
Art Walk: Bayrischzell als offene Galerie
Burkhard Niesel, Marica Doll und Jürgen Altmann (von links) im Kunstwald. Foto: Helen von der Höden
Ein Gespräch über Kunst im Dorf, Schaufenster und ein Loch in einer Garagenwand
Über 100 Kunstwerke stehen in Schaufenstern, Vorgärten und im Wald: Zum 950-jährigen Ortsjubiläum ist Bayrischzell eine Freiluftgalerie, rund um die Uhr geöffnet. Jedes Werk erzählt sich per QR-Code selbst. Was macht das mit einem Dorf, in dem sonst Berge und Trachten den Ton angeben und wie kam es zu dieser Idee? Unsere Autorin Helen von der Höden hat mit den Machern des Art Walk gesprochen.
Bayrischzell beheimatet rund 1.600 Einwohnerinnen und Einwohner und in diesem Sommer auch 129 Kunstwerke. Sie stehen unter dem Titel Art Walk in Schaufenstern und Vorgärten, auf öffentlichen Plätzen, in der evangelischen Heiliggeistkirche und mitten im dichten Wald. Anlass ist das 950-jährige Ortsjubiläum.
Entstanden ist der Art Walk aus Jürgen Altmanns beliebter Almvernissage, die er für das Jubiläum vom Berg ins Tal geholt hat. Die Idee, Kunst in die Schaufenster zu bringen, stammt von Marica Doll. Ausgewählt und organisiert hat die Schau der Verein Kultursprung mit dem Vorsitzenden Burkhard Niesel.
„Gestaltung in einem geschlossenen Raum finde ich nicht so spannend“
KulturVision:
Wie würdet ihr in einem Satz erklären, was der Art Walk ist?
Marica Doll:
Ein Kunstpfad mit Land-Art-Skulpturen, verbunden mit Kunst im Schaufenster.
Burkhard Niesel:
Kunst im Trockenen und Kunst im Regen.
Jürgen Altmann:
Eine begehbare Kunstgalerie, 24 Stunden geöffnet, sieben Tage die Woche.
KulturVision:
Jürgen, deine Almvernissage bringt seit Jahren Kunst auf die Peterbaueralm. Was reizt dich daran, Kunst an Orte zu stellen, an denen man sie nicht erwartet?
Jürgen Altmann:
Ich möchte Künstlern Platz zur Verfügung stellen, damit sie neue Kunst außerhalb von geschlossenen Räumen schaffen und präsentieren können. Kunst muss gestaltet werden, und die Gestaltung in einem geschlossenen Raum finde ich nicht so spannend. Wenn ein Künstler ausreichend Platz bekommt, kann er Dinge umsetzen, die er vielleicht schon immer mal umsetzen wollte.
Vom Berg ins Tal
KulturVision:
„Almvernissage goes Tal“ – woher kam die Idee, das Format vom Berg herunter ins Dorf zu holen?
Jürgen Altmann:
Der Anlass war die 950-Jahr-Feier von Bayrischzell. Wir wollten die Menschen im Ort mit Kunst inspirieren.
Burkhard Niesel:
Dazu kommt ein ganz praktischer Grund. Die Almvernissage fand mit großem Aufwand immer nur an einem Wochenende statt, da kamen tausend Leute oder mehr. Jetzt lohnt sich der Aufwand, weil über drei Monate alles gesehen werden kann. Wer an dem einen Wochenende keine Zeit hatte, kann es sich jetzt einplanen.

Land-Art im Wald – „Swimming through the bushes“ von Christian Häusler. Foto: Helen von der Höden

