Die „Stadt des Anstosses“

Lehde Museum

Im Museum in Lehde empfängt uns eine Frau in sorbischer Tracht. Foto: Petra Kurbjuhn

Unterwegs im Osten Deutschlands, Teil 3

Heute ist ein touristischer Tag angesagt: der Spreewald. Danach aber entdecken wir mit der eher unbekannten Stadt Jüterbog die „Stadt des Anstosses“, hier hat die Reformation ihren Anfang genommen. Die Tour endet wieder touristisch: in Potsdam, und mit Erich Kogler.

Von Beeskow aus fahren wir lange schnurgerade Straßen, zumeist mit gut ausgebauten Radwegen daneben, Richtung Südwesten durch die Märkische Heide. Die Kiefernwälder nehmen kein Ende und wir denken an die Erzählung von Christa Wolf „Kein Ort. Nirgends“. Auch wenn sie im Rheingau spielt und die fiktive Begegnung von Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode wiedergibt.

Tor zum Spreewald

Lübbenau liegt im Landkreis Oberspreewald-Lausitz im südlichsten Teil des Landes Brandenburg und gilt als das Tor zum Biosphärenreservates Spreewald. Damit soll diese 475 Quadratkilometer große unter der Schirmherrschaft der UNESCO stehende in Mitteleuropa einmalige Landschaft mit ihrem 1575 Kilometer langen Netz von natürlichen und künstlichen Wasserläufen der Spree bewahrt werden.

Im Hafen entscheiden wir uns für eine vierstündige Kahnfahrt mit Frank, der einen Kahn für 20 Personen stakt. Zwischen den einzelnen Tischen erinnern uns Plastikfolien, dass alles trotz zahlreicher Touristen immer noch etwas anders ist.

Spreewald Kahn Frank Hensel
Frank Hensel stakt uns durch den Spreewald. Foto: Petra Kurbjuhn

Die langsame Fahrt durch die unterschiedlichen verzweigten Wasserläufe wirkt entschleunigend, wir hören den Vögeln zu, schauen den Enten und Ringelnattern zu, erfreuen uns an der Flora der vorbeiziehenden Wald- und Wiesenlandschaft und machen schließlich halt im Dorf Lehde.

Das unter Denkmalsschutz stehende Inseldorf mit etwa 100 Bewohnern war in der Vergangenheit ausschließlich auf dem Wasserweg zu erreichen. Es besteht aus einzelnen sogenannten Kaupen, das sind Sandinseln zwischen den Fließen, also Wasserläufen.

Spree
Eine entschleunigende Fahrt durch die Wasserläufe der Spree. Foto: Petra Kurbjuhn

Die Kaupen sind zumeist nur vom Wasser aus zu erreichen, auch der Postverkehr und die Müllabfuhr geschieht per Boot, klärt uns Frank auf. Spazierengehen im Dorf ist nicht möglich, kurze Wege enden immer wieder am Wasser oder in einer Hauseinfahrt.

Historische Bauernhäuser wie bei Wasmeier

Aber es gibt ein Museum. Ähnlich wie das Wasmeier-Museum in Schliersee sind hier historische Bauernhäuser mit altem Handwerk zu besichtigen. Uns empfängt eine freundliche Frau in der sorbischen Spreewaldtracht und erklärt uns, was es alles zu sehen gibt. Insbesondere für Familien mit Kindern ist das Freilandmuseum empfehlenswert. Hier kann man eine Menge selbst machen: Wäsche waschen, Kühe melken, in Holzpantinen gehen, ein Spreewaldhaus bauen.

Ein bisschen wie aus der Welt gefallen wirkt dieses Dorf und wir nehmen die Atmosphäre gern auf der Rückfahrt nach Lübbenau mit.

Jüterbog ist „Stadt des Anstosses“

Stadt des Anstosses
Johann Tetzel, der Ablassprediger, war Anstoss für die Reformation. Foto: Petra Kurbjuhn

Jeder kennt aus dem Religionsunterricht den Ablassprediger Johann Tetzel, aber dass er insbesondere in Jüterbog predigte, ist eher unbekannt. Dies war ein Anlass, der zu Martin Luthers 95 Thesen führte und damit zur Reformation. Jüterbog bezeichnet sich heute stolz als die „Stadt des Anstosses“, hat darüber hinaus aber eine Menge an Geschichte und Architektur zu bieten.

Stadt des Anstosses
Marktplatz mit Rathaus vom Jüterbog. Foto: Petra Kurbjuhn

Immerhin drei Klöster, drei Stadttore, Wehrtürme, Brandenburgs ältestes Rathaus und die Kirche St.Nikolai. Das Mönchenkloster, ehemals Franziskanerkloster, wird heute als Kulturzentrum genutzt und beherbergt die Stadtbibliothek und die Theater- und Konzertstätte, sowie das Museum, die Stadtinformation und das Archiv.

St. Nikolai
St. Nikolai in Jüterbog. Foto: Petra Kurbjuhn

Die gotische Kirche St. Nikolai fällt durch ihre zwei unterschiedlichen Türme auf, der nördliche Turm ist ein Oktogon mit Haube und Laterne, der südliche Turm hat die Form eines Spitzhelmes. Leider können wir die Kirche nicht besichtigen, aber wir erfahren, dass es als Besonderheit in der Kirche einen Tetzelkasten gibt, der dem Ablasshändler abgenommen wurde.

Sabinchen und Treuenbrietzen

Wir fahren durch den Fläming, einen eiszeitlich gebildeten Höhenzug gen Norden. Dieser sehr dünn besiedelte Landstrich wurde von Flamen besiedelt. In den wenigen Dörfern entdecken wir mittelalterliche Feldsteinkirchen und kommen nach Treuenbrietzen.

Sofort klickt es im Gehirn und man erinnert sich an die Moritat vom Sabinchen, dem holden Frauenzimmer, das vom jungen Mann aus Treuenbrietzen, dem Schuhmacher, verführt und letztlich ermordet wurde.

Sansoucci
Im Park von Schloß Sansoucci. Foto: Petra Kurbjuhn

Lieber fahren wir weiter nach Norden, um Potsdam wenigstens einen Kurzbesuch abzustatten. Für die Residenzstadt der preußischen Könige sollte man mehrere Tage einplanen, wir bummeln durch die autofreie Innenstadt und durch den Park von Schloss Sansoucci und haben dann bei strahlendem Sonnenschein Lust auf Baden.

Campingplatz Lehnin
Abendstimmung am Campingplatz in Lehnin. Foto: Petra Kurbjuhn

Ein traumhaft gelegener Campingplatz am Klostersee Lehnin erfüllt uns diesen Wunsch. Wohnmobil direkt am Wasser. Urlaub. Und, um mit Erich Kogler zu sprechen: „I möcht einfach nur da sitzen“:

Lesetipp: I möcht einfach nur da sitzen

Was es darüber hinaus in Lehnin und anderswo noch zu entdecken gibt, erfahren Sie im Teil 4 unserer Reportage: Unterwegs im Osten Deutschlands.

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