
Einsamkeit als Freund betrachten
Pfarrerin Ulrike Lorentz und Moderatorin Dr. Monika Ziegler. Foto: Petra Kurbjuhn
2. Holzkirchner Salon
Der 2. Holzkirchner Salon widmete sich dem Thema „Einsamkeit“. Im gut gefüllten Thomassaal fanden sich zahlreiche Interessierte ein, die aus ihren Erfahrungen berichteten und ihre Wünsche äußerten, aus der Einsamkeitsfalle herauszufinden.
Uli Henking vom Wir-Quartier der evangelischen Kirche, das gemeinsam mit KulturVision e.V. den Holzkirchner Salon ins Leben rief, freute sich, dass trotz Biergartenwetters so viele Menschen an dem neu gegründeten Format teilnahmen. War es im vergangenen Jahr das Thema „Armut“, sollte jetzt das Thema „Einsamkeit“ beleuchtet werden.
Lesetipp: Einsam ist man sehr allein…
Als Gesprächsgrundlage hatte Ina Otto, ehrenamtliche Seelsorgerin, ein Impulsreferat vorbereitet. Die promovierte Pharmazeutin fragte als erstes in die Runde, wer schon Einsamkeit verspürt habe. Alle Hände gingen hoch. „Einsamkeit betrifft alle“, sagte sie.

Dr. Ina Otto hielt das Impulsreferat. Foto: Petra Kurbjuhn
Einsamkeit, so definierte sie, sei ein schmerzhaftes Bedürfnis nach sozialen Kontakten. Aber es habe auch etwas Positives, denn es motiviere dazu, etwas dagegen zu unternehmen.
Schon früh solle man sich mehrere Weggefährten suchen, die Kontakte pflegen, aber auch schwache Verbindungen, etwa mit Nachbarn, nicht unterschätzen – sie alle geben Verbundenheit.
Ursachen für Vereinsamung
Auslöser für Einsamkeit seien mangelnde Energie, das Gefühl der Ausgeschlossenheit, Krankheit, Behinderung und Armut. Wichtig seien Orte der Begegnung, die jeder ohne Scham besuchen könne. Die Referentin nannte etwa die Markttage in Holzkirchen am Mittwoch und Samstag.
Digitalisierung habe zudem zu Vereinsamung geführt. Homeoffice, Chatbots, humanoide Roboter, all dies führe zum Verlust der echten menschlichen Beziehungen. Andererseits aber könnte die Digitalisierung auch den Kontakt etwa zwischen Großmutter und Enkeln fördern.
Einsamkeit sei aber auch ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Thema, allein Spaniern hätten Folgen der Einsamkeit Gesundheitskosten in Milliardenhöhe verursacht. Darüber hinaus würden vereinsamte Menschen eher an Verschwörungstheorien glauben, womit eine Gefährdung der Demokratie einhergehe.

Moderatorin Dr. Monika Ziegler. Foto: Petra Kurbjuhn
Die anschließende lebhafte Diskussion wurde von Monika Ziegler, Vorsitzende von KulturVision e.V., moderiert. Sie griff den Aspekt der gesundheitlichen Folgeschäden der Einsamkeit auf und zitierte den Mediziner Joachim Bauer, der in einem Interview gesagt habe, dass Einsamkeit dieselben Schäden wie 15 Zigaretten pro Tag produziere. Zudem betonte sie, dass einsame Menschen viel zu Hause sitzen, und „Sitzen ist das neue Rauchen“, Bewegungsmangel also ein typischer Risikofaktor sei.
Annette Danwatte von der Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Erzdiözese München-Freising brachte einen wesentlichen Aspekt ein: zum einen führe Trennung zu Einsamkeit und zum anderen gebe es auch Einsamkeit in Paarbeziehungen. Das animierte die Moderatorin Erich Kästner zu zitieren:
Kleines Solo
Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weißt Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
Ihre Organisation biete als Hilfsmittel Treffpunkte für frisch Getrennte und für Alleinerziehende an.
Von der sozialen Beratung der Diakonie war Sarah Angele gekommen, die hervorhob, dass das Thema Einsamkeit insbesondere ältere und alleinerziehende Menschen betreffe, dafür sei Toms Café ein geeigneter Treffpunkt.
Pflege und Tod von Angehörigen
Aus dem Publikum gab es eine Vielzahl von Erfahrungsberichten, etwa der Mann, der jahrelang die Mutter pflegte und dadurch in die Einsamkeit abrutschte. Er habe Hilfe bekommen beim Hospizkreis und beim Verein Anthojo.
Nach dem Tod ihres Mannes sei sie vereinsamt, erzählte eine Frau, da sie keine Verwandte habe und sich völlig allein auf der Welt fühle. Sie wünsche sich so sehr eine Familie. Eine junge Frau mit zwei Kindern, neu in der Marktgemeinde indes wünschte sich eine Art Nanny für die Kinder, damit sie einmal aus dem Alltagstrott hinauskönne.

Uli Henking vom Wir-Quartier. Foto: Petra Kurbjuhn
Als wesentliche Hilfsmittel gegen Vereinsamung kamen aus dem Publikum folgende Ideen: Ehrenamt, wozu es Angebote bei der evangelischen Kirche und der Bürgerstiftung gibt, Nachbarschaftshilfe, Ausüben von Hobbies, etwa Wandern mit dem Alpenverein.
Uli Henking wies noch einmal auf die Angebote im Begegnungszentrum im Thomassaal hin, die auf der Webseite der evangelischen Kirche abrufbar sind.
Einsamkeit als Motivator
Ganz wichtig, so wurde mehrfach betont, seien Angebote auch am Sonntag und abends für Berufstätige.
Monika Ziegler rief dazu auf, die Einsamkeit nicht als Feind, sondern als Freund wahrzunehmen, als Freund, der an der Hand nimmt, um eine Änderung im Leben selbst herbeizuführen.

Pfarrerin Ulrike Lorentz. Foto: Petra Kurbjuhn
Ganz zum Schluss eilte noch Pfarrerin Ulrike Lorentz von einem Treffen der Konfirmanden vorbei und konnte eine Frage eines Besuchers beantworten: Ob gläubige Menschen weniger einsam seien als Atheisten? Dazu kenne sie keine Studien, aber sie sei davon überzeugt, dass gläubige Menschen, egal welcher Glaubensrichtung, sich in eine Gemeinschaft eingebunden fühlen und in dieser Gemeinschaft Halt finden.