Land-Art im Kunstwald – „Symbiotische Struktur“ von Sebastian Steinböck. Foto: Helen von der Höden
KulturVision:
Auf der Alm ist schon der Weg dorthin Teil des Erlebnisses. Was geht verloren, was kommt dazu, wenn die Kunst ins Dorf zieht?
Jürgen Altmann:
Die Kunst wird im Dorf mehr wahrgenommen, professioneller und sichtbarer. Die Vernissage auf der Peterbaueralm war etwas Besonderes, aber mir kam es so vor, als hätte die Kunst dort nicht den Stellenwert Nummer Eins. Viele Leute kamen, weil es ein schöner Ausflug auf eine Alm war. Was statt des Aufstiegs über Wanderwege zur Alm nun neu dazu kommt, ist der Kunstwald hinter der Kneipanlage. Dieser ist nicht sofort sichtbar und man folgt den Neonmarkierungen auf Ästen und Steinen und betritt einen kleinen unscheinbaren Pfad in ein dichtbewachsenes Waldstück. Wir haben diesen Weg frei gemacht und dort die Kunst zwischen den Büschen und Bäumen platziert. Ich kann jedem den Besuch nahelegen und diesen besonders nachts empfehlen. Alle Werke werden angestrahlt und ich finde es im Wald im Dunkeln einfach magisch.
Marica Doll:
Mir ist der Unterschied wichtig zwischen einer Skulptur, die man einfach draußen aufstellt, und echter Land-Art. Was der Besuchende im Kunstwald findet, ist Land-Art, die im Geiste des Künstlers, in Auseinandersetzung mit der Situation vor Ort und mit dem Material entstanden ist.
Burkhard Niesel:
Unser Slogan ist: Kunst trifft Natur – Ort trifft Vision. Spannend ist, dass manche Werke die Lichtung und den Wald brauchen, damit sie überhaupt hängen können. Man nimmt die Zwischenräume zwischen den Bäumen anders wahr, wenn etwas darin hängt – der Blick geht nach oben, kaum noch auf den Boden. Und das Dorf sieht etwas, was es noch nie gesehen hat. Dass ein Ort sich dem Tourismus öffnet, ist gang und gäbe. Aber jetzt sind Künstler mit fremden Gedanken gekommen und zeigen uns neue Sichtweisen auf die Natur.
Magnet statt Marktplatz
KulturVision:
Marica, die Idee, Kunst in die Schaufenster zu holen, geht auf dich zurück. Wie überzeugt man einen Ladenbesitzer, sein Fenster herzugeben?
Marica Doll:
Es war meine Idee, aber Jürgen und Burkhard sind in Bayrischzell von Haus zu Haus gegangen. Die beiden waren großartig. Obwohl wir sowieso noch alljährlich die „Kunstausstellung Bayrischzell“ organisieren, hat uns das Jubiläumsjahr beflügelt, eine weitere Schippe draufzuladen. So eine Gelegenheit kann man sich einfach nicht entgehen lassen. Ich bin stolz auf Bayrischzells Geschichte!
Burkhard Niesel:
Beim Hängen der Werke gab es dann sehr schöne Begegnungen mit den Inhaberinnen und Inhabern. Sie hatten mit Schrecken gedacht, wir hängen alle Fenster zu und es wird drinnen dunkel. Das haben wir beim Metzger, beim Schreibwarengeschäft und beim Friseur natürlich nicht getan, sondern die Kunst in das bestehende Schaufenster integriert.

