechlichkeit gelebter Nähe“ sprach sie Tabuthemen der Palliativpflege aus der täglichen Arbeit an.

Sex, Scham, Ekel und Schuld

Es waren Themen, über die zumeist nicht gesprochen wird, die aber die Patienten deshalb in die Einsamkeit führen, Themen wie Sex, Scham, Ekel und Schuld. „Seit 20 Jahren hat mich niemand berührt“, hatte ihr ein Patient anvertraut.

Sie erklärte ihre Empfehlung mit der japanischen Methode des Kintsugi. Dabei werden zerbrochene Geschirrteile wieder verklebt, die Bruchstellen aber mit Gold hervorgehoben. „Sie werden nicht verborgen, sondern hervorgehoben als Zeichen der unverwechselbaren Unvollkommenheit.“

Martina Kern bezeichnete den Begleiter in der Palliativmedizin als „wounded Healer“, als Mensch, der sein Mitgefühl zeigen aber nicht für alles gleich Lösungen parat haben solle.


Martina Kern. Foto: MZ

Zum Thema Sex sprach sie sich für ein offenes Gespräch aus. „Sex kommt in der Anamnese nicht vor“, beklagte sie und schränkte ein: „Unsere Rolle als Begleitung ist es nicht, Bedürfnisse zu befriedigen.“

Wie wichtig das Thema ist, zeigte sie an Studien über Tumorpatienten, die nach ihrer Diagnose kaum noch Sex hatten, sich dies aber wünschten. Sie betonte, dass körperliche Zuneigung in Form von Berührungen vom Babyalter bis zum Tod wichtig sei und zeigte Möglichkeiten auf, wie Angehörige dieses Bedürfnis erfüllen können.

Beileiden statt mitleiden

Die Expertin sprach auch über das Thema Scham, das sich oft hinter Masken verstecke. Als Hüterin der Würde bezeichnete sie dieses Gefühl als Schwester des Ekels. Beides sei natürlich und als Pflegekraft möge man die Schutzbedürftigkeit anerkennen, Aufmerksam sein und dem Patienten die geteilte Ohnmacht in unerträglichen Situationen, die man gemeinsam trage, vermitteln.

„Beileiden statt mitleiden“ fasste Martina Kern ihren Vortrag zusammen.

Verletzlichkeit

In den Pausen erfreute die junge Harfenistin Maria Manz aus Valley, die auch im Hospiz ehrenamtlich für die Gäste Harfe spielt, das Publikum.

Im zweiten Vortrag vermittelte Giovanni Maio in einem ebenso tiefgründigem wie berührenden Referat die ethischen Grundlagen zu dem Vortrag von Martina Kern. Der Professor für Medizinethik an der Universität Freiburg ist Mediziner und Philosoph und sprach über „Die Endlichkeit des Lebens – Verletzlichkeit als Ressource ethischer Verantwortung“.

„Der Mensch ist angewiesen auf andere“, konstatierte er eingangs und keineswegs der Einzelkämpfer a la homo faber oder gar auto faber, wie in der Moderne angenommen würde. Er sei kein bindungsloser Nomade.

Verletzlichkeit als Voraussetzung für gutes Leben

„Ich bin hineingeworfen in diese Welt“, sagte er und bereits die Geburt sei ein Symbol für den gemeinschaftlichen Akt. Um autonom agieren zu können, brauche es ander Menschen, brauche es Bindungen und dies verdichte sich am Ende des Lebens. Dann habe der Mensch noch einmal die Chance zu erkennen, was er vorher ausgeblendet habe, die Verletzlichkeit.

„Die Verletzlichkeit ist die Voraussetzung für ein gutes Leben“ konstatierte Giovanni Maio und begründete mit vier Aspekten: Der Körper kann jederzeit Schaden nehmen und diese Verlusterfahrung komme am Lebensende an die Oberfläche. Die Verletzlichkeit äußert sich in Beziehungen, man denke an die Achillesferse. Zum dritten sei unser Leben kontingent, also unvorhersehbar und viertens wisse der Mensch um seine Endlichkeit und dieses Bewusstsein mache verletzlich.


Prof. Giovanni Maio. Foto: MZ

„Verletzlichkeit ist der Modus unsere Existenz“ fasste der Redner zusammen und fügte an: Dieser Zustand der Schwebe könne zum Sturz oder zum Sprung in die Höhe, bei dem etwa die Schönheit einer Bindung erfahren werde, führen.

Unverwundbarkeit also sei als Ideal falsch und behindere eine Weiterentwicklung. Verletzlichkeit indes könne den Sprung zu Sensibilität, Resonanz zur Folge haben und sei deshalb eine Ressource.

So sei die Verletzlichkeit ein Signal der Ermutigung, des Trostes und diene der zwischenmenschlichen Beziehung, weil sie alle Menschen verbindet und Fremdheit überwindet. Sie sei das Scharnier zwischen dem „nicht mehr und noch nicht“.

Den Sprung ermöglichen

So also sei jeder Mensch angewiesen auf die Sorge des anderen und diese Sorge verdichte sich am Lebensende. Wie könne ein gutes Ende ermöglicht werden? Giovanni Maio hatte darauf eine Antwort. Es komme auf das innere Engagement der Begleitenden an, man müsse ein Bündnis mit dem Patienten schließen, seine Potenziale erkennen, Resignation überwinden und auch Versöhnung ermöglichen.

Die Sorge sei ein situativ-kreativer Prozess, bei dem der andere wichtig sei, seine Selbstachtung anerkenne und ihm den Sprung ermögliche. „Sich kümmern ist ein Vorbild für die ganze Gesellschaft“, schloss der Vortragende ab und resümierte: „Die Verletzlichkeit öffnet den Blick für die Kostbarkeit des Lebens.“

Michael von Brück eröffnete die Diskussion mit den Worten: „Der Mensch ist zu höchster Humanität fähig und kann das Potenzial der Verbindung entfalten.“ Die Welt werde nicht durch Aktionen besser, es brauche neue Ideen, bessere Argumente und man müsse Inseln wie diese im Domicilium schaffen.

Die Teilnehmenden hatten am Nachmittag Gelegenheit, sich in Einzelgruppen zu den Vorträgen auszutauschen und mit den Rednern zu kommunizieren bevor Michael von Brück seinen Abschlussvortrag hielt.

Zum Weiterlesen: Von Sterbenden lernen

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