Ein (Rück)blick hinter die Kulissen

Marc Haller Erwin. Foto: Veranstalter

Die 9. Weyarner Kleinkunsttage

Ein Anruf von Monika am Sonntagnachmittag. Der Frühschoppen mit dem Trio Obermüller ist grad vorbei, bis zum Soundcheck von Gankino Circus für das Konzert am Abend sind noch zwei Stunden Zeit. „Könntest du den Bericht schreiben? Ich bin krank.“

Meine Begeisterung dafür nach vier Tagen Dauereinsatz hält sich in Grenzen…aber wir einigen uns darauf, dass ich keine Konzertkritik, sondern ein Resümee schreiben darf, was mir halt so durch den Kopf geht.

Eine Stunde Spaziergang in der Sonne von der Weyhalla querfeldein Richtung Wattersdorf, Traumwetter, Ruhe, runterkommen, Eindrücke sortieren, Begebenheiten nachwirken lassen. Los geht’s für die Leute vom MuKK (Musik – und Kleinkunst) schon am Mittwochabend. 100 Stühle vom hintersten Eck der Turnhalle nach oben in den kleinen Saal schleppen, Bühne aufbauen, Nina dekoriert und gibt dem Gang geschickt so viel Farbe und Flair, dass man die Turnhallenatmosphäre fast vergisst. Wie schön, dass wir so viele MuKKler sind – in den Anfangsjahren haben Girgl und ich die Stühle auch schon zu zweit her – und wieder weggeräumt.

Chrissi Eixenberger – frisch, brilliert schauspielerisch

Donnerstagnachmittag dann der schon gewohnte Ablauf aus den Jahren zuvor. Mein Kollege Martin Lidl kommt aus München, baut die Soundanlage auf, checkt das Licht, dann hört man erstes Geklapper aus der Küche von Vroni und Markus, die passend zum jeweiligen Abendprogramm aufkochen. Klein, aber sehr fein.

Die einzelnen Veranstaltungen hätten unterschiedlicher nicht sein können, ebenso die Künstlertypen. Chrissi Eixenberger legt ihr Programm souverän hin, sehr sympathisch, frisch, brilliert schauspielerisch, wir erfreuen uns an den wunderbaren Charakteren ihrer Schulkinder, die man bildlich vor sich sieht „Sie, Frau Eixenberger, host du an Frei-eind?“. Mit dem Publikum (also ihren Schülern) geht sie trotz Ratscherei milde um und amüsiert sich selber königlich.

Marc Haller Erwin – tollpatschig, liebenswert

Freitagabend – Marc Haller alias Erwin aus der Schweiz. Was für eine großartige Figur, tollpatschig, liebenswert, sehr dünn – „der Applaus ist das Brot des Künstlers“…Er zaubert großartig, eher beiläufig und erzählt nebenbei immer wieder Geschichten seines Großvaters. Einmal erscheinen nacheinander sieben große Lautsprecher aus seinem Koffer, ein andermal durchbohrt er das Jackett eines Zuschauers und verblüfft mit einem magischen Quadrat, in dem alle Summen doch wieder das Geburtsjahr ergeben. Berührend wird es, als er seine Show nicht mit einem grossen Knall enden lässt, sondern nochmal seinen geliebten Großvater anhand eines Mantels und Hut aufleben lässt, der den kleinen Erwin liebkost. Das Publikum ist zu Tränen gerührt – und wird doch gleich wieder weitergeschubst. „Wissen Sie, und dann ist er ganz ruhig in seinem Sitz eingeschlafen. Ein Tod, wie man ihn sich wünscht. Was man leider von seinen drei Mitfahrern nicht behaupten kann.“

Großes Kino.

Nachher erzählt er mir, dass er unglaublich aufgeregt ist bei jedem Auftritt und vorher vor Nervosität nichts essen kann, der arme Kerl. Der komplette Gegensatz dazu einen Abend später: der bayrische Liedermacher Roland Hefter. Er hatte mit Martin ausgemacht, dass er um halb sieben zum Soundcheck kommen wolle, um 19 Uhr ist Einlass…coole Socke. Irgendwie verwechselt er aber dann die Uhrzeit und ist doch schon um halb sechs da.

Marc-Haller-Erwin

Roland Hefter – authentisch, sympathisch

Er baut Gitarre und Verstärker auf, ist nach einer Viertelstunde fertig und überlegt, ob er doch nochmal kurz heim nach Ramersdorf fährt, da er seine Merchandising-Fussmatten mit der Aufschrift „As Leb’n is eh scho schwer und jetzt kommst du daher“ vergessen hat. Doch dann geht er lieber zum Fussballschauen zum Alten Wirt „um ¾ 8 bin I spätestens wieder do“.

