
Nähe auf dem Prüfstand
Agnes Wieser bei ihrer Ausstellung in Stephanskirchen. Foto: CS
Vernissage in Stephanskirchen
Seit letzter Woche zeigt die Weyarner Künstlerin Agnes Wieser im EM-Chiemgau in Stephanskirchen ihre farbstarken figurativen Gemälde. Mit der Schau „Komm mir nah“ beleuchtet sie die Qualität menschlicher Nähe – zu anderen und zu sich selbst.
Wie eine Oase wirkt der Firmensitz von EM Chiemgau in Stephanskirchen, einem Familienunternehmen, das Produkte mit Mikroorganismen für Gartenbau, Tierhaltung, Landwirtschaft und Haushalt herstellt und vertreibt. Dort, im ersten Stock des Ladengeschäfts, sind seit letzter Woche die Bilder der Weyarner Künstlerin Agnes Wieser zu sehen. Unter dem Titel „Komm mir nah“ zeigt sie ihre farbstarken, figurativen Gemälde, die an diesem schönen Ort eine ganz eigene Kraft entfalten.
Komm mir nah – ein wichtiges Thema für die Künstlerin
„Kommt ruhig ein bisschen näher“, fordert Agnes Wieser die zahlreichen Gäste auf, die zur Vernissage am vergangenen Freitag erschienen sind. Die Künstlerin, die an der Akademie der Bildenden Künste in Kolbermoor bei Markus Lüpertz studiert hat, arbeitet seit 2022 hauptberuflich als freischaffende Künstlerin. Die Ausstellung sei laut Agnes Wieser relativ kurzfristig geplant worden. Schnell hätte sie aber die Eingebung gehabt, eine Schau zum Thema „Komm mir nah“ zu machen – einen Gegenpol zum gängigen Ausspruch „Komm mir nicht zu nah“.
Das Bild „Raub der Sabinerin“ (links) und das Gemälde „Tango“ aus der Umarmungs-Serie (rechts). Foto: CS
„In meinen Bildern geht es viel um Umarmungen und Frauenthemen“, sagt sie. Nähe sei ihr total wichtig, ein Thema, das sich bei ihr durchziehe. Es ginge nicht nur darum, Nähe zu anderen aufzubauen, sondern auch zu sich selber. Sie selbst etwa könne sich sehr gut in ihr Atelier zurückziehen, merke aber auch, wie wichtig es sei, Kontakt mit anderen aufzubauen und zu halten. Mit ihren Bildern hinterfrage sie auch, was Nähe sei. Sie sei nicht immer angenehm, wie man etwa in ihrem Bild „Raub der Sabinerin“ sehe, einem klassischen Thema der Kunstgeschichte zu sexualisierter Gewalt.
Komm mir nah – positive Bilder körperlicher Nähe
Ihre Bildserie „Umarmung“ zeigt aber ein durchweg positives Bild körperlicher Nähe: einvernehmliche, sinnliche Umarmungen zwischen Mann und Frau, trostspendende Umarmungen, innige, herzliche Umarmungen etc. Ein Thema also, das sie auf völlig unterschiedliche Weise aufgreift und künstlerisch umsetzt. Sie zeigt darin nicht nur ihre zeichnerische Fertigkeit, den menschlichen Körper in seiner Schönheit darzustellen, sondern auch gestalterische Kraft, ihn mit Farbe und verschiedenen Techniken auf der Bildfläche zu inszenieren.

Umarmung zweier Frauen als Sinnbild für die Begegnung mit sich selbst. Foto: CS
Ein zweites großes Thema ihrer Schau ist Marilyn Monroe, die sie in ihren bekannt ikonischen und vielfotografierten Posen darstellt. Im großformatigen Bild „Strand“ etwa zeigt sie den Filmstar mit weißem Badeanzug und Sonnenschirm, ein Motiv, das dem Betrachter absolut vertraut wirkt. „Ich finde Marilyn Monroe faszinierend, weil sie in der Öffentlichkeit eine positive und kraftvolle Präsenz hatte“, sagt Agnes Wieser – auch wenn sie in Wirklichkeit eine verletzliche Person war und ihr Leben in vielerlei Hinsicht tragisch verlief. Im Bild setzt sie die Ikone in einen abstrakten und farbintensiven Hintergrund aus Pink-, Rot- und Orangetönen, die ihm eine unglaubliche Lebendigkeit und Dynamik verleihen.
Auseinandersetzung mit sich selbst
„Mich hat mal jemand gefragt, warum ich immer so erotische Bilder male“, erzählt Agnes Wieser weiter. Sie selbst sieht das nicht so: „Ich empfinde meine Bilder nicht als erotisch, sondern als sehr intim.“ Sie beschäftige sich nun einmal mit dem Thema, wie man sich als Frau fühlt und was es bedeutet, Frau zu sein. So seien ihre Umarmungsbilder, die zwei Frauen zeigen, etwa keine homoerotischen Darstellungen, sondern stellen die Auseinandersetzung mit sich selbst dar. Was allerdings der Betrachter darin sieht, will Agnes Wieser nicht vorgeben: „Das muss jeder für sich selbst entscheiden.“