Die Kultur des Aufhörens

Nachruf auf mich selbst. Foto: MZ

Buchtipp von KulturVision

„Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens“ nennt Harald Welzer sein aktuelles Buch, in dem er gekonnt wissenschaftliche Ergebnisse, psychologisch/soziologische Einsichten und persönliche Erfahrungen verknüpft und auffordert zu erkunden, wie man gelebt haben will.

Der Soziologe und Autor Harald Welzer gründete 2012 die Stiftung Futurzwei und stellte schon damals die Frage nach der vollendeten Zukunft, also des Futur zwei. Wie will ich gelebt haben? Und wenn ich es weiß, dann sollte ich umgehend mit der Realisierung beginnen. Damit wurde er zum Impulsgeber für unsere Spurwechselinitiative.

Im vergangenen Jahr erlitt er einen schweren Herzinfarkt, dessen transformierenden Erfahrungen er in seinem neuen Buch verarbeitet. Der wirkliche „Nachruf auf mein zu lebendes Leben“ beginnt aber erst auf Seite 207 des ungemein inspirierenden Buches, denn vorher rechnet der Autor mit unserer in die völlig falsche Richtung laufende Gesellschaft gnadenlos ab.

Tatsache der Endlichkeit

Ausgangspunkt seiner Betrachtungen ist die Tatsache, dass 2020 erstmals die tote Materie auf der Erde die Biomasse übertroffen hat. Während die vom Menschen erzeugte Masse ständig wuchs, nahm die Menge an Tieren und Pflanzen kontinuierlich ab. Das könne doch wohl nicht gut ausgehen, fragt er und wundert sich, dass der vernunftbegabte aufgeklärte Mensch sich nicht mit der Tatsache der Endlichkeit auseinandersetze. Nicht nur seiner eigenen.

Es gebe keine wissenschaftliche Disziplin und keine Strategie des Aufhörens, stattdessen zitiert er genüsslich Eva Horns „Zukunft der Katastrophe“, die von „den gemütlichen kleinen Gesten des Fahrradfahrens, Energiesparlampen-Benutzens, Kurzduschens und Elektrogeräte-Reparierens“ schreibt.

Nicht für Kultur des Aufhörens gerüstet

Da unsere Gesellschaft Endlichkeit und Tod negiere, auch die dafür notwendigen Emotionen fehlten, sei der Mensch nicht für eine Kultur des Aufhörens gerüstet. Dies aber sei die Voraussetzung dafür, dass wir die „ökologischen Herausforderungen als Endlichkeitsphänomene akzeptieren und Konzepte des Aufhörens entwickeln“.

In seiner provokanten und deshalb aufrüttelnden Sprache karikiert Harald Welzer Klimaziele als Lebenslüge: „Das Setzen des Ziels blockiert den Weg dahin.“ Nach wie vor geht ja die Wirtschaft davon aus, dass Wachstum unabdingbar ist. Er schlägt vor, statt „Wachstum“ besser “gesteigerter Verbrauch“ zu sagen, vielleicht würde das Problem dann deutlicher.

Entgrenzung von Mensch und Natur

Warum halte der Mensch an dem Gewohnten trotz besseren Wissens fest? Weil Verhalten nicht aus Einsicht entstehe. Ganz im Gegenteil, je bedrohender die Fakten, desto mehr wolle der Mensch noch für sich herausholen. Stattdessen müsse man lernen mit den Katastrophen als Endlichkeitsphänomene umzugehen.

Harald Welzer
Die Kultur des Aufhörens. Foto: MZ

Der Autor belegt mit einem Streifzug durch Geschichte und Philosophie wie sich das mentale Bewusstsein der Menschen entwickelt hat, wie sie sicher sind, dass immerwährendes Wachstum möglich ist und dass eine Entgrenzung zwischen Mensch und Natur stattgefunden hat. Er fordert für das 21. Jahrhundert eine neue Aufklärung, die „die Grenzen der Naturbeherrschung und die Beherrschung des Selbst anerkennt“. Jetzt tue Aufhören not, damit man etwas Neues beginnen könne.

Reinhold Messner als Beispiel für Aufhören

Im zweiten Teil erzählt Harald Welzer beispielhafte Geschichten vom Aufhören und hat prominente Beispiele, wie Reinhold Messner oder Jan Vermeer van Delft aufzuweisen. Auch Abschiede thematisiert er und plädiert für Rituale, so beim Ausrangieren einer veralteten Technologie. Wichtig sei es, den Moment zu erkennen, wo eine weitere Entwicklung falsch sei.

Der Wissenschaftler versteht es, auch schwer verständliche Sachverhalte so aufzubereiten, dass es eine Freude ist, zu lesen, zu verstehen, Aha-Erlebnisse zu haben. Mit seiner unkonventionellen Sprache, die zuweilen auch recht flockig werden kann und seinem ausgeprägten Zorn auf Überflüssiges, wie etwa SUVs, trägt er bei der Leserin zur Erheiterung und Zustimmung bei.

Nachruf auf mich selbst

Der dritte Teil des Buches, also ab Seite 207 ist dann dem Nachruf gewidmet. Hat Harald Welzer zuvor schon von seinem Herzinfarkt berichtet, wird er hier persönlich. In 15 Punkten erklärt er, was in seinem Nachruf stehen soll. Das ist äußerst inspirierend und anregend, sich selbst einmal Gedanken zu machen, was man hören wollte, wäre man auf seiner Beerdigung oder es lieber gleich aufzuschreiben und dann danach zu leben.

Aber es geht ja nicht nur um den Einzelnen, sondern um die allgemeine Frage: Wie wollen wir leben? Und dafür, so argumentiert Harald Welzer, müsse man endlich die richtigen Fragen stellen, wie: Wie bewegen wir uns fort statt wie machen wir Autos klimaneutral?

Und wie er, der dem Tod vorerst knapp von der Schippe gesprungen ist, selbst mit der Angst vor dem Tod umgeht, erfährt der Leser ganz zum Schluss und bekommt auch noch eine Summary mit 12 Merksätzen mit.

Harald Welzer „Nachruf auf mich selbst“, S. Fischer Verlag Frankfurt, 2021

Zum Weiterlesen: Der Wert der Arbeit

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Bitte besuchen Sie uns auf