Das Publikum strömt in die Weyhalla, das Konzert ist ebenso ausverkauft wie die beiden zuvor. Alle sitzen im Saal, es ist fünf vor acht, von Roland keine Spur. Ich werde bißl nervös und beschließe grad, zum Alten Wirt zu gehen, als er mir doch entgegen kommt, total entspannt. „0:0. Pack ma’s!“ Und los geht’s. Authentisch, sympathisch, man muss ihn einfach mögen. Refrains mit hohem Mitklatschfaktor und wunderbare Geschichten des Alltags. „Und dann hob I mir so a Himalayasalz kauft und wisst’s wos? I bin ich so ein Glückskind! Des Salz is 40 Millionen Jahre alt, steht drauf – und am 15.10.2016 läuft’s ab!“

Offenes Singen – afrikanisch, syrisch

Vor dem Konzert am Abend hat übrigens noch eine neue Idee Premiere, die am letzten MuKK-Stammtisch geboren wurde – ein Offenes Singen für Menschen aller Nationen. Susanne kümmert sich um den Kontakt zu den anderen Helferkreisen im Landkreis, unsere Sponsoren sind von der Idee so angetan, dass sie zusätzlich für alle Teilnehmer eine Einladung zu Kaffee und Kuchen zusagen. Wir wissen nicht so genau, was uns erwartet, wie viele Menschen werden kommen, wie passt das alles zusammen?

Um es kurz zu machen: es kommen viele, über 60 Menschen aus dem ganze Landkreis, darunter knapp die Hälfte Flüchtlinge. Der Musiktherapeut Christian Galle-Hellwig leitet das Ganze an, afrikanische Lieder, Popsongs, ein syrisches Lied – und nebenbei wird die Bühne von einzelnen Sängerinnen und Sängern erobert, zwei Frauen aus Afrika tragen Lieder vor, ein junger Mann, ein syrischer Junge. Der Weyhalla-Soulchor singt spontan ein a capella Stück, gemeinsamer Abschluss mit „What a wonderful world“ unter Girgls Anleitung…see you again next time!

Trio Obermüller – virtuos, leicht

Der Frühschoppen am Sonntag mit dem Trio Obermüller wiederum steht unter dem Zeichen höchster Virtuosität. Christoph Bencic fidelt mit einer Leichtigkeit dahin, die man (als Kollege) eigentlich nur als unverschämt bezeichnen kann, seine beiden Begleiter spielen nicht weniger virtuos, das Publikum dankt es ihnen mit großem Applaus.

Gankino Circus – skurill, leise

Bleibt noch der Sonntagabend mit Gankino Circus. Was die Vorverkaufszahlen betrifft, waren die vier Musiker aus Dietenhofen in Mittelwestfranken mit Klarinette, Gitarre, Akkordeon und Schlagzeug mein heimliches Sorgenkind. Aber selbst das Problem löst sich noch – angefixt durch die letzten Abende kommen einige Zuhörer nochmal in die Weyhalla, diverse Spontanbesucher finden auch noch den Weg her, alles gut. Und schon wieder: grosses Kino. Großartige Musiker, die auch die ganz leisen Töne können. Und auch die schnellen, lauten, sich-nicht-auf-dem Stuhl haltenden tanzbaren Töne. Dazu eine unglaublich skurrile Show, die schwer zu beschreiben ist. Vier Typen, die von einem Geschichtenerzähler präsentiert werden, sich um Instrumentalsoli streiten, beleidigt sind, sich während des Schlagzeugsolos das Dress des gegnerischen Fussballvereins anziehen, streiten, wieder versöhnen und am Ende wieder ganz leise das Publikum in ihren Bann ziehen. Großartig.

Resümee? Es gibt genau ein Wort dafür: glücklich. Glücklich, dass so viele Menschen seit Jahren ein eingespieltes Team sind und die Veranstaltung zusammen stemmen. Glücklich, dass die Zuhörer unser Angebot nicht nur wahrnehmen, sondern sehr schätzen und die vier Tage als „fünfte Jahreszeit“ betrachten. Glücklich, dass selbst Experimente wie das Offene Singen oder absolut schräge Bands aus Mittelwestfranken gut ausgehen. Glücklich, dass wir Sponsoren haben, die das alles mittragen. Danke!

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