Kunst im Schaufenster im Foto Huber. Foto: Helen von der Höden

Kunst mitten im Ort – ein Werk von Babette Brühl an einer Hauswand. Foto: Helen von der Höden
KulturVision:
Ein Schaufenster ist eigentlich ein Ort des Verkaufens. Das erste Bild war innerhalb einer Stunde verkauft. Wird die Freiluftgalerie damit zum Marktplatz?
Marica Doll:
Ich glaube nicht, dass ein Metzger sauer ist, wenn jemand das Bild kauft und nicht seine Wurst. Das ist ein weiteres Produkt, das hinzukommt, ein Magnet für Aufmerksamkeit und kein Konkurrent.
Burkhard Niesel:
Die Besitzer eines Schaufensters bekommen 20 Prozent, wenn ein Werk verkauft wird. Die meisten hatten diese Abmachung schlicht vergessen und waren dann erstaunt. Der eigentliche Gewinn liegt aber in der Beschäftigung mit Kunst. Vielleicht entsteht in einem Laden ein inspirierendes Gespräch über die Bilder, die da jetzt im Schaufenster hängen.
Leuchten in den Augen
KulturVision:
Der Kultursprung hat weit über 100 Werke ausgewählt. Nach welchen Kriterien wurde entschieden, was in den Wald, ins Schaufenster oder in den öffentlichen Raum kommt?
Burkhard Niesel:
Es sind sogar insgesamt 129 Werke von 51 Künstlern. Wir haben uns über jeden gefreut, der Arbeiten gebracht hat. Wir waren nicht sicher, ob wir alles unterbringen – aber jeder Künstler, der sich beworben hat, konnte bei diesem ersten Mal teilnehmen. Dann war die Frage: Wer braucht ein ganzes Geschäft? Wir haben zwei leerstehende Läden bekommen und zu kleine Galerien mit komplett schwarzem Hintergrund ausgebaut. Dort haben Uschi Siebauer und Daniel Stacherdinger ganze Installationen. Bei den anderen Schaufenstern mussten wir schauen, was in die Fläche passt. Wichtig ist uns auch ein Dankeschön an die Pfarrerin Ilka Huber der evangelischen Heiliggeistkirche, wo wir 19 Werke präsentieren dürfen.
Jürgen Altmann:
In einem Schaufenster läuft abends eine Videoinstallation des ukrainischen Künstlers Serhii Torbinov. Da gab es nicht einmal Strom. Wir konnten von einer Garage nebenan ein Loch bohren und ein Verlängerungskabel legen, damit das überhaupt stattfinden konnte. Alle haben zusammengeholfen, vom Bauhof bis zu den Geschäftsleuten. Man hat gespürt, dass ein Zusammenhalt im Dorf stattfindet – und das, obwohl Kunst für die meisten nicht greifbar ist. Genau darum ging es: die Einwohner einbinden.
Marica Doll:
Ich habe ein Leuchten in den Augen der Bayrischzeller gesehen, als sie angefangen haben, darüber zu reden. Das war ein bisschen eine Frischzellenkur für uns alle. Wer hier aufwächst, nimmt immer alles gleich wahr – und dann schaut plötzlich ein Haus ganz anders aus. Das hat sich auch darin gespiegelt, dass die Bewohner, die keine Schaufenster haben, einfach auch mitmachen wollten, auf uns zugekommen sind und uns ihre Gärten als Ausstellungsfläche angeboten haben. Was wirklich ein Riesenkompliment an uns ist! Die Werke sind auf privaten Flächen auch geschützter …
KulturVision:
Gab es bei der Organisation eines Events dieser Größe auch Herausforderungen?
Burkhard Niesel:
Es gibt keinen Kulturetat für diese Ausstellung, was in Städten üblich ist. Der Verein Kultursprung, die Mitarbeitenden und die Künstler machen das rein ehrenamtlich. Und kein Kunstwerk ist gegen zufällige Zerstörung, Beschädigung oder Vandalismus versichert. Das ist ein großer Vertrauensvorschuss an den Ort. Die Künstlerinnen und Künstler reisen auf eigene Kosten an und transportieren ihre Arbeiten teilweise mit dem eigenen Kranwagen.

Kunst am Wegesrand – die Tuschzeichnung „Nick Cave“ von Florian Marschall im Schaukasten. Foto: Helen von der Höden

Ein Werk im Vorgarten – Eine Motorhaube im Blumenbett von Richard Wurm. Foto: Helen von der Höden
Was bleibt
KulturVision:
Nach dem 26. September ist Schluss. Bleibt etwas, wird es Tradition, oder ist das Vergängliche Teil des Konzepts?
Jürgen Altmann:
Das Objekt „Symbiotischen Struktur“ von Sebastian Steinböck im Wald bleibt hängen. Sein Konzept ist, dass es sich in die Natur einbindet und einwächst und bemoost. Und die Stahlobjekte und Skulpturen sehen ohnehin so aus, als wären sie schon immer da gewesen. Vielleicht hat die Gemeinde Interesse, etwas zu erwerben, das wäre wundervoll.
Burkhard Niesel:
„Das Paar“ von Georg Brinkies im Kurpark zieht die Menschen regelrecht an, sich dort auf den Liegen niederzulassen. Und wir können uns auch vorstellen, dass einige Ladenbesitzer im Schaufenster dauerhaft etwas aushängen möchten.

„Das Paar“ von Georg Brinkies im Kurpark. Foto: Helen von der Höden
Gute Veränderung
An einem lauen Sommerabend durchquere ich den Ort und merke, dass sich etwas verschoben hat: Ich bleibe vor Schaufenstern stehen, an denen ich sonst vorbeigehe, und schaue mich neugierig um, statt auf das Smartphone. Die Menschen, die hier leben, haben Strom verlegt, Fenster freigeräumt, Beleuchtungen angebracht und ihre Gärten geöffnet. Alles damit Bayrischzell bis Ende September zu einer 24/7-Galerie wird, die niemand aufsperren muss. Dem Ort hat dieser Sommer sichtbar gutgetan und ich wünsche mir, dass noch viele Kunstsommer dieser Art folgen.